Der Skorpion, der keiner ist

Er ist zwei bis drei Zentimeter gross, hat einen schwarzen Panzer, einen aufgerichteten Hinterleib und Klauen. Was eine Arbonerin neulich unter einem Stein in ihrem Garten vorfand, stellte sie vor ein Rätsel. «Was bist denn du für einer?», fragte sie sich.

Alexandra Pavlovic
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Der Kurzflügler verpackt seine Flügel geschickt. (Bilder: pd)

Der Kurzflügler verpackt seine Flügel geschickt. (Bilder: pd)

Er ist zwei bis drei Zentimeter gross, hat einen schwarzen Panzer, einen aufgerichteten Hinterleib und Klauen. Was eine Arbonerin neulich unter einem Stein in ihrem Garten vorfand, stellte sie vor ein Rätsel. «Was bist denn du für einer?», fragte sie sich. Das seltsame Aussehen liess zunächst keine genauen Rückschlüsse auf die Spezies des Tieres zu.

Für ihren Mann hingegen war klar: «Das ist ein Skorpion!» Es müsse sich um «etwas Asiatisches» handeln. Auf Nachfrage beim Tierarzt erklärte ihm dieser, dass Skorpione ab und zu in den hiesigen Breitengraden vorkommen. Genaueres wollte der Ehemann nicht wissen. Der Fund des kleinen schwarzen «Etwas» roch schon jetzt nach einer Sensation. Und das im eigenen Garten. Dennoch, die Arbonerin gab sich mit der Aussage ihres Mannes und des Tierarztes nicht zufrieden. Sie recherchierte, um herauszufinden, welche Art von Skorpion sie gefunden hatte. Ihre Suche blieb allerdings ohne Erfolg.

Der Pseudo-Skorpion

Seine Scheren könnten das Tier als Pseudo-Skorpion enttarnen. Diese zwei bis drei Zentimeter grosse Spezies ist laut dem St. Galler Insektenforscher André Mégroz hierzulande verbreitet. Dennoch, die Scheren deuteten lediglich darauf hin, dass das Tier Würmer und Aas frisst. Was aber hat es mit dem aufgerichteten Hinterleib auf sich? Auch Skorpione recken ihren Stachel in die Höhe. «Reines Imponiergehabe», sagt Jonas Barandun vom regionalen Kompetenzzentrum für Artenschutz des Naturmuseums St. Gallen. Wohl gebe das Tier durch eine Drüse einen unangenehmen Duftstoff ab. In erster Linie diene der Hinterleib aber dazu, Feinde abzuschrecken. Offensichtlich schreckt er nicht nur Feinde ab, sondern führt auch bei Menschen zu Verwirrungen.

Ein wesentlicher Unterschied

Beim gefundenen Tier könnte es sich um einen Skorpion handeln. Könnte – denn es gibt einen wesentlichen Unterschied. «Ein Skorpion hat acht Gliedmassen. Das Tier auf dem Foto allerdings nur sechs», sagt André Mégroz. Wohl weise das Aussehen des Tieres eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem Skorpion auf, dennoch handelt es sich laut dem Experten um einen Käfer. «Genauer gesagt um einen Kurzflügler (Staphylinidae).» Von dieser Familie gebe es in Mitteleuropa über 2000 verschiedene Arten. Wie die meisten Käfer können auch diese fliegen und die Flügel auf komplizierte Art und Weise unter den kleinen Deckflügeln geschützt verpacken. Genau das ist es, was zur Verwechslung mit einem Skorpion führen kann.

Doch kein Sensationsfund?

War es das also mit dem sensationellen Skorpion-Fund im eigenen Garten? «Wenn es ein Skorpion gewesen wäre, wäre es auch nicht so aufregend», sagt Jonas Barandun. «Skorpione werden immer wieder im Reisegepäck aus Italien, dem Tessin oder anderswo in die Ostschweiz eingeschleppt.» Diese könnten hierzulande eine längere Zeit überleben. Allerdings nur bei genügend Futter und Wärme. Skorpion hin oder her, das Tier, das in Arbon gefunden wurde, stiftet Verwirrung. Klar ist einzig: Es handelt sich um einen harmlosen Raubkäfer, der in unseren Breitengraden weit verbreitet und für Menschen ungiftig ist.

Der vermeintliche Skorpion aus Arbon.

Der vermeintliche Skorpion aus Arbon.