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Der Tiefkühler passt auf Herrn Lombard auf

Senioren testen für das grösste Altersprojekt der Schweiz Geräte. Ziel ist, dass ältere Menschen möglichst lange eigenständig leben können und die Pflege von Kranken erleichtert wird. Die Fachhochschule St. Gallen leitet das Projekt.
Katharina Brenner, Regula Weik
Hubert Lombard testet in seinem Haus in Hüttwilen technische Hilfsmittel für ein selbständiges Leben im Alter. (Bild: Reto Martin)

Hubert Lombard testet in seinem Haus in Hüttwilen technische Hilfsmittel für ein selbständiges Leben im Alter. (Bild: Reto Martin)

Hubert Lombard öffnet die Tür zu seinem renovierten Bauernhaus in Hüttwilen bei Frauenfeld – in Pullover, Sporthose, Turnschuhen. Er ist gross und schlank, hat einen festen Händedruck und wirkt deutlich jünger als 72. So stellt man sich einen Senioren, der an einem Projekt zur Altersforschung teilnimmt, nicht gerade vor. Lombards Zuhause ist ein Labor im Alltag, ein Living Lab. Er testet im Rahmen des schweizweit grössten Projekts zur Altersforschung technische Hilfsmittel. Geleitet wird das Projekt mit der sperrigen Bezeichnung «Age-nt. Alter(n) in der Gesellschaft: Nationales Innovationsnetzwerk» von der Fachhochschule St.Gallen. Der Gedanke dahinter: ältere Personen möchten möglichst lange selbstständig in ihrem Haus oder ihrer Wohnung leben. Welche Hilfsmittel können ihnen dabei helfen?

Sabina Misoch, Leiterin des Altersprojekts (Bild: Urs Bucher)

Sabina Misoch, Leiterin des Altersprojekts (Bild: Urs Bucher)

15 Personen aus der Ostschweiz haben an der ersten Testphase teilgenommen: sieben Frauen und acht Männer zwischen 66 und 88 Jahren. Vor Kurzem hat der weitere Ausbau der Living Labs begonnen. Alters- und Pflegeheime in der ganzen Schweiz sind jetzt einbezogen. «Die neuen Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind unterschiedlich pflegebedürftig», sagt Sabina Misoch, Professorin an der Fachhochschule (FHS) und Projektleiterin. Während die Testpersonen in den privaten Haushalten noch eigenständig wohnen können, würden die neuen nun im Heim oder bereits auf einer Pflegestation leben.

Jetzt sollen neue technische Hilfsmittel getestet werden. Eines für Menschen mit Demenz sei in Vorbereitung, ein Prototyp aus Licht- und Geruchskomponenten, die je nach dem beruhigend oder aktivierend wirken sollen. Ein Oberarmsensor, der Körpertemperatur, Puls, Blutdruck, Sauerstoffsättigung und Bewegung misst, wurde bereits getestet.

«Ziel ist, Symptome Schwerstkranker genau zu überwachen.»

Medizinische Krisen und Probleme sollen damit früh erkannt werden, so dass Personen möglichst lange zu Hause gepflegt und die pflegenden Angehörigen entlastet werden können. «Die Geräte sind an gesunden Personen über 65 getestet worden. Alles andere wäre ethisch nicht vertretbar», fügt Misoch hinzu.

An der Tiefkühltruhe befindet sich ein Sensor. (Bild: Reto Martin)

An der Tiefkühltruhe befindet sich ein Sensor. (Bild: Reto Martin)

Beim Besuch bei Hubert Lombard vor einigen Monaten steht auf der Anrichte in der Küche die Hauszentrale: das Gerät sieht aus wie ein grosser Wecker. Es sammelt die Daten der Sensoren im Haus. Einer klebt an der Tür der Tiefkühltruhe. Wird sie geöffnet, sendet er ein Signal – ein Indiz dafür, dass der Bewohner wohlauf ist. An der Küchendecke hängt ein Rauchmelder, auf dem Badezimmerboden liegt ein Überschwemmungssensor. Und vor der Schlafzimmertür hängt eine Lichterkette mit Bewegungsmeldern. Steht der Bewohner nachts auf, geht das Licht an.

Firmen müssen für Tests zahlen

Testet die Fachhochschule hier mit Forschungsgeldern schlicht Produkte für Firmen? Misoch widerspricht vehement. Bislang seien vornehmlich Innovationen aus der Forschung getestet worden, und die Tests müssten von den Firmen wie auch von den Forschungsinstitutionen bezahlt werden. Was die Soziologin häufig vermisst, ist eine ansprechende Gestaltung:

«Älter werden heisst nicht, dass ich nicht mehr auf Design und Ästhetik achte.»

Das scheine einigen Ingenieuren und Geräteentwicklern wenig bewusst zu sein.

Ein Sensor für Überschwemmungen. (Bild: Reto Martin)

Ein Sensor für Überschwemmungen. (Bild: Reto Martin)

Die Sensoren in Lombards Haus sind mittlerweile abmontiert. Aktuell laufen keine Tests in Privathaushalten; neue sind aber in Planung. «Wir wollen die Teilnehmenden nicht überfordern», sagt Misoch. 32 Haushalte, die meisten in der Ostschweiz, nehmen inzwischen am Projekt teil. Nach seiner Motivation gefragt, antwortet Lombard: «Ich interessiere mich für technische Spielereien.» Er war erst Chemieingenieur, später führte er einen Biobauernhof. Von den Sensoren der ersten Testphase wirkt er etwas enttäuscht.

«Gewisse Geräte wie der Überschwemmungssensor sind überholt.»

Vor 30 Jahren möge es vielleicht einmal passiert sein, dass eine Waschmaschine eine Überschwemmung ausgelöst habe; doch diese Zeiten seien vorbei.

Längerfristig ambulante Pflege einbinden

Spannend findet Lombard die Messung der Vitaldaten oder die Idee eines Drucksensors, sollte der Bewohner nachts aufstehen, auf dem Weg ins Badezimmer stürzen und nicht mehr ins Bett zurückkehren. «Wenn dann automatisch ein Nachbar oder die Spitex kontaktiert wird, ist das Gerät nützlich und wertvoll.» Dieser Schritt ist angedacht – längerfristig. Ambulante Pflege, etwa die Spitex, soll eingebunden werden, um technische Lösungen zur Unterstützung und Entlastung der Pflege testen zu können, sagt Misoch. Die Forscher wollen zudem weitere Tests durchführen und das Netzwerk ausbauen.

Auch Hubert Lombard denkt über den nächsten Schritt nach: Er testet in seinem Haus zwar Hilfsmittel, die ein selbstständiges Leben im Alter ermöglichen. Doch seine Pläne sind andere: Er hat vor, in zwei Jahren in ein genossenschaftliches Wohnprojekt nach Winterthur zu ziehen. Dort gibt es Betreuungs- und Pflegemöglichkeiten, sollte er später einmal auf Hilfe angewiesen sein. «Ich will mich an das neue Umfeld gewöhnen, so lange ich noch fit bin», sagt der 72-Jährige.

Auf der Insel der Hundertjährigen

Die Roboterrobbe ist eines der spannendsten Projekte der Altersforschung: Das flauschige Elektroniktier kann sich Namen merken und als Haustierersatz dienen. Sein Erfinder kam auf Einladung von Sabina Misoch nach St.Gallen. Die Projektleiterin steht im Austausch mit japanischen Forschern und der dortigen Industrie. Diese seien sehr angetan von den Living Labs. Misoch war in Japan und besuchte auch die Insel der Hundertjährigen, auf der viele gesunde Hochaltrige leben. Die Demografie sei in Japan jetzt schon so, wie sie bei uns im Jahr 2050 sein werde, sagte Misoch nach ihrer Rückkehr. Die Geburtenrate ist niedrig, die Lebenserwartung noch höher als bei uns. Beim grössten Altersprojekt der Schweiz hat die Fachhochschule St.Gallen (FHS) die Führung inne. Das ist aussergewöhnlich, da neben den Fachhochschulen Bern und Nordwestschweiz und La Scuola Universitaria Professionale della Svizzera Italiana auch die Universitäten Bern, Genf und Zürich beteiligt sind. Das Gesamtbudget beträgt acht Millionen Franken; vier Millionen davon steuert der Bund bei. Das Projekt läuft seit 2017 und für vier Jahre. Es hat vier Bereiche: Selbstständiges Leben im Alter und Leben mit Demenz leitet die FHS St.Gallen. Der dritte Bereich untersucht Lebens- und Wohnbedingungen älterer Menschen. Der vierte entwickelt Modelle für den Arbeitsmarkt – für Personen ab 45. (kbr/rw)

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