Des Fürsten schöne neue Welt

Von Schloss Vaduz her sieht es aus, als habe unten im Tal ein Riese seine Bauklötzchen verteilt. Unten im Tal zeigt sich: Liechtenstein ist zwar ziemlich zersiedelt, aber ein architektonisch höchst aufregendes Terrain.

Rolf App
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Bevor Fürst Hans-Adam II. von Liechtenstein zum Gespräch im Vorfeld seines 70. Geburtstags eintrifft, werfen wir einen Blick hinunter ins Tal. Klein liegt unter uns das Regierungsviertel, klein wirken die auffälligen Gebäude der Hauptstadt, das schwarze Kunstmuseum und die weisse Hilti Foundation – zwei der Gebäude, die ein gerade neu erschienener Architekturführer Liechtenstein als besonders aufregend hervorhebt und genauer beschreibt.

Uns wird ein wenig schwindlig. In 120 Metern Höhe krallt Schloss Vaduz sich zuäusserst an einen senkrecht abfallenden Felsen. Beinahe fürchtet man, es könnte irgendwann in die Tiefe stürzen. Doch der Fürst beruhigt; immerhin hat die Burg seit dem Beginn des 13. Jahrhunderts ihre Stellung gehalten. Und seine Familie wohnt nun auch schon seit 1938 über Vaduz – und kann mitverfolgen, wie das Fürstentum wächst und wächst. Nicht territorial, denn an den 160 Quadratkilometern des sechstkleinsten Staates der Erde gibt es nichts zu rütteln. Aber wie Tintenflecken wachsen die Ortschaften im Tal – und gehen heute beinahe nahtlos ineinander über.

Schöner als der St. Galler Bahnhofplatz

Das ist uns bewusst geworden, als wir in Buchs vom Zug auf den Bus gewechselt und in Schaan die Linie nach Sargans bestiegen haben. Am neuen, 2010 gebauten Busbahnhof begegnet uns da in Gestalt einer eleganten, des nachts aufregend beleuchteten Umsteigeplattform schon zum ersten Mal die architektonische Gegenwart – die in ihrer zwanglos fliessenden Form doch ein wenig schöner anmutet als der neue St.Galler Bahnhofplatz mit seinen vielen scharfen Ecken. Was aber jetzt natürlich auch Geschmackssache ist. Über Vaduz, Triesen, Balzers ginge es nun hinauf – und wieder hinüber auf die Schweizer Seite. Wohngebiete und Geschäftshäuser wechseln sich ab, Wiesen sind Mangelware, sie können sich erst in der Höhe entfalten. Auch davon handelt unser Gespräch mit dem Fürsten: Vom rasanten Wandel Liechtensteins von einem mausarmen Bauernland zum Industrie- und Finanzplatz, der aus allen Nähten zu platzen droht.

Tagsüber elegant, in der Nacht stimmungsvoll: Der Busbahnhof in Schaan. (Bild: Eddy Risch)

Tagsüber elegant, in der Nacht stimmungsvoll: Der Busbahnhof in Schaan. (Bild: Eddy Risch)

Wie Bauklötze eines Riesen breiten sich die Neubauten über das Tal aus. Für Architekten hat Liechtensteins Reichtum etwas sehr Anziehendes, obwohl es diese Sorte Mensch noch nicht allzu lange gibt im Ländle. Immerhin sind sie früher da als die Fürstenfamilie, die ihren Besitz lange von Wien aus verwaltet hat. Mit dem Velo trifft im Frühling 1924 der Deutsche Ernst Sommerlad in Schaan ein. Er ist auf der Durchreise, denn der junge, den «Neuem Bauen» verpflichtete Architekt möchte in den Vereinigten Staaten sein Glück finden. Doch er bleibt hängen und bittet die Regierung um die Erlaubnis, ein Büro eröffnen zu dürfen. Sommerlad baut und baut, und zwar für eine Kundschaft, die aus dem Ausland kommt und Geld hat. Da ist zum Beispiel Hermann Zickert, ein erfolgreicher Wirtschaftsjournalist, der 1923 den ersten Investmentclub gründet und dessen Börsentipps begehrt sind. 1932 emigriert Zickert nach Liechtenstein, weil er glaubt, dass der schwere psychologische Druck, unter dem Deutschland stehe, ein freies, objektives Urteil unmöglich mache, und erteilt seine Ratschläge aus der Ferne.

Von Sommerlad lässt er sich in Vaduz eine Villa bauen, die als «Viertelkreishaus» bekannt wird und heute noch existiert. Grosse Fenster lassen viel Licht herein. So zieht das moderne Bauen in Liechtenstein ein, und zwar bis in die buchstäblich hinterste Ecke. Von der Alp Malbun aus kommt man zur Pfälzerhütte, die Sommerlad auf dem Bettlerjoch im Auftrag des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins errichtet hat. Das Bettlerjoch übrigens hat seinen Namen daher, dass früher sogenannte Schmalzbettler aus Vorarlberg kamen, um Schmalz und Butter zu erbetteln.

So hat alles angefangen: Ernst Sommerlads «Viertelkreishaus» für den Anlageberater Hermann Zickert. (Bild: Amt für Kultur)

So hat alles angefangen: Ernst Sommerlads «Viertelkreishaus» für den Anlageberater Hermann Zickert. (Bild: Amt für Kultur)

Doch die Zeit der massenhaften Bettelei ist lange vorbei, die Glaspaläste am Weg in den Hauptort erzählen Geschichten von Ehrgeiz und Repräsentationslust. Sie wollen mithalten mit dem, der da oben auf dem Berg sitzt – übrigens just über der Stelle, da in alter Zeit eine Zollstation die Durchreisenden schröpfte. Wie weitsichtig da die Vorfahren der Liechtensteiner, die Grafen von Werdenberg, die Freiherren von Brandis, die Grafen von Sulz und jene von Hohenems Macht und Kommerz unter einen Hut gebracht haben, auch wenn sie zuletzt das Gemäuer arg haben verlottern lassen.

Ein Haus, dessen Flügel sich öffnen und schliessen

Spätestens bei der Ankunft in Vaduz fühlt man sich in eine mondäne, wenn auch übersichtlich kleine Welt versetzt. Eine Viertelstunde reicht, um das Regierungsviertel zu besichtigen, mit dem Regierungsgebäude von 1905, mit dem 2008 in Betrieb genommenen, mit seinem imposanten Vorplatz aus einer Million Ziegeln gefertigten neuen Landtagsgebäude und mit dem neuen Archiv- und Verwaltungsgebäude. Im Engländerbau, 1933/34 für ein britisches Lotterieunternehmen errichtet und das erste in Stahlskelettbauweise erstellte Bauwerk im Fürstentum, ist fürstlicher Schmuck zu sehen. Und in unmittelbarer Nähe setzen der schwarze Kubus des Kunstmuseum und der weisse Kubus des Hilti Art Foundation die auffälligsten Akzente. Ginge man noch ein wenig weiter, dann stiesse man auf die allerneueste architektonische Errungenschaft. Das 2017 verwirklichte Marxer-Haus ist ein futuristisch anmutendes so genanntes «active energy building», ein Plus-Energie-Haus, das mehr Energie erzeugt, als es verbraucht.

Blick auf das Regierungsviertel in Vaduz mit altem (vorn) und neuem Landtag. (Bild: Roland Korner)

Blick auf das Regierungsviertel in Vaduz mit altem (vorn) und neuem Landtag. (Bild: Roland Korner)

Vorbei sind die Zeiten, da es in Liechtenstein nur gerade einen Architekten hatte – der noch dazu ein Zugewanderter war. Hier ist jetzt höchst fruchtbarer Boden für dieses Gewerbe, das aber halt mit seinem Betätigungsdrang (und mit dem seiner Auftraggeber) auch viel fruchtbaren Boden in Asphalt- und Betonwüsten verwandelt hat. Was man von oben, vom Schloss aus, aber nicht so gut sieht. «Möchten Sie sich noch ein wenig das Schloss ansehen?», fragt der Fürst am Ende unseres Gesprächs und führt uns durch geschmackvoll restaurierte Zimmerfluchten. Unten am Tor klären wir dann noch die Frage, ob man ihm nun Durchlaucht sagen muss. «Man muss nicht», sagt Hans-Adam II., der ein moderner Mensch ist. «Man kann auch einfach Herr Liechtenstein sagen.»

Hinweis: Nils Estrich: Architekturführer Liechtenstein, DOM publishers, 325 S., Fr. 51.90