Der weltoffene Biedermann

Der neue PHSG-Rektor Horst Biedermann straft seinen Namen Lügen: Der 48jährige Bildungsprofessor ist ein weit gereister Liechtensteiner, der seine Erfahrungen im Ausland nun in St. Gallen gedeihen lässt.

Marcel Elsener
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Typisch Biedermann, das lässt sich im Büro des Rektors der Pädagogischen Hochschule St. Gallen nicht sagen, noch nicht. Denn die Möbel, Bilder, Pflanzen, sie alle stammen noch vom Vorgänger, Erwin Beck, und das wird wohl noch länger so bleiben. Horst Biedermann, seit 1. September neuer PHSG-Rektor, hat Wichtigeres zu tun als sein Büro einzurichten. Zum Beispiel muss er erstmal alle Abteilungen der grossen Bildungsinstitution mit 270 Dozierenden und 1360 Studierenden kennenlernen und sich mit den vier Schulstandorten in St. Gallen, Rorschach und Gossau vertraut machen. Immerhin kennt und schätzt er die St. Galler Bildungshochschule von früheren Lehrtätigkeiten und Forschungsarbeiten, unter anderem zur Pisa-Studie, «auch ein Grund meiner Bewerbung», wie er sagt.

Zurück in Liechtenstein, die Familie noch in Salzburg

Mit dem Berufsort St. Gallen ist der 48-Jährige nach vielen Jahren im Ausland zurück in der Heimat – oder wenigstens fast: Aufgewachsen in Bendern und als junger Primarlehrer ein Jahr in Schaan tätig, lebt er wieder in Liechtenstein, vorläufig in einer kleinen Wohnung; wenn Frau und Sohn aus Salzburg nachkommen, wird sich die Familie «irgendwo zwischen St. Gallen und Bendern» niederlassen. Für den weit gereisten Professor ist das quasi nomadische Leben mit improvisierten Zwischenlösungen kein Problem: «Wir sind in den letzten 20 Jahren ungefähr 10mal umgezogen.»

Fribourg, Stanford, Flensburg, Salzburg: So lauten Biedermanns wichtigste Stationen, stets begleitet von seiner Frau, Primarlehrerin aus Flums, die er damals im Lehrerkollegium von Schaan kennenlernte. In Fribourg studierte er Erziehungswissenschaft und Pädagogische Psychologie, bis zur Habilitation. Im kalifornischen Stanford, wo er seine Promotionszeit verbrachte, liess er sich «von der internationalen Community und den hervorragenden Mentoren» begeistern; das Jahr, dem später ein weiteres Forschungsjahr in Stanford sowie halbjährige Tätigkeiten in Phoenix (Arizona) und in Berlin (Max-Planck-Institut) folgten, war «letztlich der Grund, warum ich eine universitäre Laufbahn einschlug», wie Biedermann erzählt.

Im norddeutschen Flensburg wirkte der Liechtensteiner als Gründungsdirektor des Zentrums für Lehrerinnen- und Lehrerbildung sowie als Professor für Schulpädagogik, an der Europa-Universität, und in Salzburg – an der School of Education der Universität – machte er sich einen Namen als Professor für empirische Bildungswissenschaften und Organisator internationaler Konferenzen. Grenzüberschreitungen gehörten beiderorts buchstäblich zum Alltag: In Flensburg wohnte er «fünf Minuten von Dänemark» und baute sich prompt ein «befruchtendes» Netzwerk in die skandinavische Bildungslandschaft auf. In Salzburg wohnte er ennet der Grenze im bayrischen Freilassing; sein Sohn hat einen österreichischen Kindergarten besucht, wird derzeit aber in Deutschland eingeschult.

Der schönste, wichtigste und schwierigste Beruf

Die eigene Schulzeit ist Horst Biedermann mit Höhen und Tiefen in Erinnerung: «Ich hatte grosse Schwankungen und zeitweise einen ziemlichen Kampf.» Dankbar denkt er an einen Lehrer zurück, der ihn vertrauensvoll anspornte. «Ich glaube sehr an die Kraft des Vorbilds», sagt Biedermann. «Lehrpersonen müssen vor allem authentisch sein.» In seinen Begrüssungsworten in Rorschach hat er den Studienanfängern zu ihrem Mut gratuliert: «Sie haben den wohl schwierigsten, aber auch den schönsten, gesellschaftlich wertvollsten und kräftigsten Beruf auf dieser Erde gewählt.» Im Grunde müssten «die besten, fähigsten Menschen» in der Frühphase der Bildung tätig sein, ist Biedermann überzeugt. Während der Stellenwert des Lehrerberufs in der Schweiz und anderen Ländern bedenklich gesunken ist, zeigt das Musterbeispiel Finnland das Gegenteil: Für 100 Studienplätze als Primarlehrer bewerben sich dort 1000 Personen, was eine starke Selektion ermöglicht.

Selbstverständlich wird der neue PHSG-Rektor die richtungsweisende Aufbauarbeit des Vorgängers weiterführen und Praxis und Forschung vertieft verzahnen, wie es anlässlich seiner Wahl hiess. Akzente dürfte er mit seinen eigenen Schwerpunkten im Lehrerethos, im Klassenmanagement und in der politischen Bildung setzen. Thematiken, die er im Juni auf der Salzburger Konferenz «Erziehung zur Verantwortung» zur Sprache brachte, mit Fragen wie: «Sind wir als Lehrer mitverantwortlich, wenn Schüler Cybermobbing betreiben? Thematisieren wir, dass immer mehr Schüler auf pornographischen Seiten surfen? Wie gehen wir mit der Diskussion über die Flüchtlinge um?»

Das Pochen auf ethische Richtwerte entspricht einem Humanisten, der sich – parteilos – politisch «am ehesten Mitte-links» verortet und in Jugendjahren mit dem Beruf des Priesters liebäugelte. Und es ist ein Hinweis auf die Bodenhaftung eines Bildungsprofessors, der als Sohn eines Garagisten und einer Hausfrau als erster in seiner Familie eine akademische Laufbahn einschlug. In der persönlichen Begegnung erscheint er nie als Blender, wohl aber als bescheidener, blitzgescheiter, hellwacher Beobachter und guter Zuhörer.

Leidenschaftlicher Fussballer und Läufer

Die Frage nach pädagogischen Vorbildern wägt Biedermann sorgfältig ab, um dann auszuführen, dass Autoren, Werke und Modelle stets sozialhistorisch eingebettet werden müssten. Doch gebe es freilich Persönlichkeiten, die ihn nachhaltig beeindruckten, wie Janusz Korczak, der polnische Pädagoge, Arzt und Autor, der die Kinder seines Waisenhauses beim Abtransport in ein Vernichtungslager der Nazis begleitete, obwohl das auch für ihn den Tod bedeutete.

Wenn Horst Biedermann nach all den «Wanderjahren» im Ausland nun im St. Galler Bildungswesen seinen vorläufigen Anker wirft, bleibt er in Bewegung. Allein schon als ausdauernder Läufer, der Stadtmarathons wie jene von San Francisco oder Wien absolvierte, aber seit einem Motorradunfall kürzer treten muss. Und vielleicht lässt er sich einmal auf einen Match gegen die PHSG-Studenten ein, wo er doch früher ein leidenschaftlicher Fussballer war. Die werden sich wundern, wie gut er hinten verteidigt – und die Bälle nach vorne verteilt. Einer für Werte mit Zukunftsaussichten, sozusagen.