Kommentar

Der Thurgau ist mehr als ein Paradies für Rentner

Auch wenn der Thurgau zu den Kantonen mit dem höchsten Bevölkerungswachstum gehört, ist die Schmerzgrenze noch lange nicht erreicht. Durch vernünftige Raumplanung kann die Zuwanderung gesteuert werden.

David Angst
Drucken
Teilen
David Angst, Chefredaktor der Thurgauer Zeitung.

David Angst, Chefredaktor der Thurgauer Zeitung.

Bild: Ralph Ribi

Jedes Jahr wächst die Einwohnerzahl des Thurgaus um rund 3000 Personen, also um etwas mehr als 1 Prozent. Gegenwärtig leben rund 280'000 Menschen hier. Wenn es so weiter geht, wird die Einwohnerzahl in sechs bis sieben Jahren die Marke 300'000 durchbrechen. Manche denken: «Wo führt das noch hin?» und aktivieren ihren Abwehrreflex, den rechtskonservative Politiker gerne bewirtschaften. Sie reden von Übervölkerung und Dichtestress. Davon sind wir jedoch weit entfernt. Stau auf den Autobahnen oder Menschengedränge an den Bahnhöfen kennen wir kaum. Es können also noch ein paar kommen. Dichtestress herrscht möglicherweise in den Banlieues von Paris oder London. Aber nicht im Thurgau.

Es gibt vorderhand auch keinen Grund zur Sorge. Allein das bisher eingezonte Bauland reicht aus, um weitere 40'000 bis 50'000 Einwohner aufzunehmen. Beim aktuellen Wachstum dauerte es also rund 15 Jahre, bis sie aufgebraucht wären. Vom Leerwohnungsbestand ist damit noch nichts gesagt. Dass Wachstum nicht ohne Nebenwirkungen geht, ist klar. Wir brauchen mehr Schulhäuser, grössere Werkhöfe, neue Sportanlagen. Das sind Herausforderungen. Und es bedingt eine vorausschauende Planung in den Gemeinden und beim Kanton. Und selbstverständlich können wir die Zuwanderung steuern. Aber nicht mit Ausländerkontingenten, wie sie die Begrenzungsinitiative der SVP vorschlägt.

Den grössten Einfluss auf die Zuwanderung haben der Arbeitsmarkt und der zur Verfügung stehende Wohnraum. Beides kann der Kanton beeinflussen. Den Arbeitsmarkt durch wirtschaftsfördernde Massnahmen. Und das Wohnungsangebot durch eine vernünftige Raumplanung. Vernünftig heisst: Der Kanton definiert Entwicklungsgebiete, in denen Wohnraum, Gewerbe und Industrie entstehen können. Und er definiert Räume, in denen die Landschaft und die traditionellen Ortsbilder strikt geschützt werden. Wenn das richtig gemacht wird, spielt es keine Rolle mehr, ob ein Neuzuzüger aus Baden-Wettingen kommt oder aus Baden-Württemberg.

Das kantonale Amt für Raumentwicklung (ARE) hat sich in den letzten Jahren nicht nur Freunde gemacht. Das liegt teilweise in der Natur der Sache. Raumplanung muss, auch wenn es jedem freiheitlich gesinnten Herz weh tut, von oben gesteuert werden. Grundelement dieser Planung ist der Richtplan, und er birgt Konfliktpotenzial, da er die Autonomie der Gemeinden und die Gestaltungsfreiheit der Eigentümer beschneidet.

Das thurgauische Amt für Raumentwicklung macht nicht alles so schlecht, wie es gewisse Kritiker sagen. Aber auch nicht alles gut. Was es noch besser machen könnte: Sich gegenüber dem Bund für die Thurgauer Eigenheiten auf die Hinterbeine stellen. Zum Beispiel für unsere typische Siedlungsstruktur. Im Thurgau gibt es 2000 Kleinsiedlungen, verteilt über 1000 Quadratkilometer Boden. Mit der Umzonung von Weilern hat das ARE, auch wenn es vom Bund verordnet wurde, jüngst einen Bock geschossen. Wenn die älteste Tilsiterkäserei der Schweiz, die schon seit eh und je in einem solchen Weiler steht, sich nicht mehr entwickeln kann, dann kann etwas nicht mehr stimmen. Grundsätzlich aber ist der eingeschlagene Weg der richtige.

Man könnte nun die Frage stellen: Braucht der Thurgau überhaupt Zuwanderung? Die Gegenfrage ist: Was passiert, wenn wir das Bevölkerungswachstum begrenzen? Abgesehen davon, dass die Kantone nur beschränkte Kompetenzen haben, wäre das eine riskante Strategie. Durch die ständig wachsende Lebenserwartung leben immer mehr Rentnerinnen und Rentner im Kanton. Das ist schön, bedeutet aber: Ohne Zuwanderung von jüngeren Menschen steigt der Anteil der Pensionierten weiter an. Ohne Zuwanderung sinkt die Wirtschaftsleistung pro Kopf, und der Wohlstand nimmt ab. Der Thurgau würde sich zu einem Altersheim entwickeln, einem Paradies für Rentner, die durch Pflegerinnen betreut werden, die täglich aus Baden-Württemberg herbeipendeln und abends den Kanton wieder verlassen. Man könnte das anstreben. Aber wollen wir das wirklich?

Mehr zum Thema