Der Wald im Kanton St.Gallen wird immer älter

Im Kanton St. Gallen bleiben die Bäume in den Wäldern stehen. Nun sollen die Behörden der angeschlagenen Waldwirtschaft zu Hilfe eilen. Die Motion der vorberatenden Kommission des Kantonsrats birgt Zündstoff.

Christoph Zweili
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Der Vorrat im St. Galler Wald ist einer der grössten der Schweiz. (Bild: Getty)

Der Vorrat im St. Galler Wald ist einer der grössten der Schweiz. (Bild: Getty)

Mit 48 Hektaren gehört die Ortsgemeinde Marbach nicht zu den grossen Waldbesitzern im Kanton St. Gallen. «Wir sind ein mittlerer Waldeigentümer», sagt Präsident Walter Kobelt. Erstaunlich, aber historisch gewachsen: Die nach Süden gerichteten Wälder am Hang zum St. Anton gehören teilweise seit jeher st. gallischen Korporationen. 95 Prozent der Waldfläche von Marbach etwa liegen in der ausserrhodischen Gemeinde Reute. Rund 300 Kubikmeter Holz pro Jahr hat die Ortsgemeinde Marbach in den vergangenen Jahren genutzt: «Mit dem vom Förster geschlagenen Nutzholz haben wir die Kosten für die Waldbewirtschaftung gedeckt», sagt Kobelt. «Die Nachfrage vor allem nach Weisstanne war da, die Preise in der Vergangenheit waren besser.»

Heute sind die Preise im Keller, die Bestände zum Teil überaltert. 120 bis 140 Jahre alte Bäume bleiben stehen. Holz zum Verkauf zu schlagen, lohnt sich kaum mehr. In der Vergangenheit wurden Nadel- und Laubbäume nachgepflanzt, heute setzt man im ganzen Kanton auf natürliche Verjüngung, standortgerechte Baumarten machen sich breit.

Holzbranche steckt im Dilemma

Weil der Preis für Nutzholz tief ist, verkauft die Ortsgemeinde zunehmend Brennholz, auch Schnitzel-Hackholz für grosse Heizanlagen ist seit ein paar Jahren gefragt. Diese minderwertigen Sortimente decken die Erntekosten allerdings nicht. Damit ist Marbach nicht allein: Die Holzbranche steckt in einem Dilemma. Der Wald soll unsere Infrastrukturen schützen, sauberes Wasser liefern, das Klima retten, der Erholung dienen, die Biodiversität erhalten und Holz produzieren. Fachleute sind sich einig: So, wie wir den Wald wollen, braucht es den pflegenden Eingriff des Menschen. Waldpflege aber ist immer Holzernte, denn kranke oder schwache Bäume müssen weichen, um jüngeren Bäumchen Platz zu machen. Starke, qualitativ gut gewachsene Bäume werden geerntet, bevor sie altersschwach werden, umfallen und verfaulen.

Die Erlöse aus dem Holzverkauf sind nebst den Arbeiten für Dritte nach wie vor die wichtigste Einnahmequelle der Forstbetriebe, beziehungsweise der Waldeigentümer. Seit den 1960er-Jahren sind diese Einnahmen rückläufig und die Lohnkosten steigen. Ohne Beiträge der öffentlichen Hand wären die Betriebsergebnisse der St.Galler Forstbetriebe nicht positiv, hält die Regierung in den «Perspektiven der St.Galler Waldwirtschaft» fest. Zündstoff enthält vor allem die Motion der vorberatenden Kommission: Diese will die gesetzlichen Grundlagen für die staatliche Förderung der Waldbewirtschaftung und des einheimischen Holzes verbessern. Wie, das überlässt sie der Regierung.

Bund und Kanton unterstützen die Waldbewirtschaftung im Kanton St. Gallen im Zeitraum von 2016 bis 2019 mit 46,1 Millionen Franken. Das entspricht rund 190 Franken je Hektare und Jahr für konkrete Massnahmen im Wald. Mit rund 446 Kubikmetern je Hektare ist der Holzvorrat im St. Galler Wald einer der grössten der Schweiz. Jährlich wachsen rund 550000 Kubikmeter Holz nach, davon könnten rund 400000 Kubikmeter geerntet werden. Tatsächlich aber brachten die Waldeigentümer in den vergangenen 13 Jahren durchschnittlich nur rund 70 Prozent davon auf den Markt.

Eine Konsequenz daraus ist der sehr hohe Holzvorrat und die zunehmende Überalterung der Waldbestände. Der Wald sei daher weniger stabil, es bestünden höhere Risiken gegenüber Sturmereignissen, heisst es im Postulatsbericht.

«Der Waldfünfliber ist keine Option»

Der Verband Wald St. Gallen und Liechtenstein ist überzeugt, dass es eine gezielte Abgeltung für aufwendige Waldleistungen braucht. Es gehe nicht darum, Gelder im Giesskannenprinzip an Waldbesitzer zu verteilen, hält Präsident Thomas Amann fest. «Auch vom Waldfünfliber, über den in andern Regionen diskutiert wird, sehen wir ab», sagt der Rüthner. Die Motion sei offen formuliert.

Für Ortsgemeindepräsident Kobelt zielt die Kommissionsmotion in die falsche Richtung. «Besser wäre es, Mittel zur Verfügung zu stellen, damit die Wertschöpfung in der Ostschweiz bleibt», sagt Kobelt. «Es braucht Hilfe auf Zeit, damit sich die Holzwirtschaft besser organisieren kann.» Wie das geschehen soll, darüber sind sich die Holzproduzenten selber nicht einig.

Der St.Galler Wald

30 Prozent der Fläche des Kantons St. Gallen sind bewaldet, das sind 1245 Quadratmeter pro Einwohner; davon ist 91 Prozent produktiver Wald. 57 Prozent des Waldes (34 000 Hektaren) sind im Besitz von rund 370 öffentlichen Eigentümern. Dem stehen rund 15000 private Waldeigentümer mit 26 000 Hektaren Wald gegenüber. 37000 Hektaren sind als Schutzwald ausgeschieden (62 Prozent der Waldfläche). Gemessen an der Stammzahl ist die am häufigsten vorkommende Baumart die Fichte (37 Prozent), gefolgt von Buche (28), Ahorn (8), Tanne (8), Esche (7) und übrigen Nadel- und Laubhölzern. (cz)