Der Teddy darf mit rüber, der Papi nicht: Wie die Grenzschliessung das Leben einer Familie zwischen Konstanz und Kreuzlingen verändert 

Die geschlossene Grenze entzweit Liebespaare und schneidet mitten durch Familien. Ein Beispiel aus Kreuzlingen und Konstanz zeigt, was das mit den Betroffenen macht. Die Mutter muss in Deutschland bleiben, der Vater in der Schweiz. Nur die gemeinsame Tochter darf über die Grenze.  

Katharina Brenner und Noemi Heule
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Der Vater bringt Ayana zur Grenze. Auf der deutschen Seite wartet ihre Mutter.

Der Vater bringt Ayana zur Grenze. Auf der deutschen Seite wartet ihre Mutter.

Bild: Andrea Stalder

Ayana hält an der einen Hand ihren Vater, mit der anderen umklammert sie ihren Teddybären, der fast so gross ist wie sie. «Darf der Teddy mit?», fragt sie den Polizisten. «Aber logisch. Der ist doch das Wichtigste!» Ayana springt auf und ab, die Arme und Beine des Teddys auch. Ihr Vater streckt dem Polizisten Ayanas Pass hin, den dunkelroten mit dem goldenen Adler. «Sie geht zu ihrer Mutter», sagt der Vater und zeigt auf die Frau, die nur wenige Meter entfernt steht, auf der deutschen Seite der Grenze. Der Polizist will wissen, ob die Tochter auch wieder zurück in die Schweiz dürfe. Der Vater antwortet: «Sie schon, meine Partnerin nicht.» Der Polizist gibt nickend sein Okay.

Ayana umarmt den Vater, rennt zur Mutter, umarmt auch sie, gibt ihr den Teddy und greift zum Trottinett, das an der Wand lehnt. Sie fährt in einem kleinen Kreis. Währenddessen heben die Eltern die Hand zu einem müden Winken. «Wir telefonieren», ruft Sandra J. ihrem Partner zu. Der lächelt, dann stützt er die Hände auf der rot-weiss gestreiften Absperrung ab und schaut Partnerin und Tochter nach, wie sie sich auf den Weg nach Hause machen. In ein Zuhause von zwei.

Am Morgen mit dem Velo rüber nach Kreuzlingen

Sandra J. und ihr Partner, der lieber ganz anonym bleiben möchte, kennen sich seit 23 Jahren. Er ist Schweizer und lebt in Kreuzlingen. Sie ist Deutsche und lebt in Konstanz. Vor sechs Jahren kam die gemeinsame Tochter Ayana zur Welt. Sandra J. erzählt aus dem Alltag der Familie – als es den noch gab: Morgens fährt sie mit dem Velo und Ayana rüber nach Kreuzlingen und bringt sie dort zur Schule. Wenn Ayana Mittagsschule hat, kocht die Mutter für die Familie, als Lehrer hat der Vater die gleichen Pausen. Am Abend gehen Mutter und Tochter zurück nach Konstanz. Die Wochenenden verbringen sie mal hier, mal dort.

«Viele können unser Modell nicht verstehen, aber für uns passt es sehr gut. Wir fühlen uns wohl in unseren beiden Wohnungen, heiraten ist kein Thema.» Ayana blickt von ihrem Trottinett auf. «Ich bin in Deutschland und in der Schweiz daheim.» Sie ist als einzige in der Familie Doppelbürgerin, die Eltern haben das geteilte Sorgerecht. «Das ist unsere Rettung», sagt die Mutter.

«Dass ich meinen Partner nicht sehen kann, ist schade, aber wir halten das gut aus. Unsere grosse Sorge ist, wie Ayana damit umgeht.»

Der Besuch von Kindern gilt nicht als triftiger Grund

Seit zweieinhalb Wochen sind Einreisen nach Deutschland und in die Schweiz für Ausländer nur noch in Ausnahmefällen möglich. Dazu gehören in Deutschland Personen mit triftigen Gründen. Seine Partnerin in Konstanz zu besuchen, ist keiner. In der Schweiz sind Besuchsaufenthalte zurzeit nur bei ausserordentlicher Notwendigkeit gestattet, beispielsweise einem Todesfall. Besuche getrenntlebender Eltern und deren Kinder fallen nicht darunter. Ein Sprecher des Staatssekretariats für Migration sagt: «Es ist uns bewusst, dass diese Massnahme – wie viele andere auch – einschneidende Auswirkungen auf das Privatleben haben kann. Diese müssen wir alle zurzeit ertragen, um der Epidemie Herr zu werden.»

Ayana überlegt, den einen Fuss vom Boden abstossend, den anderen auf dem Trottinett, welchen Film sie am Abend sehen will. «Mama, vielleicht ‹Happy Family›?» Sie verspricht, in den nächsten Tagen fleissig Hausaufgaben zu machen. Was hat sich in den letzten Wochen verändert für sie? «Also an der Grenze muss ich jetzt meinen Pass zeigen und ich sehe Mama und Papa nur manchmal. Wenn ich die Mama nicht sehe, ist das ein bisschen schlimmer, als wenn ich den Papa nicht sehe.» Sandra J. fasst sich an die Nase.

«Mama, warum weinst du schon wieder?»

Ayanas Stimme ist lauter geworden. «Ich weine gar nicht, mir ist nur kalt.» Später am Telefon sagt die Mutter, wie sehr sie dieser Satz gerührt hat. Und dass in ihrer Familie in den letzten Wochen viel geweint wurde. Bei der ersten Übergabe nach der Grenzschliessung hätten sie und ihr Partner so sehr geweint, dass sich Polizisten beider Länder vor sie gestellt hätten, damit Ayana das nicht sieht.

Der Vater versucht bei der Kindsübergabe stark zu sein

«Papa, das ist peinlich», sagte Ayana bei der letzten Übergabe, als ihr Vater sie wieder in die Arme nehmen konnte und die Anspannung von ihm abfiel, zusammen mit ein paar Tränen. Seither versucht er, stark zu sein, wenn wieder eine Kindesübergabe an der Grenze ansteht. Der Vater, der nun alleine auf Schweizer Boden zurückbleibt, sagt am Telefon: «Jedes Mal, wenn sie vor meinen Augen die Zollkontrolle durchschreitet, habe ich Angst. Angst, dass es ein Abschied auf unbestimmte Zeit sein könnte.»

Was passiert, wenn ein Land die Massnahmen verschärft und er seine Tochter nicht mehr sehen kann, fragt er sich immerzu. Hinzu kommt die Sorge um seine Partnerin, die zur Risikogruppe gehört. «Sollte sie erkranken, könnte ich mich nicht einmal um sie kümmern», sagt er. «Für uns war es unvorstellbar, dass sie die Grenzen dichtmachen», sagt Sandra J.

«Die Grenzregion, das ist doch ein Land. Konstanz und Kreuzlingen sind eine Stadt.»

Die Familie ist zu dritt in Kreuzlingen, als sie am Nachmittag des 15. März, einem Sonntag, aus dem Fernsehen von den Grenzschliessungen erfährt, die ab Montag gelten. «Wir hatten Panik», sagt Sandra J. «Sollte ich in der Schweiz bleiben? Aber unsere Katze war in Konstanz, meine ganzen Sachen. Was, wenn ich ins Spital müsste? Dann wäre es mit der Krankenkasse schwierig.» Also gingen sie und Ayana noch am selben Abend zurück.

Seitdem verbringt Ayana jeweils ein paar Tage mit der Mutter, dann ein paar Tage mit dem Vater. Wie der Vater rechnet auch die Mutter bei jeder Übergabe damit, Ayana einige Zeit nicht mehr zu sehen. «Das ist nur sehr schwer zu ertragen. Dabei haben wir ja noch Glück. Es gibt andere Eltern, die ihre Kinder gerade gar nicht mehr sehen können.»

Frisch Verliebte tauschen sich über ihre Wut und Trauer aus 

Das gilt für etliche Familien. Allein die Facebook-Gruppe «Paare/Familien, die von der Grenzschliessung betroffen sind» zählt mehr als 100 Mitglieder. Frisch Verliebte tauschen sich über ihre Trauer und Wut aus und über Grenzzäune, an denen man sich treffen kann. Hochschwangere Frauen geben sich Tipps, damit der Vater aus dem anderen Land sie besuchen kann.

Am Grenzzaun zwischen Konstanz und Kreuzlingen kommen Verliebte zusammen.

Am Grenzzaun zwischen Konstanz und Kreuzlingen kommen Verliebte zusammen. 

Bild: Felix Kästle

Es braucht in der Krise aber noch nicht mal einen Grenzzaun, um Familien zu trennen. Auch innerhalb der Ostschweiz sehen manche Kinder einen Elternteil vorerst nicht, weil er oder sie zur Risikogruppe gehört.

Sandra J. und Ayana passieren das Schnetztor in Konstanz. An einem Fenster im zweiten Stock steht ein Mann und raucht. Er hebt die Zigarette zum Gruss. Es ist Montagnachmittag. Weiss Ayana schon, wann sie ihren Vater wiedersehen wird? «Vielleicht am Freitag» sagt sie. Am 20. April feiert ihr Vater seinen 55. Geburtstag. Einen Tag zuvor endet nach jetzigem Stand die ausserordentliche Lage, die der Bundesrat über die Schweiz ausgerufen hat. Noch hofft die Familie, dass sie diesen Tag zu dritt feiern kann.


«Richten Sie feste Telefonzeiten ein»

Hannah Iten-Schlegel, Psychologin bei den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Diensten St.Gallen.

Hannah Iten-Schlegel, Psychologin bei den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Diensten St.Gallen.

Bild: PD

In der Coronakrise sind einige Kinder von Vater oder Mutter getrennt. Weil Grenzen zu sind, oder weil die Gefahr einer Infektion zu hoch ist. Hannah Iten-Schlegel, Psychologin bei den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Diensten St.Gallen, über Familien in dieser Lage.

Was macht es mit einem Kind, wenn es einen Elternteil plötzlich unregelmässig oder für einige Zeit gar nicht mehr sieht?

Hannah Iten-Schlegel: Der plötzliche Verlust einer wichtigen Bezugsperson kann für ein Kind eine grosse Belastung sein und Gefühle der Verunsicherung oder Trauer hervorrufen.

Wie äussert sich das?

Es kann zu Symptomen wie Konzentrationsschwierigkeiten, Aggressivität oder Schlafstörungen kommen. Je nach Alter und Entwicklungsstand können Schuldgefühle auftreten, da das Kind sich als Ursache für den Verlust wahrnimmt.

Was raten Sie Eltern in dieser Lage?

Diese Gefühle sollten Eltern ernstnehmen und mit dem Kind besprechen. Dank der Technologie ist es möglich, miteinander in Kontakt zu bleiben – nutzen Sie dies. Richten Sie feste Zeiten ein, in denen das Kind mit dem anderen Elternteil telefonieren kann, wenn möglich mit Video. Dies muss nicht täglich sein, ein geregelter Rhythmus ist jedoch sinnvoll. Generell ist es wichtig, dem Kind möglichst viel Normalität und Sicherheit zu vermitteln.

Beratung per Telefon

(red) Die Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste St.Gallen bieten in der Coronakrise ab Montag, 6. April, eine neue Telefonberatung für hilfesuchende Eltern, Jugendliche und Kinder an. Der Beratungsdienst (Tel. 071 243 47 99) ist jeden Tag von 8 bis 20 Uhr erreichbar, anonym und kostenlos. 

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