DESIGNHOTEL: Höher ist nur das Münster

Das Hotel Aquaturm in Radolfzell am Bodensee gilt als das weltweit erste Null-Energie-Hochhaus. Einst sollte es ein Büroturm mit Café werden.

Text und Bilder: Gerhard Herr
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Investor und Bauherr Jürgen Räffle mit seiner Lebenspartnerin Ursula Sohst.

Investor und Bauherr Jürgen Räffle mit seiner Lebenspartnerin Ursula Sohst.

Text und Bilder: Gerhard Herr

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Der Rundumblick aus den Fenstern oder vom Balkon der im 12. Stock befindlichen und das ganze Stockwerk umfassenden «Zeller Spa Suite» ist atemberaubend und in der Hotellandschaft am Bodensee wohl einmalig. Dank der Glaswände im Bad geniessen ihn die Gäste vom Whirlpool aus genauso wie unter der Regendusche, im XXL-Bett oder vor dem Cheminée. Wenn beim abendlichen Blick über die Radolfzeller Altstadt und den Bodensee bis hin zur Alpenkette der runde Tisch zwischen den Sofas stören sollte, können die Gäste ihn per Knopfdruck in der Decke verschwinden lassen.

Das ist nur eine der extravaganten Ideen des Architekten und des Aquaturm-Erbauers. Ebenso einmalig ist die zur Suite gehörende Rundum-Terrasse. Ein Stockwerk tiefer, in der als Frühstücksraum, Café oder für Familienfeiern genutzten «Untersee Lounge», geniessen die Hotelgäste ebenfalls den Blick durch die Panoramafenster. «Unsere Lounge ist das private Wohnzimmer für alle Gäste», sagt Architekt Norman Räffle, der mit seinem Vater Jürgen Räffle den Wasserturm – grösstenteils in Eigenarbeit – während acht Jahren um- und zum Hotel ausgebaut hat. Um die Gäste kümmert sich im familiengeführten Garni-Hotel Jürgen Räffles Lebens­gefährtin Ursula Sohst.

Haus wird während dreier Jahre vermessen

Das erst im vergangenen Frühling eröffnete Designhotel verbindet Nachhaltigkeit und Komfort. Das Gebäude wird zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie versorgt. An den Aussenmauern und auf dem Dach sind Fotovoltaikpaneele montiert. Auf ­der Turmspitze in 50 Metern Höhe steht eine Windkraftanlage. Zum Gesamtkonzept gehören Geohydrothermie-Pumpen, die bis ins Grundwasser reichen. ­ Zu den vielen Sonderanfertigungen zählen auch das ausschliesslich von der Sonne beheizte ­Panorama-Dampfbad in der ­Suite oder die fünffach verglasten Fenster.

Weil das deutsche Umweltministerium das Null-Energie-Hochhaus mit Fördermitteln unterstützt, wird es jetzt drei Jahre lang wissenschaftlich vermessen. «Wir wollen wissen, wie viel Energie wir verbrauchen und wie viel wir erzeugen», sagt Norman Räffle. Nur so liessen sich die Anlagen weiter optimieren. In der Praxis könne das Haus samt seinen Klimaanlagen und Aufzügen auch ohne Stromanschluss betrieben werden. Von der Technik oder davon, dass die oberen fünf Stockwerke wegen des Gewichts von 2500 Tonnen und wegen der komplizierten Statik aus Stahl und Stahlbeton bestehen, merken die Gäste wenig. Auch dass die unteren fünf Zimmer noch im alten, aus Ziegelsteinen gebauten Turmschaft untergebracht sind, können sie nur erahnen.

Die in warmen Erdtönen eingerichtete Suite und die fünf Etagen-Appartements verfügen über Annehmlichkeiten wie Lüftungsanlagen mit Pollenfilter, Flächenheizung und Flächenkühlung. Die Möbel sind aus Recyclingmaterial oder heimischen Hölzern hergestellt. «Aussen ist der Bau sehr technisch und futuristisch gehalten, innen wollen wir eine behagliche, warme Atmosphäre bieten», sagt Norman Räffle. Trotz der avantgardistischen Formen wollte er auch zeigen, was sich aus ökologischem Material machen lässt.

Vom historischen Wasserturm zum Hotel

Mit den Jahren veränderte sich das Nutzungskonzept für den 2001 von Jürgen Räffle gekauften und für insgesamt 4,5 Millionen Euro umgebauten Turm. Zuerst sollte im alten Gemäuer des Wasserturms – einst für ein Milchwerk gebaut – ein Café eingerichtet werden. Dann gab es Ideen für Restaurant, Wohnungen und Büros. Ab 2008 begann der grossenteils von der Familie mit zwei Mitarbeitern getätigte Umbau zum Hotel Aquaturm und damit zum Designhotel mit lediglich 700 Quadratmetern Nutzfläche.

Die Buchungen seien nach erst wenigen Wochen Betrieb zufriedenstellend, sagt Ursula Sohst. Für die erst richtig beginnende Sommersaison am Bodensee erhoffen sich die Betreiber aber noch mehr Gäste, die im weltweit energieeffizientesten Designhotel hoch hinaus wollen. Höher als der Aquaturm ist in Radolfzell jedenfalls nur das Münster.