Der Unermüdliche

Sepp Brändle hat vielerlei Berufe: Er ist Bauer, Bauunternehmer und Schneesportlehrer. Der vierfache Toggenburger Familienvater ist Anpacken gewohnt und hat mindestens zwei rechte Hände. Die braucht er auch, denn in Hof und Haus gibt es immer etwas zu tun. Sybil Jacoby

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Strahlend blauer Himmel, klirrend kalt, die Schneedecke glitzert, Kristalle flirren über den gefrorenen Schwendisee in der Luft – das obere Toggenburg ist ein Wintermärchen. Das atemberaubende Panorama mit Säntis, Schafberg und Iltios haben Brändles in diesen Wochen oft vor Augen, beneidet von jedem unkundigen Feriengast. «Dabei vergessen viele, dass wir hier oberhalb von Wildhaus sieben Monate lang Winter haben», sagt Sepp Brändle schmunzelnd, und die Sonne zeige sich auch hier nicht jeden Tag.

Die verschobene Wahrnehmung von Hochnebelgeschädigten eben. Er steht im Laufhof mit den jungen, neugierigen Rindern, krault sie liebevoll hinter den Ohren. «Was man Tieren an Fürsorge und Zuneigung entgegenbringt, kommt zu einem zurück», sagt der 36jährige Biobauer und lächelt.

Umsicht und Geduld

Er wirkt wie die Sanftmut selbst; später, in der grossen Küche des alten Bauernhauses, wird seine Frau Anita anmerken, dass er auch aufgeschlossen, einsatzfreudig und geduldig sei, solch Eigenlob käme ihm nie über die Lippen.

Geduldig beantwortet er die Fragen seines zweijährigen Sohnes Sämi, Nina, 7, und Lena, 5, sind ausser Haus, und plötzlich krabbelt auch die bald einjährige Anna herbei. Der Toggenburger liebt es, überall Hand anzulegen, sei es, die alte Küche seines Elternhauses in einen einladenden Raum mit hellem Tannenholz und grossen Fenstern zu verwandeln, sei es, das Einmann-Hoch- und Tiefbaugeschäft mit grösseren und kleineren Aufträgen zu versorgen, sei es, das Bio-Jungrindfleisch ab Hof zu vermarkten.

Schon seit 1995, als die Biowelle in der Schweiz aufkam, produzieren Brändles biologisch. Bei grösseren Bauaufträgen kann er auf die Hilfe seiner Eltern zählen, auch beim Heuen.

Die Sommermonate verbringen die zwölf Milchkühe und Rinder auf der Alp, auf dem Chäserrugg, dem Stöfeli. «Mit Milchwirtschaft allein ist es hier oben schwierig zu überleben, das Kontingent ist zu klein.

Die Investitionen in Maschinen, Reparaturen fressen allen Bauern ein grosses Loch ins Budget, auch am Haus fällt oft etwas an, aber ich kann nicht lange untätig sein und werke gerne», sagt er. Ein 19-Hektar-Betrieb ermöglicht keine grossen finanziellen Sprünge. So hat er sich in den langen Wintermonaten dem Schneesport verschrieben – mit Vergnügen, denn Ski fährt er von Kindesbeinen an.

Ein 16-Stunden-Tag

Der Wintersport lässt sich gut im Tagesablauf eines Bauernhofes integrieren, Sepp Brändle unterrichtet in der Hauptsaison im Dezember und von Januar bis April. Um 4.30 Uhr ist Tagwache, Kühe melken, Kälber tränken und saubermachen. Nach dem Morgenessen steht die Skischule auf dem Programm und dann wieder nachmittags bis 16 Uhr.

Später macht er eine weitere Runde im Stall: die Kühe melken, die jüngsten tränken, Futter verteilen, die Boxen ausmisten, neu einstreuen. Gegen 20.30 Uhr gönnen sich die Eltern endlich Feierabend.

Damit nicht genug: Aus Freude an Holzarbeiten stellt er massive Sterne, Blumen und Bergdohlen her, die er im eigens errichteten Häuschen zum Kauf anbietet. Ferien? Ja, letztes Jahr seit langem wieder einmal, Veloferien in Stein am Rhein mit der ganzen Familie.

Anpacken ist der Bauernsohn als Ältester von sechs Geschwistern gewohnt, von der Schulbank ging's oft genug heim direkt in den Stall. «Je älter ich wurde, desto mehr zog sich der Schulweg merkwürdigerweise in die Länge», erinnert er sich lachend. Bei Holzarbeiten bewies er längst ein besonderes Geschick, doch die Lehrstelle als Schreiner war vergeben, und so kam es, dass er nach der Landwirtschaftslehre in der Milchzentrale Wildhaus und als Knecht arbeitete. Danach wurde die Stellensuche während der Wintermonate schwierig.

Da kam die Anfrage eines Kollegen wie gerufen, sich doch als Skilehrer zu versuchen.

Zurück zu den Ursprüngen

«Ich war begeistert, liess mich ausbilden und bringe unseren Gästen in der Region Wildhaus, Unterwasser und Alt St. Johann Skifahren, Telemark fahren, Snowboarden und Schneeschuhlaufen bei.» Ausgerechnet Telemark, der Ursprung des Skilaufs, werde wieder neu entdeckt, entwickle sich langsam zum Trend, auch bei den Jungen, viele Snowboardfahrer und Skifahrer würden es als neue Herausforderung betrachten.

«Ganz einfach zu erlernen ist das Telemärklen nicht. Es erfordert Kraft, Ausdauer, Koordinationsvermögen und Gleichgewicht. Der Schwung ist geprägt durch den Ausfallschritt, der durch die freie Ferse und den beweglichen Schuh ermöglicht wird: hoch die Ferse, tief das Knie. Dabei wird der Aussenski nach vorne und der Innenski nach hinten geschoben.» Durch die freie Ferse und das leichte Material sei der Telemark zudem gut geeignet zum Skiwandern und für Touren. Zusehends beliebter werde auch das Schneeschuhlaufen als Alternative zum teuren Skifahren.

Die Fahrtricks der Jungen

Schliesslich berichtet Sepp Brändle von den Twintips für Junge, den neuen Ski mit aufgebogenen Ski-Enden, die im Free-skiing auf zwei Brettern einen regelrechten Boom ausgelöst haben. Vor allem jüngere, technisch fortgeschrittene Fahrer seien von den für Fahrtricks sowie als Freerider im Tiefschnee einsetzbaren Ski begeistert.

«Die Kundschaft ist anspruchsvoll geworden, wir müssen uns selbst immer weiterbilden, aber das macht ja auch grossen Spass.»

Von den tollkühnen Sprüngen in der Phantasie zurück in die Wirklichkeit. In der Küche hat das mächtige Hausbrot unter dem Leinentuch genug geruht. Anita Brändle packt den Laib, der nun in den Ofen geschoben wird. Höchste Zeit, sich zu verabschieden.