Der Stadl schunkelt in der Olma wie eh und je

Als Mittvierziger ist die Aussicht, die SRF3-Hitparade mit Michel Birri überstehen zu müssen, so bedrohlich, wie den Musikantenstadl mit Andy Borg ohne Magengrippen-Symptome zu überdauern.

Michael Hasler
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Musikantenstadl mit Andy Borg und Melissa in der Olma-Halle. (Bild: Urs Bucher)

Musikantenstadl mit Andy Borg und Melissa in der Olma-Halle. (Bild: Urs Bucher)

Als Mittvierziger ist die Aussicht, die SRF3-Hitparade mit Michel Birri überstehen zu müssen, so bedrohlich, wie den Musikantenstadl mit Andy Borg ohne Magengrippen-Symptome zu überdauern. Beide Shows winken einem aus einer Zeit entgegen, die mit mehr als einem halben Leben Abstand grotesk unrealistisch wirkt.

Im Falle des Stadls winken quälende Familienabende, klebrige Sofawärme mit Aproz-Limonade und Salzstengel mit Gedanken an Karl Moik und seinen Gaggeber Hias. Die Erinnerung protokolliert, dass der Vater zu Egerländer Blaskapellen in kindlicher Glückseligkeit mitsummte, während die Halbwüchsigen ihre Blicke abglichen, um zu bestätigen, dass sich der Raum mit Fremdscham füllte. An diesem Sonntag stellt sich für den Mittvierziger mit Affinität zu Jazz- und Singer-Songwriter-Musik in der Olma-Halle also nicht die Frage, was man am aktuellen Musikantenstadl auf Tournée nicht mögen kann. Spannender ist die Forschung, warum dieses Format nach 34 Jahren so unkaputtbar wie ehedem wirkt.

«Ja jetzt ist Stadlzeit»

Die pauschale Antwort ist einfach: Der Stadl will nicht mehr sein, als was er ist – komplett uneitel. Eine gut gemachte, brachial-flache, aber solide Live-Unterhaltungsshow, die alle Probleme für zweieinhalb Stunden aussperrt. Wie aber soll man als Nichtzielgruppe diesen Schlager-Musical-Volksmusik-Sirup verdauen? Nun, wer die banalen Endlosschlaufen eines DJ Antoine übersteht, wird auch im Stadl durchkommen. Der Einstieg ist hart – mit der Hymne «Ja jetzt ist Stadlzeit». Andy Borg intoniert, die Hände schnellen in die Höhe, 800 Kehlen singen mit und das Orchester von Otti Bauer wummert den Klangboden in die Halle. Der einfachste Grund, den Stadl zu mögen, ist Moderator Borg. Der Wiener wirkt so erfrischend unvorbereitet, als ob er vor drei Minuten aufgestanden sei.

Borg, Monique und Lindner

Komplett angstfrei wirbelt er mit einem schnoddrigen Charme über die Bühne, der ihn beim bieder-braven SRF wohl längst den Job gekostet hätte. Ein Beispiel: «Ich war schon zweimal in St. Gallen. Einmal haben sie mich geblitzt.» Das ist nicht schlechter als eine Mario-Barth-Salve. Oder: «Meine Kollegen sind geschminkt, ich bin sandgestrahlt.» Eher besser als ein Giacobbo-Kracher. Die Show selbst ist so, wie sie vor einem Vierteljahrhundert auch war: Nach «In München steht ein Hofbräuhaus» schunkelt die Halle. Melissa ist knackig und blond und spielt auf ihrem Akkordeon den Zillertaler Hochzeitsmarsch. Die Dorfrocker bleiben konsequent rein phonetisch (hiahiahiaoo) und Schlagersängerin Monique wirkt mit ihren adretten Schlagerperlen schon fast wie Hochkultur.

Star des Abends aber ist Patrick Lindner, dessen sexuelle Orientierung (vor Jahren ein Skandal) schon nach 30 Sekunden mit gestelzten Manierismen sichtbar wird. Nach 70 Minuten ist Pause, im zweiten Teil folgt der Aufguss des ersten, garniert mit einem Theater-Irgendwas. Doch jene 800 in der Halle, die zu den vier Millionen gehören, welche dem Stadl noch immer traumhafte TV-Quoten bescheren, sind glückselig. Fehlen nur Sofa, Aproz-Limo und Salzstengel. Wahrscheinlich ist das auch in 25 Jahren noch so. Irgendwie beruhigend. Oder beängstigend?