Der Weihnachtsengel muss am Boden bleiben: Ebenso wie Rentieren und Drachen attestieren ihm Forscher keine Flugfähigkeit

Engel, Putten, Drachen, Elfen: Angelsächsische Forscher haben ihre Flugfähigkeiten untersucht.

Gottlieb F. Höpli
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Engel in der St. Galler Kathedrale: Mittler zwischen Himmel und Erde.

Engel in der St. Galler Kathedrale: Mittler zwischen Himmel und Erde.

Bilder: Lisa Jenny

Da sitzt man vor Weihnachten inmitten der barocken Pracht der St. Galler Kathedrale und lässt diskret den Blick schweifen. Sieht Engel allüberall, an der prachtvoll geschmückten Decke, auf Altarbildern, als dreidimensionale Statuen. Und weil man den aufgeklärten Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts an der Kirchentür nicht einfach abgelegt hat, fragt man sich urplötzlich:

Schön und gut, aber könnten diese Engel überhaupt fliegen, wenn’s drauf ankäme? Sich flügelschlagend in die Luft erheben und davon rauschen?

Es ist wohl kein Zufall, dass es immer wieder angelsächsische Forscher sind, die solchen Fragen nachgehen. Sie sind es womöglich mehr als wir Kontinentaleuropäer gewohnt, unkonventionelle Fragestellungen ohne Scheuklappen anzugehen.

Einer von ihnen, der Biologe Roger S. Wotton vom University College London hat 2009 ein Buch zum Themen «Engel, Putten, Drachen und Elfen» veröffentlicht, in denen er untersucht, ob die in der bildenden Kunst dargestellten Flügelwesen auch tatsächlich in der Lage wären zu fliegen. Und kommt dabei, wen überrascht’s, zu negativen, aber durchaus differenzierten Resultaten.

Der ornithologische Befund: Vernichtend

Der Reihe nach: Die auf fast allen berühmten Engelsdarstellungen abgebildeten Flügel – man denke an die Verkündigungsszenen von Fra Angelico, Raffael, da Vinci etc. – sind in der Regel weiss und gefiedert. Sie entspringen dem Rücken der Engel, die aber weiterhin auch über Arme und Beine verfügen – im Unterschied zu den Vögeln, bei denen sich die Flügel anstelle der Vorderbeine entwickelt haben. Dementsprechend verfügen Vögel über einen starken Muskelapparat, der die Flügel bewegt – wer je eine saftige Poulet- oder Entenbrust gegessen hat, weiss, was gemeint ist (respektlose, aber eingängige Querverweise, wie man sie in kontinentaleuropäischen Studien womöglich nicht so anschaulich zu lesen bekommt wie bei Professor Wotton).

Bei unseren Engeln müsste also ein ausgeprägter muskulärer Schultergürtel und entsprechende Brustmuskeln zu sehen sein, um die Flügel kraftvoll bewegen zu können. Das ist bekanntlich nirgends der Fall. Der Anblick entspricht viel eher dem jeweils zeittypischen männlichen Schönheitsideal – denn diese Engel haben allesamt einen Männerkörper – ein Fall für eine weitere innerkirchliche MeToo-Debatte!

Auch Rentiere können nicht abheben

Doch auch das prallste Muskelpaket reichte noch lange nicht aus: Die der menschlichen Gestalt nachgebildeten Figuren wären immer noch viel zu schwer, um sich in die Luft zu erheben. Von den Putten, den niedlichen pummeligen Begleitern, wie sie etwa vom unteren Bildrand auf Raffaels Madonna (und von jeder zweiten Weihnachtsdekoration) blicken, gar nicht zu reden!

Denn allein das Skelett ist schon viel zu schwer für ein solches Schwebewesen.

Vögel haben, so der Biologe, im Lauf der Zeit ein extrem gewichtsreduziertes Skelett entwickelt, das ihnen das Fliegen überhaupt erst ermöglicht. Schliesslich, so fragt sich Professor Wotton: Wie sollten diese Flügel überhaupt angelegt und wieder entfaltet werden? Wie stünde es mit der Stabilität in der Luft? Die Antwort ist nicht viel positiver als jene des Londoner Wissenschaftsjournalisten Roger Hornfield, der in einer Jux-Studie die Flugfähigkeit des Rentiers untersuchte, der in den nordischen Ländern den Weihnachtsmann durch die Lüfte kutschiert. Sie heisst: Geht nicht!

Feen sind flugfähiger

Während die geflügelten Drachen in Wottons Buch in puncto fliegerisches Können ebenso schlecht wegkommen wie die Engel, haben die Feen und Elfen, wie sie in der Kunst des 19. Jahrhunderts en vogue waren, bessere Flugbedingungen. Ihre Flügel ähneln Libellenflügeln und wären so zumindest in der Lage, eine Zeit lang durch die Luft zu gleiten.

Aber warum eigentlich haben Dutzende von Generationen diese Engel mit ihren Flügeln so geliebt? Lieben sie bis heute? Das fragt sich auch der Biologe und kommt zu einem fast schon theologischen Schluss: Weil die Flügel die Rolle der Engel als Mittler zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Mensch symbolisieren. Engel als Mittler: Dieses Sinn-Bild ist bis in unsere Gegenwart präsent – und heute womöglich sogar wieder präsenter als vor einigen Jahrzehnten. Wenn auch nicht unbedingt in unseren Volkskirchen, sondern mehr noch in esoterisch angehauchten Milieus, die zurzeit weitherum entstehen und florieren.

In der Bibel finden sich Beschreibungen von Engeln zuhauf – in der Zürcher Bibel-Konkordanz zählen wir nicht weniger 279 Erwähnungen von Engeln. Darunter durchaus solche mit gewaltigen Flügeln. Aber auch Gottesboten, die als gewöhnliche Männer ohne Flügel auftreten.

Gewichtslos durch Zeit und Raum

Dass die in der grossen europäischen Kunstgeschichte dargestellten Engel nicht fliegen können, braucht aber keinen Gläubigen zu erschüttern. Denn eigentlich, so weist uns etwa der St.Galler Theologe und frühere Kirchenratspräsident Karl Graf hin, sind Engel ja «geistige Wesen, die unerwartet plötzlich erscheinen und unversehens wieder entschwinden». Also gewichtslos und deshalb in der Lage, sich ohne Muskelkraft durch Zeit und Raum zu bewegen.

Auch in der Literatur, wo Engel bis heute eine grosse, wenn auch selten mehr theologisch konforme Rolle spielen, ist kaum mehr von geflügelten Wesen die Rede. Ob bei Rilke, Nelly Sachs, Heinrich Böll oder Friedrich Dürrenmatt («Ein Engel kam nach Babylon») – die Boten aus dem Jenseits kommen fast allesamt ohne Flügel aus.

Walter Benjamins Engel der Geschichte

Eine der wichtigsten Engelsgestalten des 20. Jahrhunderts allerdings hat Flügel: Walter Benjamins Engel der Geschichte. Er ist inspiriert von Paul Klees Zeichnung «Angelus Novus», der mit aufgerissenen Augen auf die Katastrophen des Jahrhunderts zurückzublicken scheint. Ein gewaltiger Sturm vom Paradies her hat sich in seinen Flügeln verfangen und treibt ihn unaufhaltsam vor sich her – in die Zukunft. «Was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm», heisst es bei Benjamin prophetisch.

Benjamins letzte Worte, bevor er sich 1940 auf der Flucht vor den Nazis das Leben nahm, markieren das Ende der Idee von einer optimistischen Geschichte, die unaufhaltsam einer immer besseren, lichteren Zukunft zustrebt. So, wie sie 1989 von Francis Fukuyama nach dem Zusammenbruch des Kommunismus vielleicht zum letzten mal gefeiert wurde als das «Ende der Geschichte».

Auch diese Utopie erlitt Schiffbruch, und wir werden uns an die Vorstellung gewöhnen müssen, dass wir das irdische Paradies aus eigener Kraft nicht erschaffen werden. Das richtet den Blick vieler Menschen wieder auf eine Rettung von ausserhalb. Auch wenn die Übermittler der Botschaft keine Flügel tragen.