Deregulierung
Projekt 3V: Mehr Freiraum für Bauern – aber auch mehr Verantwortung

Das unter dem Begriff «3 V» - Vertrauen, Verantwortung, Vereinfachung – laufende vierjährige Projekt, das die Eigenverantwortung und Lebensqualität der Bauern fördern und die Nachhaltigkeit der Betriebe stärken soll, kommt im Thurgau gut an

Christof Lampart
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Der Kanton Thurgau verfügt über 13 Prozent an Biodiversitätsflächen.

Der Kanton Thurgau verfügt über 13 Prozent an Biodiversitätsflächen.

Sandra Ardizzone

Mehr Freiraum und mehr Verantwortung für Bauern Das vierjährige Projekt «3V − Vertrauen, Verantwortung, Vereinfachung» kommt im Thurgau gut an. 3V ist ein Pilotprojekt des Bundesamtes für Umwelt (BAFU), des Verbandes Thurgauer Landwirtschaft VTL und des kantonalen Landwirtschaftsamtes. Es läuft über den Zeitraum 2019-2022 und entstand aus der Überzeugung heraus, dass sich Landwirtschaftsbetriebe nachhaltig entwickeln, wenn sie ganzheitlich erfasst und wissenschaftlich dabei begleitet werden. Im Thurgau nehmen zehn Betriebe an 3V teil. Die ersten davon sind nun ganzheitlich erfasst, und die Bauernfamilien haben die vorgegebenen Kernbereiche umgesetzt. Deshalb luden die Beteiligten zur Medieninformation auf den Hof der Familie Bachmann in Gachnang ein.

Bleiker: Vorbildliche Landwirtschaft bei CO2-Reduktion

Ueli Bleiker, Chef des Thurgauer Landwirtschaftsamtes.

Ueli Bleiker, Chef des Thurgauer Landwirtschaftsamtes.

Reto Martin

Der Leiter des kantonalen Landwirtschaftsamtes, Ueli Bleiker, verwies einleitend darauf, dass Schlagworte wie Biodiversität, Nachhaltigkeit und Klima in aller Munde seien, die Forst- und Landwirtschaft jedoch schon heute der einzige Bereich sei, welcher die CO2-Belastung natürlich senken könne. Gerade der Thurgau mit seinen 50000 Hektaren an landwirtschaftlichen Nutzflächen tue viel dafür. So bänden Zuckerrüben das Doppelte an CO2 wie der Wald, Mais sogar noch mehr: «Das kommt mir in der öffentlichen Diskussion zu kurz, wenn von der Landwirtschaft und ihrer Nachhaltigkeit gesprochen wird», so Bleiker.

Im Thurgau werden zehn Prozent aller landwirtschaftlichen Erzeugnisse der Schweiz produziert. Dementsprechend wichtig sei der Erhalt einer Landwirtschaft, welche Wert auf Biodiversität lege. In den letzten Jahren seien im Thurgau 12000 Obstbäume und 7000 Laufmeter Hecken gepflanzt worden, erklärte Bleiker. Der Kanton Thurgau verfügt über 13 Prozent an Biodiversitätsflächen, was fast doppelt so viel ist wie die nationale Vorgabe von sieben Prozent.

Motiviert, nicht durch Vorschriften gesteuert

Hansueli Gujer vom BAFU erklärte, dass mit 3V die Landwirte wieder «mehr Verantwortung übernehmen können», indem sie sich auf konkrete Biodiversitäts- und Umweltziele auf ihren Betrieben verpflichten. «Auf dieser Grundlage kann man ihnen vertrauen, weil sie von innen heraus motiviert sind und nicht durch Vorschriften gesteuert», so Gujer. Dabei eigne sich die Biodiversität als «integrierende Zielgrösse». Letztere könne aber nur dort ökologisch nachhaltig gefördert werden, wo «Landwirtschaftsbetriebe auch ökonomisch und sozial nachhaltig sind», so Gujer.

Wenn's uns gut geht, geht's auch dem Tier gut

Landwirtin Eveline Bachmann verdeutlichte, warum ihre Familie bei 3V mitmacht: «Wir sind daran interessiert, dass wir unseren guten Boden später einmal so gut weitergeben können, wie wir ihn einst erhalten haben». Gleichzeitig mahnte sie, die Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft nicht weiter zu verschärfen: «Wir haben sehr lange Arbeitstage. Dabei geht der Mensch bei den vielen Vorschriften oft vergessen. Doch nur, wenn es uns gut geht, geht’s auch dem Tier gut.»

Landwirtschaft und Wissenschaft arbeiten zusammen

Wie die Zusammenarbeit zwischen Landwirt- und Wissenschaft bei V3 aussieht, zeigte Jérémie Favre von der Berner Fachhochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften am Beispiel der Gastgeber auf. Er stellte fest, dass die Milchproduktion bei Bachmanns hoch produktiv sei. Jedoch bestünde Verbesserungspotenzial bei der Nahrungsmittelkonkurrenz, die das Verhältnis zwischen dem verfütterten Protein und dem produzierten Protein in Milch und Fleisch beschreibt. «Unter der Annahme, dass ein Teil des verfütterten Proteins auch direkt für die menschliche Ernährung genutzt werden könnte, sollte es das Ziel der Betriebsoptimierung sein, die Erhaltung beziehungsweise Erhöhung der Wirtschaftlichkeit bei gleichzeitiger Erhöhung der Effizienz und Produktivität anzustreben», empfahl Jérémie Favre.