Der St.Galler Regierungsrat Benedikt Würth wehrt sich gegen Kritik an ÖV-Plan

Der St.Galler Regierungsrat hält an seinem Entscheid für bessere Fernverkehrs-Verbindungen nach Zürich fest. Standortförderer Remo Daguati wirft ihm vor, die Kantonshauptstadt «geopfert» zu haben.

Katharina Brenner
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 Standortförderer Remo Daguati betrachtet St.Fiden als Trumpfkarte für einen neuen Stadtteil über den Gleisen.

Standortförderer Remo Daguati betrachtet St.Fiden als Trumpfkarte für einen neuen Stadtteil über den Gleisen.

Bild: Urs Bucher

Die Vorwürfe, die Remo Daguati erhebt, sind happig. Der selbstständige Standortförderer und ehemalige Leiter des Amts für Wirtschaft im Kanton St.Gallen geht mit Regierungsrat Benedikt Würth hart ins Gericht. Irgendwann nach 2014 habe Würth, damals noch Volkswirtschaftsdirektor, die Kantonshauptstadt «geopfert». Das funktionierende S-Bahn-System mit dem Viertelstundentakt auf Stadtgebiet, minutengenau abgestimmt auf den Fernverkehr und die Region St. Gallen, sei zu Gunsten eines dritten schnellen Zuges zwischen Zürich und St.Gallen «verkrüppelt» worden, so Daguati.

Würth reagiert entschieden auf diese Kritik: «Ich war und bin noch immer vollends überzeugt, dass die Fernverkehrs-Verbesserungen auf der Achse St.Gallen-Zürich ein für die Region St.Gallen, den Kanton und die Ostschweiz wichtiger Meilenstein bei der Entwicklung des öffentlichen Verkehrs waren.» Davon seien auch Vertreterinnen und Vertreter von Wirtschaft, Politik und Standortförderung überzeugt gewesen. Das Ziel, die Erreichbarkeit von St.Gallen zu verbessern, sei immer klar und transparent gewesen. «Auch der St.Galler Stadtrat unterstützte diese Verbesserungen.»  

Standortförderer sieht Thurgau als Gewinner

Remo Daguati, ehemaliger Leiter des Amts für Wirtschaft.

Remo Daguati, ehemaliger Leiter des Amts für Wirtschaft.

Bild: PD

Daguati ist der Meinung, Würth hätte abwägen müssen «zwischen dem volkswirtschaftlichen Nutzen dieser zusätzlichen Fernverbindung und den vier Stadtbahnhöfen St.Fiden, Haggen, Bruggen und Winkeln, den Hubs zu den städtischen Entwicklungsschwerpunkten.» Lachender Dritter in diesem «Würth-Poker» sei der Thurgau: «Die Wirtschaftsentwicklung in der nördlichen Ostschweiz geht in den nächsten 20 Jahren von Zürich über Winterthur sowohl Richtung Konstanz wie auch Richtung Romanshorn», prophezeit Daguati.

Würth ist indessen überzeugt: «St. Gallen wird sich positiv entwickeln.» Der Fahrplanwechsel 2015 sei «ein Quantensprung» für den ÖV in St.Gallen und der Ostschweiz gewesen. «Mit dieser besseren Anbindung haben etliche Unternehmen und Arbeitskräfte einen schnelleren und regelmässigeren Zugang zum Wirtschaftsstandort Zürich erhalten.» Und umgekehrt zum Standort St.Gallen.

Regierungsrat Benedikt Würth.

Regierungsrat Benedikt Würth.

Bild: Anthony Anex/KEY

Diese Verbesserungen hätten auch eine schlanke Anbindung ans Rheintal gebracht, was den Kanton und die Stadt St.Gallen im internationalen Wettbewerb gestärkt habe. Gerade auch mit Blick auf die Rekrutierung von Fachkräften, so Würth. Aufgrund der Planungen aus dem Jahr 2014 werde mit dem diesjährigen Fahrplanwechsel die Verbindung St.Gallen-Zürich weniger als eine Stunde dauern.

Würth erinnert an die Verhandlungen mit der damaligen Verkehrsministerin Doris Leuthard vor zwei Jahren, als die St.Galler Regierung eine Aufnahme des Vollknotens St. Gallen im Ausbauschritt 2035 beschloss. Damit könne auch die S-Bahn weiter optimiert werden, sagt Würth.

«Im ÖV kann man nicht alles auf einmal verbessern, sondern muss Schwerpunkte setzen, um vorwärts zu kommen.»

Beim Vergleich der Fahrpläne 2012 und 2020 ist für ihn klar: «Die ÖV-Verbesserungen sind massiv.» Es ergebe keinen Sinn, die erzielten Verbesserungen gegen die Quartierbahnhöfe in der Stadt St. Gallen auszuspielen. Die Erschliessungsqualität der Stadt im ÖV sei inzwischen sehr gut, was nicht heisse, dass sie schon perfekt sei. «Wir alle möchten weitere Verbesserungen erzielen, zum Beispiel mit der Durchbindung des Gleis 7.»  

Remo Daguati plädiert für ein eng getaktetes S-Bahn-System, weil die Erreichbarkeit des Arbeitsplatzes vom Wohnort treibender Faktor bei der Ansiedlung von Unternehmen sei. Während andere Städte bei den Unternehmensdienstleistungen zugelegt hätten, seien diese in St. Gallen rückläufig. Der Stadt gehe damit wertvolles Steuersubstrat verloren. «Wir verharren in der traditionellen Industriementalität», so Daguati.

Informatik und Gesundheit sind gefragte Branchen

Darauf entgegnet Samuel Zuberbühler, Leiter der städtischen Standortförderung:

«St.Gallen befindet sich in einer Phase der Transformation.»

Während der Wegbruch der Textilindustrie eine ganze Generation geprägt habe, kenne die jüngere Generation diese Krise nicht mehr. «Wir orientieren uns nach vorne, hin zu neuen Bereichen.» Der Stadtrat habe klar definiert, dass sich die Stadt in zukunftsträchtigen Wirtschaftszweigen mit hoher Wertschöpfung und langfristigem Wachstumspotenzial entwickeln solle, insbesondere in den Bereichen ICT und Gesundheit. «Wir wollen aber auch die Basis für Start-ups legen.» Die Entwicklung von «IT St.Gallen rockt», Startfeld und der Kick-off für einen Gesundheitscluster seien konkrete Massnahmen.

Zur S-Bahn sagt Zuberbühler, es sei das Ziel der Stadt, die verschiedenen städtischen Gebiete bestmöglich zu erschliessen. Sie setze sich auf allen Ebenen intensiv für entsprechende Verbesserungen ein.

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