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«Der Vorwurf ist ungeheuerlich»

Die Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth setzt sich gegen die Behauptung zur Wehr, sie gehöre einer Sekte an. Ihre Visionen für eine friedlichere Gesellschaft leitet sie vom Studium matrilinearer Volksgruppen ab.
In Afrika leben etliche Volksgruppen, die matrilinear organisiert sind. (Bild: ky/laif/Stefan Volk)

In Afrika leben etliche Volksgruppen, die matrilinear organisiert sind. (Bild: ky/laif/Stefan Volk)

Frau Göttner-Abendroth, Sie leiten den Matriarchatskongress in St. Gallen. Sektenexperten rücken Sie in die Nähe von Sekten.

Heide Göttner-Abendroth: Dieser Vorwurf ist ungeheuerlich. Sekten pflegen ihre Mitglieder abhängig zu machen und festzuhalten. Das trifft auf uns nicht zu. Im Gegenteil. Wir unterstützen die Frauen, die Kurse an unserer Akademie für Matriarchatsforschung besuchen. Es steht ihnen frei, das, was sie bei uns erfahren, zu gebrauchen oder zu vergessen.

Auch wird behauptet, Sie würden Menschenopfer glorifizieren.

Göttner-Abendroth: Das ist eine Denunziation. Ich habe in meinem ersten Werk archaische Mythologien erforscht. Wenn ich etwas erforsche, heisst das nicht, dass ich das gutheisse. Ich beabsichtige nicht, archaische Kulturen wieder einzuführen.

Aber die Frauenherrschaft.

Göttner-Abendroth: Auf keinen Fall. Matriarchat bedeutet nicht die Umkehrung von Patriarchat im Sinne von Frauenherrschaft. Dies entspricht nicht der Wirklichkeit von matriarchalen Gesellschaften, wie sie sich in der Gegenwart präsentieren.

Weshalb nicht?

Göttner-Abendroth: Matriarchale Gesellschaften kennen keine Herrschaftsstrukturen. Beide Geschlechter sind gleichwertig. Entscheidungen werden im Konsens gefunden. Diese Gesellschaften leben in Clans und haben Werte, die ich interessant finde.

Was sind das für Werte?

Göttner-Abendroth: In matriarchalen Gesellschaften stehen die Mütter im Mittelpunkt. Es geht nicht um die Mütter an und für sich, sondern um den Wert der Mütterlichkeit. Darunter wird Nähren und Pflegen, Fürsorge und die Sicherung des Friedens verstanden.

Das erinnert an «Frauen zurück an den Herd».

Göttner-Abendroth: Ganz bestimmt nicht. In den matriarchalen Gesellschaften, die ich in China, Indien oder auf Sumatra erforscht habe, gibt es keine geschlechtsspezifischen Rollen und damit auch keine Hausfrauen. Männer und Frauen teilen sich die Arbeitssphären, jedes Geschlecht hat seinen eigenen Aktionsbereich, und diese sind gleichwertig.

Wie gestaltet sich dies konkret?

Göttner-Abendroth: In der einen Gesellschaft sind die Frauen Bäuerinnen, und die Männer fischen, in der anderen gehen die Männer aufs Feld und die Frauen auf den Markt. Matriarchale Gesellschaften orientieren sich an den Bedürfnissen ihrer Mitglieder, nicht an Macht. Ihre gesellschaftlichen Strukturen leiten sie von den Müttern ab. Sie sind auf Lebenserhaltung und nicht auf Ausbeutung und die damit verbundene Zerstörung ausgerichtet

Wollen Sie damit sagen, dass Mütter die besseren Menschen sind?

Göttner-Abendroth: Nein. Mütter sind keine besseren Menschen. Es geht um das bessere Wertesystem, das diese Gesellschaften haben. Diese Werte gelten für Frauen wie für Männer. Ich habe den politischen Anspruch, dass wir eine Gesellschaftsordnung schaffen, in der sich alle an Werten wie Fürsorge, Friedenssicherung und Gewaltlosigkeit orientieren. Ich entwickle aus der Matriarchatsforschung Vorschläge, Visionen, die wir anstreben.

Ihre Forschung sei unwissenschaftlich, sagen Ihre Kritiker.

Göttner-Abendroth: Ich habe eine hochkarätige Hochschulausbildung, und danach habe ich zehn Jahre lang an der Universität München Philosophie und Wissenschaftstheorie gelehrt. Ich habe quer durch die Disziplinen geforscht und dabei die Matriarchatsforschung entwickelt. Meine Forschungsergebnisse passen nicht ins Bild der traditionellen Wissenschaften, deshalb führen diese einen ideologischen Kampf gegen dieses neue Wissensgebiet der Matriarchatsforschung.

Die Hochschulen sind demnach patriarchal gefärbt.

Göttner-Abendroth: Ich habe erkannt, dass die Universitäten, so, wie sie heute funktionieren, kein Ort für mich sind, wo man unabhängig wissenschaftlich arbeiten kann. Die Wissenschaften an den Universitäten haben eine patriarchale Grundlage, die sie nicht zu reflektieren bereit sind.

Ein harter Vorwurf.

Göttner-Abendroth: Viele Ethnologen und Archäologen betrachten Dinge und Menschen, auf die sie stossen, durch eine patriarchal gefärbte Brille. Dies kritisieren auch Forscher und Forscherinnen, die aus heute lebenden matriarchalen Völkern stammen. Sie sagen, dass in der westlichen, eurozentristischen Wissenschaft ihre Gesellschaften mit einem kolonialistischen, patriarchalen Blick betrachtet und dadurch falsch dargestellt werden.

Kann es nicht sein, dass Sie die matriarchalen Völker idealisieren?

Göttner-Abendroth: Das wird mir immer wieder vorgeworfen. Ich halte allerdings ihre gesellschaftlichen Muster für besser als die früheren und die heutigen patriarchalen, das liegt doch auf der Hand. Keine Person, die behauptet, ich würde «idealisieren», hat Feldforschung bei einem matriarchalen Volk betrieben.

Aber Sie?

Göttner-Abendroth: Ich habe beim Volk der Mosuo in Westchina vor Ort geforscht. Die Mosuo leben in Grossfamilien zusammen, denen eine Frau vorsteht. Meine Feldforschung belegt an diesem und anderen Beispielen nicht nur, dass es matriarchale Gesellschaften gibt, sondern auch, wie diese funktionieren. Ich stütze mich dabei nicht auf unbewiesene, geschichtliche Annahmen und leite meine Erkenntnisse nicht von urzeitlichen Göttinnen-Statuen ab.

Sie haben doch selbst die Existenz von matriarchalen Religionen von solchen Göttinnen abgeleitet.

Göttner-Abendroth: Ja, die Existenz von matriarchalen Religionen, aber nicht gleich von ganzen Gesellschaften! Zu Beginn meiner Forschungsarbeit habe ich diese Mythen analysiert, in denen Göttinnen eine grosse Rolle spielen. So konnte ich deutlich machen, dass Kulturen mit einer Verehrung von Göttinnen ein anderes Weltbild gehabt haben als solche, die einen männlichen Gott verehren. Wie diese Kulturen Politik und Wirtschaft betrieben haben, kann man auf diese Weise nicht erschliessen. Um das herauszufinden, habe ich mich den heute noch lebenden matriarchalen Völkern zugewandt.

Und der Spiritualität.

Göttner-Abendroth: Bei meiner Forschung ist mir aufgefallen, dass die von mir untersuchten Gesellschaften äusserst spirituell sind. Zum Beispiel würden sie die Erde, die sie als Mutter bezeichnen, niemals ausbeuten. Sie feiern sie mit grossen Festen und Ritualen.

Deshalb feiern auch Sie Rituale?

Göttner-Abendroth: Ich bin der Meinung, dass die intellektuelle Suche nach einer anderen Gesellschaftsordnung nicht ausreicht. Bei der Suche geht es um Werte, und diese sind im matriarchalen Zusammenhang immer spirituell. Nur so kann die Achtung vor der Erde und allem Lebendigen wiedergefunden werden. Und zudem: Es stört sich ja auch niemand daran, dass Männer katholische Theologie studieren und als Priester Rituale vollziehen.

Die Rituale der Kirchen sind über Jahrhunderte gewachsen. Und Ihre?

Göttner-Abendroth: Sie sind uralt, denn sie stammen aus dem matriarchalen Untergrund unserer Kultur und aus heute lebenden matriarchalen Kulturen. Sie sind viel älter als die späteren patriarchalen Religionen wie das Christentum. Natürlich haben wir solche Rituale nicht eins zu eins übernehmen können, sondern die Kreativität von uns heutigen Menschen fliesst ja auch hinein. In erster Linie feiern wir in unseren Ritualen die Erde, ihre Jahreszeiten und die lebendige Welt.

Würden Sie sich trotz Ihrer Spiritualität als Feministin bezeichnen?

Göttner-Abendroth: Ja, in dem Sinn, dass ich mich konsequent dafür einsetze, dass die Benachteiligung von Frauen ein Ende hat.

Interview: Inge Staub

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