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DER TOD GEHÖRT ZU SEINEM ALLTAG: Totengräber aus Untereggen: "Die schlimmsten Bilder bekam ich bei Suiziden und Mordfällen zu sehen"

Über 40 Jahre hat Arthur Camen als Bestatter in Untereggen gewirkt. Doch nicht alle Menschen sterben nach einem erfüllten Leben friedlich im Bett. Auch zu Todesfällen, wie sie sonst nur in Krimis vorkommen, wurde er gerufen.
Ramona Riedener
Für Bestatter Arthur Camen steht die Würde der Verstorbenen über allem. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Für Bestatter Arthur Camen steht die Würde der Verstorbenen über allem. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Ramona Riedener

ramona.riedener@tagblatt.ch

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Servitut hiess das damals im Jahr 1976, als Arthur Camen den Schreinereibetrieb in Untereggen übernahm. Gemeint war, dass der Dorfschreiner zugleich die Aufgaben des Bestatters übernehmen musste. Allerdings wusste der damals 28-jährige Jungunternehmer nichts von seiner Pflicht, nahm die Nachricht aber gelassen zur Kenntnis: «Ja, dann mache ich das halt. Jemand muss es ja machen», war sein Kommentar. Über 40 Jahre hatte er neben seinem Beruf das Amt des Bestatters inne, bis er es aus Altersgründen Anfang Jahr abgegeben hat. Allerdings nicht, bevor er das Servitut eigenhändig abgeschafft hat. Denn heutzutage übernehmen diese anspruchsvolle Aufgabe speziell ausgebildete Bestatter. Die Bedürfnisse haben sich gewandelt.

Etwas Erfahrung mit Einsargen hatte der Schreiner bereits, bevor er das Amt des Bestatters in Untereggen übernahm. An seinem früheren Arbeitsplatz in Bernhardzell wurden die Angestellten jeweils ins nahe gelegene Kloster gerufen, wenn eine Ordensfrau verstorben war. «Das war nicht so weltbewegend. Die Frauen lagen angezogen und zurechtgemacht im Bett, wir mussten sie nur einsargen und den Sargdeckel verschrauben», sagt Arthur Camen. Nichts im Vergleich, was ihn in den 40 Jahren seiner Tätigkeit erwartete. Denn nicht nur alten Menschen, friedlich verschlafen im trauten Heim, umgeben von der Familie, sondern auch Mordopfern und Suizidtoten musste er den letzten Dienst erweisen.

Der Tod schreibt verschiedene Geschichten

Der heute 70-jährige Bestatter war meist einer der Ersten, die am Sterbeort eintrafen. Häufig wurde er von den Angehörigen direkt angerufen oder über die Gemeinde aufgeboten. Camens Aufgabe war es dann, den Toten einzusargen und den Transport in die Leichenhalle oder zum Krematorium zu organisieren. «Früher wurde die Leiche drei Tage zu Hause aufgebahrt, bis der Sarg mit Ross und Wagen zum Friedhof gefahren wurde. Dahinter folgte zu Fuss die Trauergemeinde. Heute übernehmen spezielle Transport- und Bestattungsunternehmen diese Aufgabe.» Nochmals zum Einsatz kam Camen bei der Beisetzung, wenn der Sarg oder die Urne jeweils mit zwei bis drei Grabbegleitern zur Ruhestätte getragen wird.

Manchmal wurde der Bestatter mitten in der Nacht an ein Totenbett gerufen. «Einmal musste ich nachts um drei Uhr einen plötzlich Verstorbenen einsargen und unauffällig abtransportieren lassen. Am Morgen, wenn die Kinder erwachten, war der Vater einfach nicht mehr da», erinnert sich Camen.

Ebenso unvergesslich für ihn: der Tod einer krebskranken Frau. Die ­Mutter von 15 Kindern starb nach einer langen Leidenszeit zu Hause. Die fünf jüngsten Kinder waren während ihres Sterbens dabei. Man habe sie beinahe vom Totenbett wegzerren müssen.

Die schlimmsten Bilder bekam Camen bei Suizid und Mordfällen zu sehen. Einmal habe er sogar einen guten Bekannten nicht mehr wiedererkannt, so entstellt sei dieser nach seinem Freitod gewesen. Was andere nur durch die Medien miterlebten, wurde für den Bestatter von Untereggen zum realen Arbeitsplatz. Nie vergessen werde er den Moment am berühmten Tatort, wo er Zeuge war, wie die Polizei nach zweiwöchiger Suche die Leiche der ermordeten Frau aus einem Schacht zog, bevor er sie zur letzten Ruhe in den Sarg betten konnte.

Würde und Respekt gegenüber den Verstorbenen

Arthur Camen hat viel gesehen und ­erlebt. Den Toten gegenüber Würde bewahren und feinfühlig mit den Hinterbliebenen umgehen, ist für ihn das ­Wichtigste im Umgang mit dem Tod. Manchmal sind dafür auch unkonventionelle Methoden nötig. Doch danach müsse man an der eigenen Haustüre abschalten und die Geschehnisse draussen lassen. «Man darf das Erlebte nicht mit nach Hause nehmen», so Camen.

Trotz all seiner Erfahrungen verarbeitet der fünffache Grossvater den Verlust eines geliebten Menschen wie jeder andere Mensch: Auch er brauchte Zeit, um über den plötzlichen Tod seiner Frau hinwegzukommen. Für sein Rentnerleben hat er sich vorgenommen, das Leben zu geniessen und seine Hobbys zu pflegen. Er singt im Jodelklub Rorschach, sammelt Briefmarken und Kupferstiche und reist. Seine beiden Söhne haben zwar die Schreinerei bereits übernommen, sind aber dankbar für väterliche Unterstützung, wenn Not am Mann ist. Über die Region hinaus bekannt ist der Schreinermeister auch für Planung und Bauführung aufwendiger und nicht alltäglicher Hausumbauten. Eine Leidenschaft, der er weiterhin nachgehen wird.

Eigentlich wollte Arthur Camen nur eine Schreinerei übernehmen. Doch in Untereggen war es üblich, dass der Dorfschreiner auch das Amt des Bestatters übernimmt. (Bild: Urs Bucher (Untereggen, 6. April 2018))

Eigentlich wollte Arthur Camen nur eine Schreinerei übernehmen. Doch in Untereggen war es üblich, dass der Dorfschreiner auch das Amt des Bestatters übernimmt. (Bild: Urs Bucher (Untereggen, 6. April 2018))

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