«Der Wahlkampf dürfte gerne noch länger dauern»: Die St.Galler Ständeratskandidaten vor der Entscheidung am Sonntag

Benedikt Würth, Susanne Vincenz-Stauffacher und Mike Egger waren während über drei Monaten pausenlos in eigener Sache auf Tour. Für die Ständeratskandidaten endet der Wahlkampf-Marathon mit dem zweiten Wahlgang am Sonntag. Wenige Tage davor zeigen sich die Kandidaten zuversichtlich – und alles andere als ausgebrannt.

Luca Ghiselli
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Susanne Vincenz-Stauffacher (links) und Mike Egger (rechts) haben die Hoffnung, Benedikt Würth (Mitte) noch einzuholen, nicht aufgegeben. (Bilder: Ralph Ribi, Michel Canonica)

Susanne Vincenz-Stauffacher (links) und Mike Egger (rechts) haben die Hoffnung, Benedikt Würth (Mitte) noch einzuholen, nicht aufgegeben. (Bilder: Ralph Ribi, Michel Canonica)

Von A wie Altstätten bis Z wie Zuzwil gibt's wohl kaum eine Gemeinde, die Benedikt Würth, Susanne Vincenz-Stauffacher und Mike Egger in den vergangenen drei Monaten nicht besucht haben. Kaum eine Versammlung des örtlichen Gewerbevereins, kaum ein Stammtisch oder Podium, wo sich die drei Ständeratskandidaten nicht gezeigt hätten.

Das Ergebnis des ersten Wahlgangs vom 10. März spricht eine deutliche Sprache: Alles andere als eine Wahl von CVP-Regierungsrat Benedikt Würth wäre eine Sensation.

Ständerats-Ersatzwahlen, 1. Wahlgang

Benedikt Würth
CVP
37 613
Verfügbare Sitze: 1
Susanne Vincenz-Stauffacher
FDP
25 071
Mike Egger
SVP
18 947
Patrick Ziltener
Grüne
8 236
Sarah Bösch
parteilos
2 693
Andreas Graf
Parteifrei SG
2 242
Alex Pfister
parteilos
1 883
Absolutes Mehr
48 511 Stimmen

So kam es dann auch, dass es medial nach dem ersten Wahlgang etwas ruhiger wurde um die Ständeratsersatzwahlen. Die Kandidaten selbst – auch der krasse Aussenseiter Andreas Graf von der Gruppierung «Parteifrei SG» – merkten davon aber nur wenig. Fast jeden Tag traten sie irgendwo auf. Würth, weil er sich nicht in Sicherheit wiegt. Vincenz-Stauffacher, Egger und Graf, weil sie an ihre – wenn auch geringe – Chance glauben.

Würth: «Man gewöhnt sich an den Rhythmus»

Favorit Benedikt Würth sieht dem Wahlsonntag relativ gelassen entgegen. «Ich bin gespannt, wie's herauskommt. Die demokratische Entscheidung muss man einfach akzeptieren. Ich werde es nehmen, wie's kommt», sagt er auf Anfrage.

Würth hatte am Donnerstag seinen letzten Wahlkampf-Einsatz: Er verteilte Flyer an Pendler am Bahnhof Uzwil. Er sei seit Ostern fast jeden Tag in eigener Sache unterwegs gewesen. «Aber an diesen Rhythmus gewöhnt man sich», sagt der wahlkampferprobte St.Galler Regierungsrat und Finanzdirektor. Routine ist das Wahlkämpfen aber auch für Würth nicht. «Das Engagement in meinem Stab und Komitee, wie ich getragen wurde, auch über die Parteigrenzen hinaus, das ist nicht selbstverständlich.»

Egger: Hoffen auf STAF und Waffenrecht

Und wie hoch ist der Puls drei Tage vor der Wahl bei jenen, die noch viel Boden gutzumachen haben? SVP-Kandidat Mike Egger gibt sich kämpferisch: «Ich habe in den vergangenen Wochen noch einmal die Basis mobilisiert und versucht, die Bürger nicht nur für meine Person, sondern für die Politik generell zu begeistern.» Egger beklagt die tiefe Wahlbeteiligung im ersten Wahlgang (weniger als ein Drittel der St.Galler Wahlberechtigten machten am 10. März von ihrem Recht Gebrauch). «Das fand ich erschreckend. Vielleicht müssen wir grundsätzlich über die Bücher, damit sich das ändert.»

Die Hoffnung auf eine höhere Stimmbeteiligung (erwartet werden etwa 45 bis 50 Prozent) im zweiten Wahlgang heisst für Mike Egger auch: Hoffen auf ein besseres Resultat – oder eben die Sensation. «Mit der STAF und dem Waffenrecht kommen am Sonntag zwei Sachvorlagen zur Abstimmung, die stark mobilisieren dürften. Auch bei meiner Basis.» Auf den Wahlkampf blickt Egger zufrieden zurück: «Es war fantastisch, so nah bei den Leuten zu sein. Aber das ändert sich nach dem 19. Mai nicht.» Er werde auch weiterhin volksnah politisieren – ob nun in der Grossen oder Kleinen Kammer.

Vincenz-Stauffacher: Hoffen auf die Frauen

Für Susanne Vincenz-Stauffacher war es der erste Wahlkampf dieser Dimension. Sie «blickt auf eine unheimlich spannende Zeit» zurück. Müde oder gar froh, dass der Wahlsonntag immer näher rückt, sei sie nicht. «Von mir aus dürfte der Wahlkampf gerne noch weitergehen», sagt Vincenz-Stauffacher und lacht. Eine Begegnung blieb der FDP-Kandidatin besonders in Erinnerung.

Vor einigen Wochen sei sie in Hemberg mit einer Seniorin ins Gespräch gekommen. «Sie sagte mir dann, sie sehe nicht mehr gut, wolle mir aber unbedingt ihre Stimme geben und werde deshalb ihren Sohn fragen, ob er ihr mit den Unterlagen helfen könne.» Einige Tage später stellte sich dann der Sohn an der Toggenburger Messe vor und berichtete der Ständeratskandidatin vom unverhofften Engagement seiner Mutter. «Das sind unvergessliche Momente.»

Auch für Susanne Vincenz-Stauffacher ist der Wahlkampf trotz Rückstand auf Benedikt Würth aber nicht Selbstzweck. Sie begründet ihre Chancen mit drei Faktoren: Die höhere Stimmbeteiligung, die Frauenallianz hinter ihrer Kandidatur und ihren höheren Bekanntheitsgrad. Sie sagt: «Wenn es klappt, wäre es eine Sensation. Aber die Chance ist da.»

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Die Stimmbeteiligung ist bei Frauen im Kanton St.Gallen fast immer tiefer als bei Männern. An der Ständerats-Ersatzwahl vom 10. März haben sich aber überdurchschnittlich viele Frauen beteiligt. Die Kandidatur Susanne Vincenz-Stauffachers könnte dabei eine Rolle gespielt haben. Experten winden der FDP-Kandidatin ein Kränzchen: Sie habe die «Frauenkarte» mit Bedacht ausgespielt.
Luca Ghiselli