Der streitbare Nostalgiker

Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen betreibe – gemessen an der Anzahl Kunden – ein «Massengeschäft», sagt ihr Direktor Ignaz Vinzens. Was er dabei nicht duldet: Schlamperei, Mogelei und Unordnung.

Regula Weik
Drucken
Teilen
Ignaz Vinzens im Gespräch. (Bild: Michel Canonica)

Ignaz Vinzens im Gespräch. (Bild: Michel Canonica)

St. gallen. Seine Herkunft kann er nicht verleugnen. Nach zwei Sätzen ist klar: Ignaz Vinzens ist Bündner. Ein herunter gekommener, er lebt seit zwanzig Jahren in St. Gallen – und es zieht ihn nichts in die Berge zurück. «Ich bin kein Heimwehbündner», sagt er.

Aber ein Heimweh-SVAler? Der Direktor der Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen (SVA St. Gallen) scheint von der Einrichtung nicht loszukommen, hatte er doch bereits früher als Leiter Personal und Leiter Informatik für sie gearbeitet. Vinzens lacht – vielleicht sei er ein Nostalgiker, meint der ausgebildete Primarlehrer. Es sei «Liebe auf den ersten Blick» gewesen – damals, als er als Wirtschaftsstudent der HSG erstmals Kontakt mit der öffentlich-rechtlichen Anstalt hatte und in einem Praktikum Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter befragte. «Ernsthafte Leute, die bestrebt sind, gute Arbeit zu leisten.» Und wie schätzt er seine Crew heute ein? «Gleich.»

Der Vertrauensauftrag

Vinzens hat kein leichtes Erbe angetreten. Die Sozialversicherungsanstalt schrieb Schlagzeilen – keine positiven. Seinem Vorgänger waren Vetternwirtschaft und unsensibler Umgang mit Geld vorgeworfen worden. Der Auftrag seiner obersten Chefin, Regierungsrätin Kathrin Hilber, war denn auch klar: Vertrauen schaffen – nach innen und aussen.

Die schwierigste Vorgabe für seinen neuen Job? «Nicht schwierig, aber streng», sagt Vinzens. «Vertrauen beruht auf Beziehung. Eine permanente Aufgabe.» Kennt er alle 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? «Noch nicht alle namentlich.» Er übe. Auf seinem Nachttisch liegen die Organigramme einzelner Abteilungen. Vinzens sagt von sich selber: «Meine Arbeitsweise ist direkt und unkompliziert.» Er sei kein Phantom von Chef. Er sei oft im Haus, im Büro, auf dem Gang oder auch in der Cafeteria anzutreffen.

Sieht er sich als Troubleshooter? Er verneint. «Die SVA ist kein Sanierungsfall.» Es sei nie Kritik an ihr als Institution geübt worden – «das war eine personifizierte Geschichte».

Kritikerprobt

Was das heisst, hat er am eigenen Leib erfahren. Vinzens, vormals Direktor der Informatikgesellschaft für Sozialversicherungen IGS GmbH St. Gallen, wurde von der Sonntagspresse für einen angeblichen 250-Millionen-Flop verantwortlich gemacht; so viel kostete die neue Software, welche die Firma für die Ausgleichskassen von 16 Kantonen und dem Fürstentum Liechtenstein entwickeln sollte. Hat Vinzens ein sinkendes Schiff verlassen, als er bei der Sozialversicherungsanstalt andockte? Er verneint: «Ich war mit Leib und Seele dabei. Die Firma war meine zweite Frau und mein drittes Baby.» Der 48-Jährige ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder.

Die Anschuldigungen stechen ihn noch heute, sachlich stellt er klar: «Die Software wurde in St. Gallen getestet und ist hier im Einsatz – exakt und produktiv.» Also allesamt haltlose Vorwürfe? «Wir haben das Ziel erreicht. Richtig ist: Es hat länger gedauert und mehr gekostet. Doch wir haben kein Geld verschleudert. Ich mache mir keinen Vorwurf.» Zwölf Jahre war er Direktor der IGS GmbH gewesen – bis zur Rückkehr zur Sozialversicherungsanstalt Anfang Dezember.

Projektgetrieben – prozesshaft

Die IT-Branche sei ein projektgetriebenes Geschäft und er atemlos unterwegs gewesen. Ganz anders die Sozialversicherungen – «ein prozesshaftes Geschäft, das in Zeiträumen von fünf, zehn Jahren denkt».

Die SVA St. Gallen «verteilt» jährlich 1,9 Milliarden Franken; 280 Millionen gibt sie allein für Ergänzungsleistungen aus. Mehr als 350 000 Personen im ganzen Kanton sind ihre Kundinnen und Kunden – «ein Massengeschäft», sagt Vinzens. Und damit fehleranfällig? «Fehler gibt es», sagt der neue Direktor. Was er nicht zulässt: Dass Fehler kaschiert und vertuscht werden. «Sie gehören offengelegt. Und dann machen wir es das nächste Mal besser.»

«Nicht am Halsband»

Wie gross ist sein Spielraum gegenüber dem Kanton, der Regierung? Er überlegt: «Wir haben einen gesetzlichen Auftrag, wir bewegen uns damit innerhalb eines Rasters. Unser Spielraum ist, wie wir den Auftrag umsetzen. Die Umsetzung ist unsere Kompetenz.» Er lacht: «Ich werde nicht am Halsband geführt.»

Vinzens lacht viel. Doch wenn es um inhaltliche Fragen geht, fliegen schon mal die Fetzen. «Ich kann gehörig streiten – doch immer fair, nicht auf die Person gespielt.» Der Geschäftsleitung und dem Kader hatte er sich mit einer Mind Map vorgestellt; da schrieb er über sich selbst: unkompliziert, streitbar, temperamentvoll. Wie ist er privat? «Eher faul. Ich mag es gemütlich, essen, trinken, lesen, ruhen.»

Aktuelle Nachrichten