Der See gibt nicht alle zurück

EGNACH. Der Mann, der am Samstag vor dem Badeplatz Wiedehorn in Egnach ertrunken ist, wurde noch nicht geborgen. Seit 1947 wird Buch geführt über im Bodensee ertrunkene, nicht wieder gefundene Menschen: Es sind fast 100.

Christa Kamm-Sager
Drucken
Teilen
Die Einsatzkräfte bei der Suche am letzten Samstagnachmittag auf dem Bodensee. (Bild: Leserbild/Schuster)

Die Einsatzkräfte bei der Suche am letzten Samstagnachmittag auf dem Bodensee. (Bild: Leserbild/Schuster)

Es ist eine Tragödie für die Familie und Freunde des 50-jährigen Mannes, der am Samstagnachmittag vom Segelboot aus schwimmen ging und nie mehr zurückkehrte. Rund einen Kilometer vor dem Badeplatz Wiedehorn in Egnach fand sofort, nachdem der Notruf bei der Polizei eingegangen ist, eine grossangelegte Suchaktion statt. Der Seerettungsdienst St.Gallen, das Grenzwachtkorps, die Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG) und die deutsche und österreichische Wasserschutzpolizei waren vor Ort. Doch der Mann konnte bis anhin nicht geborgen werden. Der See ist an der Stelle bis zu 60 Meter tief. Für Taucheinsätze zu tief.

Seit 1947 knapp 100 Vermisste
Dass ein Mensch im Bodensee den Tod und sein Grab findet, wäre nicht das erste Mal. "Seit 1947, als die Anrainerländer begonnen haben, die Zahlen statistisch zu erfassen, werden im Bodensee rund 100 Menschen vermisst", sagt Matthias Graf, Mediensprecher der Kantonspolizei Thurgau. So viele Ertrunkene sind in den letzten 68 Jahren in der Schweiz, Österreich und Deutschland nie mehr gefunden worden. Ihre Überreste hat der See für immer mit sich genommen.

Suche mit Schallwellen
Am Dienstag geht die Suche nach dem Körper des vermutlich ertrunkenen Familienvaters mit chinesischer Staatsangehörigkeit mit Hilfe eines Sonargeräts weiter. "Dieses Gerät ortet feste Gegenstände im Wasser mit Hilfe von Schallwellen", informiert Graf weiter. Gesteuert wird die Sonde von Spezialisten vom Boot aus. Das Sonargerät wird von der Kantonspolizei Zürich gestellt.

Es wäre für alle eine Erleichterung, wenn der Leichnam gefunden werden könnte – vor allem für die Angehörigen, aber nicht zuletzt auch für die Badegäste in Wiedehorn; ist es doch ein etwas beunruhigendes Gefühl, in der Nähe eines Ortes zu baden, an dem ein Mensch ertrunken ist. Matthias Graf beschwichtigt: "Der Mann ist rund einen Kilometer vor dem Ufer im Wasser verschwunden und mit grosser Wahrscheinlichkeit dort auf Grund gesunken." Da es auf dieser Tiefe praktisch keine Strömung habe, sei es nahezu unwahrscheinlich, dass der Körper an eine andere Stelle abgetrieben werde. Auf dem Seegrund liegt die Wassertemperatur jahrein, jahraus bei vier Grad Celsius. "Diese kühle Temperatur macht, dass sich nur verzögert Gase in einer Leiche entwickeln, die dem Körper Auftrieb verleihen."

Zurück an die Wasseroberfläche
Auch der Rechtsmediziner Roland Hausmann, vom Institut für Rechtsmedizin am Kantonsspital St.Gallen, bestätigt, dass eine kühle Temperatur die natürlichen Fäulnis-Vorgänge nach dem Tod im Körper verlangsamen. "Bei vier Grad Kälte gibt es in einer Leiche praktisch keine Gasbildung", sagt er. Es könne deshalb sehr lange gehen, bis ein menschlicher Körper aus dieser Tiefe wieder an die Wasseroberfläche getrieben werde. "Wie lange, das hängt von ganz verschiedenen Faktoren ab und ist im Einzelfall nicht vorhersehbar", so der Chefarzt. Wichtige Faktoren, ob eine Leiche an die Wasseroberfläche zurückkehre oder nicht, sei beispielsweise neben der Gasbildung auch, ob sie mit Kleidern irgendwo hängen bleibe. Klar sei einzig, dass ein toter Körper absinkt und ein verwesender Körper wieder Auftrieb erhalte. Ängste, als Badegast auf eine Wasserleiche zu stossen, sind in den Augen des Rechtsmediziners unbegründet: "Das wäre reinster Zufall."

Solche Zufälle passieren allerdings immer wieder: Im Zürichsee ist am Freitag ein 21-jähriger indischer Tourist beim Baden aus dem Pedalo im See verschwunden. Die Seepolizei versuchte vergebens nach dem jungen Mann. Am Montagnachmittag meldete eine Pedalofahrerin, dass sie eine leblose Person im Wasser entdeckt habe. Wie die Polizei mitteilte, handelte es sich um den vermissten Mann aus Indien.

Herzschwäche oder Hirndurchblutungsstörung
Gründe, weshalb ein Mensch plötzlich untergeht und lautlos ertrinkt, gebe es einige. Hausmann nennt neben den fehlenden Schwimmkenntnissen vor allem Krankheiten wie Herzschwäche oder vorübergehende Durchblutungsstörungen des Gehirns. Der plötzliche Sprung in kalte Wasser könne einen reflektorischen Kreislauf-Stillstand auslösen. Gefährlich sei zudem der Konsum von grösseren Alkoholmengen vor dem Baden: "Wenn jemand alkoholisiert badet, sind die Blutgefässe an der Körperoberfläche erweitert. Dadurch geht Wärme schneller verloren, was dazu führt, dass die Person schneller auskühlt."

Aktuelle Nachrichten