Der Wissenssucher

Vater Duarte Nuno Queiroz de Barros da Cunha kennt keine Sprachbarrieren. Der Portugiese wohnt seit 2008 in St. Gallen, spricht nur wenig Deutsch.

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Vater da Cunha aus Portugal, Kopf des Tages, Bischofskonferenz (Bild: HANSPETER SCHIESS)

Vater da Cunha aus Portugal, Kopf des Tages, Bischofskonferenz (Bild: HANSPETER SCHIESS)

Der Wissenssucher

Vater Duarte Nuno Queiroz de Barros da Cunha kennt keine Sprachbarrieren. Der Portugiese wohnt seit 2008 in St. Gallen, spricht nur wenig Deutsch. Dafür beherrscht der Generalsekretär des Rates der europäischen Bischöfe die portugiesische, italienische, französische und englische Sprache. Im Büro spricht er italienisch, Interviewfragen beantwortet er auf Englisch. Selten stockt er, eine Frage an seine Mitarbeiter beginnt mit «Come si dice»– italienisch. Das folgende Wort kann italienisch, portugiesisch oder auch französisch sein. Da Cunha spricht leise und deutlich. Seinen Aussagen haftet Ruhe an, seine Gesten sind subtil. Da eine Handbewegung, dort ein kurzes Lächeln. Aber etwas bleibt: sein wacher Blick.

Reise zum Leben für die Kirche

Wie kam er nach St. Gallen? Die Antwort ist lang. Sie beginnt mit: «Ich stamme aus Portugal. Ich kann mich nicht an eine Zeit erinnern, während der ich am Sonntag nicht in die Messe ging.» Im Alter von sieben Jahren, 1975, reiste er und die Familie nach Kanada. Sie blieben für zweieinhalb Jahre. Er setzte sich zum erstenmal mit einer anderen Kultur auseinander. Seine Teenagerjahre verbrachte er in Portugal. «Die Idee, mein Leben in den Dienst der Kirche zu stellen, kam mir nicht», sagt der 44-Jährige. Er wollte Elektroingenieur werden. Eine weitere Reise aber wurde zum Schlüsselerlebnis: «Ich hörte den Ruf von Jesus und der Kirche. Ich hatte meinen Weg gefunden.»

Auf den Pfaden von Johannes Paul II.

Duarte da Cunha begab sich auf die Suche nach Wissen. Seine erste Mission im Dienste der Kirche war nach dem Theologiestudium eine Reise nach Rom. Dort wurde er Doktor der Theologie. In der Ewigen Stadt lernte er die Tragweite der Kirche kennen. «Drei Dinge haben den Romaufenthalt unvergesslich gemacht.» Er habe Kirchenmitglieder aus der ganzen Welt kennengelernt. «Die Katholiken haben so viel gemeinsam, auch wenn sich unsere Rituale unterscheiden.»

Zweitens bekam er die Möglichkeit, das Christentum physisch zu erleben. «In Portugal haben wir Ikonen und Bildnisse. In Rom ist das Christentum greifbar. Ich kann meinen Fuss auf dieselbe Stelle stellen, auf der auch schon Heilige gestanden sind.» Drittens erlebte er Papst Johannes Paul II. Er sieht sich als Mann, welcher den Idealen Wojtylas folgt. «Ich bin engagiert im Spirituellen und suche die Nähe zu den Ärmsten der Armen wie auch zu den Reichen», sagt Da Cunha. Dies tue er mit der grossen Liebe, die er in Johannes Paul II. gesehen habe.

Zölibat als Befreiung

Duarte da Cunha wurde 1998 Pfarrer in Portugal. «Es war eine Zeit, die sich jeder Priester wünscht», sagt er. Ein kurzes Lächeln. Oft sei es nicht einfach gewesen, denn er habe die Sorgen und die Verzweiflung direkt gespürt. «Katholiken suchen nicht den einfachen Weg – wir beschreiten den Weg Jesu mit dem Kreuz.» Zehn Jahre später reiste er nach St. Gallen und wurde Generalsekretär der europäischen Bischofskonferenz.

Seine Suche nach Wissen geht weiter, wenn auch in anderer Form. Seine Aufgabe ist es, Treffen und Seminare zu organisieren. Die Fäden für die Konferenz der europäischen Bischöfe, die morgen in St. Gallen beginnt, laufen bei ihm zusammen. «Ich setze mich mit allen Themen auseinander und finde die besten Experten, die der Konferenz dann ihr Wissen vermitteln.» Obwohl die Konferenz in geschlossener Gesellschaft stattfindet, lädt er die Öffentlichkeit am Samstag um 18.45 Uhr zum Vesper und am Sonntag um 9.30 Uhr in die Kathedrale zur Messe der Nationen ein.

«Meine Reisen sind nur möglich, weil ich mich ganz der Kirche verschrieben habe», sagt er. Eine Hilfe, kurzfristig durch ganz Europa zu reisen, sei sicher das Zölibat. «Es befreit mich. Ich kann, wenn es sein muss, morgen abreisen», sagt er. Aber Pläne, aus St. Gallen fortzugehen, hat er nicht. Allgemein scheint Duarte da Cunha keine langfristigen Pläne zu haben: «Ich nehme das Leben Tag für Tag in Angriff.» Dominik Bärlocher