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Der Stachel ist noch drin: Das Rümpeltum ist die letzte autonome Bastion St.Gallens

Das Rümpeltum ist einer der letzten kulturellen Freiräume der Ostschweiz. Das autonome St.Galler Kulturlokal bezieht bald ein neues Provisorium. Das antiautoritäre Erbe der Gründertage verblasst allmählich – das Herzblut der Betreiber aber bleibt.
Roman Hertler
Wie offen soll das Rümpeltum sein? Die Frage wird in der Szene viel diskutiert.(Bild: Ralph Ribi)

Wie offen soll das Rümpeltum sein? Die Frage wird in der Szene viel diskutiert.
(Bild: Ralph Ribi)

«Ihr wisst nicht, was Punk ist», steht mit Filzstift an die Wand geschrieben. Zur Antwort steht darunter: «Wir wissen es nicht, darum bleiben wir, du wilde Nudel!» Das «N» als Blitz im Kreis, das Symbol der Hausbesetzerbewegung. Eine grosse Besetzerszene gab es in St. Gallen zwar nie, auch das «Rümpeltum» war nie eine Besetzung, aber es entstand aus dem Wunsch nach kulturellem Freiraum ohne Konsumzwang. Das Haus an der St. Galler Haldenstrasse ist mittlerweile ein ziemlich heruntergekommenes Loch. Die Wände sind muffig und feucht. Der Geruch von abgestandenem Tabakqualm hängt schwer im Gebälk. Das alles ist aber Teil seines Charmes. Und es vermag das Herzblut und das Engagement nicht zu übertünchen, welche das Betreiberkollektiv seit jeher an den Tag legt, ob es um den Konzertbetrieb, die Bar, den Bau oder die Ordnung in und ums Haus geht. Manchmal besuchen sogar Gäste aus dem Vorarlberg die letzte autonome Bastion St. Gallens. Institutionen wie die Grabenhalle oder die Wiler Lokremise sind längst etablierte Clubs. Das Rümpeltum hat seinen Underground-Charakter am vollständigsten bewahrt.

Dieser Hauch von Wildheit und Freiheit von Autorität ist es, welcher nicht nur St.Galler Alt- und Jungpunks und anderes alternatives Volk anlockt, sondern auch arriviertere Personen. Es gab Nächte, da sassen etwa der ehemalige Bartender des «Einstein», der im Smoking den ganzen Abend Single Malt serviert hatte, und ein Berner Schriftsteller, den es nach seiner Lesung in der Kellerbühne noch weiterzog, zusammen an der Bar. Dann und wann schaut auch der St.Galler Musiker Manuel Stahlberger vorbei. Der Grossteil des Publikums sind aber Menschen von den Rändern der Gesellschaft, Punks, Hippies, Aussteiger, ein paar Alkis. Bei Teilen des Kollektivs herrscht über die uneingeschränkte Vielfalt der Gäste nicht nur Freude. «Klar, das Rümp muss ein freier Ort für alle sein», sagt Nik, der seit der Gründung 2001 mitwirkt. «Aber die Freiheit des Einzelnen darf die Freiheit der anderen nicht einschränken.» Ein Punkt, der schon lange diskutiert werde, sagt Rela, ein anderes Kollektivmitglied. «Manchmal kommen die Leute mit je einem 24er-Pack Bier, sind laut, verscheuchen andere und hinterlassen eine Sauerei. Man kann den Leuten ja nicht sagen: ‹Du darfst nur ein Bier mitbringen.›» Aber ohne ein Mindestmass an Regeln gehe es einfach nicht.

Generationenwechsel in der Autonomen-Szene

Das Rümp-Kollektiv ist sich seiner ideologischen Gratwanderung bewusst. Die radikaleren politischen Kräfte haben sich längst abgewandt. Einige haben sich in die Zürcher Szene verabschiedet. «Ihr seid überhaupt nicht links, ihr seid nicht schwarz angezogen, ihr wisst nicht, was Anarchie bedeutet», bellen sie hinterher. «Bei uns gibt es keinen Szenezwang», antwortet Rela. «Gleichzeitig diskutieren wir aber immer wieder, wie offen wir sein wollen. Ist das Bier zu billig? Züchten wir hier junge Alkoholiker?» Das Rümpeltum müsse zwar ein Ort bleiben, an dem auch Leute, die nicht arbeiten, ihr Bier trinken können. «Aber für jene, die nur saufen und rumpöbeln, ist das Rümpeltum nicht gedacht.»

Die Autonomiebewegung hat St.Gallen gegen Ende der 1970er-Jahre erreicht. Die «Posthalle» 1980, das «Autonome Jugendzentrum» (AJZ) 1982, die «Hecht»-Besetzung 1989 waren wichtige Stationen. «Dass es danach ruhiger geworden ist, hat verschiedene Gründe», sagt Bildhauer Wolfi Steiger, der stark mit der Szene verbunden war und ein ganzes Archiv mit Untergrundzeitungen, Flugblättern und künstlerisch-politischen Arbeiten der «Güllener Bewegung» führt. «Weltpolitisch wurde es nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion komplizierter. Es herrschte allgemein eine politische Orientierungslosigkeit», sagt Steiger. «Und was St. Gallen betrifft: Die Aktiven der Szene sind älter geworden, haben teils Familien gegründet.» Zudem habe man einiges erreicht. Bis heute überdauert haben die Grabenhalle (1981), das Kinok (1985) und die Genossenschaftsbeiz «Schwarzer Engel» (1986). «Im Nachhinein betrachtet ist es schon erstaunlich, was wir den Bürgerlichen eine Zeit lang diktieren konnten, gerade etwa bei der Grabenhalle oder dem AJZ.» Man sei gut organisiert gewesen und habe dank Leuten wie Paul Rechsteiner politisch Gehör gefunden. «Gemessen am Personal wäre die Bewegung vernachlässigbar gewesen. Demos wie in Zürich wären undenkbar gewesen. Aber wir haben uns gut inszeniert.»

Der Generationenwechsel in der Autonomen-Bewegung folgte nicht unmittelbar. Erst 1999 schritten die Töchter und Söhne des «nachhaltigen Revolutiönli» (Saiten, Februar 2000) zur Aktion. Unzufrieden mit dem kulturellen Angebot für sozial Schwache besetzten rund 30 Jugendliche das leerstehende Restaurant Bavaria an der Speicherstrasse. Die Polizei räumte die als «friedliches Zeichen für mehr Freiräume» angekündigte Besetzung mit Knüppeln und Tränengas. Für die Jugendlichen setzte es zweijährige Bewährungsstrafen wegen Hausfriedensbruch, Hinderung einer Amtshandlung, Gewalt und Drohung gegen Beamte, Sachbeschädigung, Landfriedensbruch ab. Es folgten eine Demo durch die Stadt und eine weitere Besetzung an der Tellstrasse. Wieder kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Die «St.Galler Nachrichten» schrieben vom «Comeback des Teenie-Wochenend-Terrors», was einigermassen am Ziel vorbeischoss. Ein übrig gebliebenes Dutzend baute im Riethüsli eine Kommune auf und kämpfte weiter für kulturellen Freiraum.

Irgendwann wurden sie fündig. Auf Vermittlung der Stiftung Suchthilfe wurde dem Kollektiv ein Raum in einer Abbruchliegenschaft an der St.Leonhardstrasse zur Miete angeboten – 100 Franken im Monat. Dort, wo heute der sogenannte «St.Leopard» steht, jenes Bürogebäude, in welches das Bundesverwaltungsgericht später nicht einziehen wollte. Am 4. Mai 2001 war Eröffnungsparty. Das Startkonzept: billige Preise, kein Eintritt, keine geschlossenen Anlässe, offene Mitwirkung, keine Drogen. Es gab eine Volksküche, Jam-Sessions, Goa-Parties, Punk-Feten.

Neuer Ort, neue Ideen

Ein Konzept, das nach dem Abbruch des Leonhardgebäudes und dem Umzug an die Haldenstrasse beibehalten wurde. Und nun wird nach rund 15 Jahren erneut gezügelt. Dass das «Rümp» weichen muss, hat sich schon vor Jahren abgezeichnet. Eine Variante sah einen alten Lagerschuppen am Bahnhof St.Fiden vor. Doch die SBB drehten der Liegenschaft das Wasser ab. Das «Rümp»-Kollektiv und die Stadt prüften verschiedene Optionen. Am Magniberg ist man nun fündig geworden. Allerdings auch nur auf Zeit – die Uni will hier bis 2025 ihren neuen Campus errichten. Der Mietvertrag läuft vorerst bis November 2020. Die Miete, welche die «Rümpler» erwirtschaften müssen, verdoppelt sich voraussichtlich auf 3000 Franken.

Das Politisieren und Rebellieren ist komplizierter geworden. Heute sind es vermehrt Stimmen vom rechten Rand, die gegen den Staat und das System wettern. Die letzten politischen Aktionen des Rümpeltums liegen ein paar Jahre zurück. 2005 wurde gegen den Wegweisungsartikel («Ausgrenzung») und die Eröffnung des «Roten Platzes» von Pipilotti Rist («Kulturgeldverschwendung») protestiert. Heute hängen maximal noch Transparente aus den Fenstern mit «Sprüchen» wie: «Stopped euen Bauwahn, süs öberfahred mer eu mit de Müleggbahn.» Der autonome Stachel ist zwar noch drin in der Stadt – und bleibt es auch noch ein bisschen, aber er tut nicht mehr weh. Vielleicht muss er das auch nicht. «Wir machen hier keine Politik, wir wollen den Freiraum gestalten», sagt das Kollektiv. Was am neuen Standort alles in die Tat umgesetzt wird, wird sich weisen. Ideen gibt es nicht zu knapp: Es soll nebst Konzerten und Parties mehr Lesungen geben, Kunstausstellungen, Theater. Und tagsüber soll ein Kaffee betrieben werden – vielleicht auch eine Sirupbar. Das Fumoir war die Idee des Kollektivs, nicht Auflage der Stadt. Das «Rümp» wird familienfreundlicher, zugänglicher, offener. Die Revolte bleibt der nächsten Generation vorbehalten.

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