Wann kommt die Corona-App? St.Gallen bietet sich als Pilotkanton an

Der Kanton St.Gallen stellt sich für die Testphase einer Contact-Tracing-App zur Verfügung. Noch sind Fragen offen.

Adrian Lemmenmeier
Drucken
Teilen
Contact-Tracing-Apps teilen Nutzern mit, ob sie mit infizierten Personen Kontakt hatten.

Contact-Tracing-Apps teilen Nutzern mit, ob sie mit infizierten Personen Kontakt hatten.

Bild: Laurent Gilliéron/Keystone

Wie kann man die Verbreitung des Coronavirus trotz Lockerung der Schutzmassnahmen in Grenzen halten? Eine Möglichkeit ist das sogenannte Contact-Tracing. Dabei soll rückverfolgt werden, mit wem eine infizierte Person Kontakt hatte, damit sich diese Leute nachher testen lassen oder in Quarantäne begeben können. Contact-Tracing ist aufwendig. Der Einsatz einer App kann es erleichtern. Derzeit prüft das Bundesamt für Gesundheit (BAG), wie eine solche App aussehen könnte. Die beiden ETH und andere Institutionen arbeiten an einer Variante, welche die Anonymität der Benutzer sicherstellen soll (siehe Kasten).

Die Ansteckung per App zurückverfolgen

Derzeit arbeiten Forscher in verschiedenen europäischen Ländern an Contact-Tracing-Apps. Im Gegensatz zu Südkorea oder Singapur, wo bereits zu Beginn der Pandemie Apps eingesetzt wurden, sollen in Europa allerdings keine Standortdaten der Smartphone-Nutzer verwendet werden. Die Daten basieren auf Bluetooth-Signalen: Treffen sich zwei Personen, speichert die App die Kontakte und den Zeitpunkt des Treffens. Infiziert sich eine Person später und teilt dies der App mit, werden jene Nutzer informiert, die mit der infizierten Person Kontakt hatten. Beim unter anderem von ETH-Forschern verfolgten Konzept DP-3 TT (Decentralized Privacy-Preserving Proximity Tracing) werden persönliche Daten nur lokal auf den Geräten der Nutzer gespeichert. Daten, die auf einem zentralen Server gespeichert werden, sind so verschlüsselt, dass sie nicht auf Personen zurückgeführt werden können.

Der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte (EDÖB) begrüsst den Ansatz, gibt aber zu bedenken, dass für eine abschliessende datenschutzrechtliche Beurteilung letztlich die konkrete Umsetzung im Alltag massgeblich sein werde. (al)

Heidi Hanselmann, Gesundheitsdirektorin Kanton St.Galllen

Heidi Hanselmann, Gesundheitsdirektorin Kanton St.Galllen

Urs Bucher

Der Kanton St.Gallen teilte am Mittwoch auf Anfrage mit, man habe sich dem BAG als Pilotkanton für den Einsatz einer Contact-Tracing-App angeboten. Was heisst das konkret? Und wie könnte eine Pilotphase aussehen? Gesundheitsdirektorin Heidi Hanselmann zufolge würden Detailfragen derzeit geklärt. Klar aber sei: «Für den Erfolg der App ist die Anzahl der Nutzerinnen und Nutzer ausschlaggebend.» Man müsse der Bevölkerung deshalb den Nutzen der App aufzeigen. «Wer informiert ist, macht eher freiwillig mit. Ich bin optimistisch, dass dies gelingen kann. Unsere Bevölkerung ist sehr solidarisch.»

Freiwilligkeit per Gesetz festhalten

Weniger optimistisch ist scheinbar Nationalrätin Andrea Gmür. Die CVP-Fraktionspräsidentin schreibt auf Twitter, die ETH-App müsse obligatorisch sein, damit sie ihre volle Wirkung entfalte – und erntet dafür massenhaft kritische Kommentare. Die Staatspolitische Kommission des Nationalrats fordert ihrerseits, der Bundesrat solle dem Parlament eine gesetzliche Grundlage für eine Corona-App vorlegen. Eine App könne einen Beitrag zur Bewältigung der Krise leisten, heisst es in der entsprechenden Motion. «Aufgrund der möglichen schweren Grundrechtseingriffe» könne man ein solches Gesetz aber nicht per Notrecht erlassen. Ausserdem müsse die Anwendung einer App freiwillig sein.

Nicolo Paganini, Nationalrat CVP

Nicolo Paganini, Nationalrat CVP

KEYSTONE

Diese Ansicht teilt Nicolo Paganini. Im Gegensatz zu seiner Fraktionspräsidentin ist für den St.Galler CVP-Nationalrat die Freiwilligkeit einer App zentral. Er ist überzeugt, dass genügend Leute eine Contact-Tracing-App installieren würden, weil somit wohl weitere Lockerungen möglich seien. Einer Umfrage des Beratungsunternehmens Deloitte zufolge unterstützen gut zwei Drittel der Personen im erwerbsfähigen Alter in der Schweiz Contact-Tracing.

SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher

SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher

KEYSTONE

Die Thurgauer SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher ist Co-Präsidentin der Parlamentarischen Gruppe Digitale Nachhaltigkeit. Sie befürwortet die Contact-Tracing-App, wie sie die ETH entwickeln. Die Privatsphäre sei nach jetzigem Wissensstand geschützt, der Code öffentlich einsehbar. Noch seien aber Fragen offen: «Wie viele Leute müssen die App nutzen, damit sie genug nützt? Wie zuverlässig ist sie für Personen, die beruflich mit vielen Menschen in Kontakt kommen?» Damit viele freiwillig mitmachen, plädiert Graf-Litscher dafür, dass der Staat die App empfiehlt.