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Der HSG-Professor mit Raiffeisen-Problemen schweigt beharrlich

Seit seinem Abgang als VR-Präsident von Raiffeisen im März 2018 hat HSG-Professor Johannes Rüegg-Stürm nichts zu den Vorkommnissen gesagt – auch nicht, was die Uni betrifft. Über die Gründe seines Schweigens kann man nur spekulieren.
Marcel Elsener
«Viele sind enttäuscht und aufgebracht»: Johannes Rüegg-Stürm am Tag nach seinem Rücktritt als Raiffeisen-Präsident. (Bild: Walter Bieri/KEY (Zürich, 9. März 2018))

«Viele sind enttäuscht und aufgebracht»: Johannes Rüegg-Stürm am Tag nach seinem Rücktritt als Raiffeisen-Präsident. (Bild: Walter Bieri/KEY (Zürich, 9. März 2018))

Wie geht es Ihnen, wie läuft’s mit den Studenten, was sagen die Kollegen, jetzt, da Sie wieder auf dem Rosenberg wirken? Solche Fragen, harmlose und schärfere, würden wir Johannes Rüegg-Stürm gern stellen. Der gebürtige Glarner, wohnhaft in Schmerikon, verheiratet mit einer Baslerin, drei erwachsene Kinder, passionierter Berggänger, gilt als guter Kommunikator und liebenswürdiger, ja offenherziger Mensch. Wir würden uns ein Herz fassen und nach seinem Verdienst bei Raiffeisen fragen, nach den 548'000 Franken im 2017 und den 260'000 im 2018 (obwohl er nach zwei Monaten zurücktrat), etwa so: Haben Sie je daran gedacht, einen Teil davon für ­einen guten Zweck zu spenden?

Vielleicht ist Rüegg-Stürm ein nobler Spender. Wir wissen es nicht. So wie wir überhaupt wenig wissen, nach seinem abrupten Abgang vor 15 Monaten. Seither hat er sich nie erklärt. Alle unsere ­Anfragen, damals im Frühjahr 2018 und jetzt seit diesem Februar, da er wieder an der HSG unterrichtet, blieben unbeantwortet. Nichts sagt er, noch nicht einmal, warum er nichts sagt.

Darf er, kann er, will er nicht? Der Professor für Organization Studies an der Universität St. Gallen und Direktor des Instituts für Systemisches Management und Public Governance schweigt beharrlich. Seine Assistentin begründet die Nichtreaktion zunächst mit dem Kalender: «total besetzt, voll ausgebucht» sei der Professor. Sie bemühe sich um eine Antwort. Wieder Funkstille, schliesslich auf Nachfrage: «Ich kann keine Auskünfte geben, warum er keine Auskünfte gibt.»

Ein Maulkorb von den Raiffeisen-Hausjuristen

Kein Erklärungsbedarf? Doch, hätte er, aber er soll nicht – so vermuten die meisten, wie nah sie dem Professor auch stehen. Und sie verweisen auf das hängige Rechtsverfahren und die wahrscheinlich drohend warnenden Empfehlungen der Hausjuristen; Rüegg-Stürm sei «zum Schweigen verdammt». Nun läuft gegen den langjährigen Verwaltungsrat (ab 2008) und VR-Präsidenten (2011–2018) von Raiffeisen Schweiz kein Strafverfahren, wie es bei der zuständigen Zürcher Staatsanwaltschaft heisst. Trotzdem könnte es je nachdem, ob es zur Anklage im Strafverfahren gegen Bankdirektor Pierin Vincenz kommt, und je nach Ergebnis eines allfälligen Strafprozesses für den Verwaltungsrat doch noch strafrechtliche Konsequenzen geben.

Verständlich, dass einer schweigt, wenn alles, was er sagt, gegen ihn verwendet werden kann. Seine letzte Äusserung in der Öffentlichkeit ist über ein Jahr her: An der Pressekonferenz am 8. März im Zürcher Nobelhotel Park Hyatt gab er aus Anlass seines blitzartigen Rücktritts ein Kürzest-Statement ab. Der Abgang sei sein Entscheid, er übernehme Mitverantwortung und mache den Weg für einen Neuanfang frei. Für Nachfragen blieb keine Zeit, zumal er rasch den Saal verliess.

Tags darauf folgte eine Erklärung des Bedauerns: Aufgrund der Vorkommnisse bei Raiffeisen seien «viele Genossenschafter, Kunden und Mitarbeiter, viele Menschen in diesem Land, irritiert, enttäuscht, frustriert und aufgebracht». Nun könne «die Krise von Personen aufgearbeitet werden, die frei und unbelastet sind». Rüegg-Stürm ging in Deckung – und ins Sabbatical. Die geballte Kritik und Häme, die auf ihn einprasselte, konnte er nicht ignorieren, auch im Ferienhaus in Ftan nicht. Der oberste Aufseher war mitverantwortlich für den «Selbstbedienungsladen» oder «Saustall», wie wütende Kommentatoren die Raiffeisen-Zentrale oder die Universität schimpften. Günstigerenfalls war er ein «Abnicker», der «nichts tat», eine «schwache Figur», die von den gewieften Bankern «über den Tisch gezogen wurde».

Die Lehrsätze zur Verantwortung scheinen nur schöne Theorie

Hatte er selber je dieses Gefühl? Aussagen, die er im Interview mit der «NZZ am Sonntag» vier Tage vor seinem Abgang machte, deuten darauf hin. Durch die Strafuntersuchung seien «Verdachtsmomente sichtbar geworden, die uns völlig überrascht, schockiert und zutiefst enttäuscht haben», sagte er und betonte, es gehe um «Sachverhalte», «die für uns nicht erkennbar waren». Das Wort Lügen nahm der Professor nicht in den Mund, doch habe Vincenz «Sachverhalte nicht offengelegt» oder «kaschiert».

War Rüegg-Stürm als gut meinender Theoretiker in seinem Mandat zu sehr im Bann der erlebbaren Praxis einer «eindrücklichen Erfolgsgeschichte», als die er das Geschäftsmodell Raiffeisen noch im Abgang pries? War er – wohl erwünscht – «zu wenig alter Fuchs» und «zu lieb», um auf den Tisch zu klopfen, wenn es nötig war? HSG-Kollegen wollen nicht namentlich mutmassen. Und trotzdem wundern sie sich über die Passivität eines «geschätzten Kollegen», der im Zuge der Raiffeisen-Affäre als «typischer Vertreter des HSG-Filzes und des St.Galler Sumpfs» beschimpft wurde. Gern würde man ihn nach der Praxistauglichkeit seiner Publikationen fragen, etwa dem Management-Buch mit Rektor Thomas Bieger von 2012, in dem er an künftige Manager appelliert, «konkret Verantwortung zu übernehmen» und den Sinn ihres Wirkens auch sozial zu hinterfragen.

Alles nur schöne Theorie – oder ein Missverständnis? Und lassen sich offenkundige Fehler mit der explizit erwünschten praxisnahen Lehre an der HSG entschuldigen? Laut Rektor könne es für die Studierenden «sogar sehr lehrreich sein, wenn Rüegg-Stürm seine Erfahrungen nach seiner Rückkehr im Unterricht einbringt». So heftig die Kritik in der Öffentlichkeit, der Professor habe als Aufsichtsrat mit «müdem Auge» («Weltwoche») auf seinem Fachgebiet der guten Organisation versagt, so klar die Position der Universitätsleitung, die an ihrem Institutsdirektor und Managementspezialisten festhält. Er sei allen Verpflichtungen nachgekommen, auch was die Bewilligung seines Mandats und die Absenzen angehe.

Ob es im Nachhinein trotzdem Erklärungsbedarf gab, gegenüber dem Rektorat, den Kollegen, den Masterstudenten? Die Frage bleibt ebenso unbeantwortet wie jene nach der Meinung des Betriebswirtschaftsgurus zu den neuen Regeln, die sich die HSG bis zu diesem Sommer gibt. Und die auch die Nebentätigkeiten der Professoren und die Aufsicht der Institute betreffen. Dringend und richtig, oder brauchte es mehr, anderes? Muss das weltweit einmalige, aber in Verruf geratene Modell der HSG mit öffentlicher Lehre und privat finanzierter Forschung grundlegend reformiert werden? Und sein eigenes Institut: Wer finanziert es zu welchen Teilen – und Konditionen? Wo wird der hohe Selbstfinanzierungsgrad zum Problem?

Engagiert und begeisterungsfähig, aber unnahbar und ungelenk

Gern würde man jenen Professor fragen, der wie kein anderer für das «St. Galler Management-Modell» steht, das er selber neu verfasst hat und «predigt» (bekannt als «Grüne Bibel», nunmehr in Blau gehalten). Der 58-Jährige spricht eigentlich gern und gut. Im Raiffeisen-Firmenmagazin, wo sich der Präsident 2013 auf einer Wanderung im Unter­engadin porträtieren liess, staunt der Verfasser, «wie leidenschaftlich und offen» Rüegg-Stürm kommuniziere: «Er kann sich herrlich ins Feuer reden.» Und das HSG-Studentenmagazin «Prisma» gerät 2015 ins Schwärmen über einen «vielseitigen, begeisterungsfähigen und mit Arbeit, Hobbys und Reisen immer voll ausgelasteten Professor». Der gutes Essen und Wein schätze, «Aussichtssportarten» wie Biken, Wandern, Skitouren liebe und der Kultur auf der Querflöte und im Arthouse-Kino(k) fröne. «Mir ist nie eine Sekunde langweilig.»

Im Porträt der Studenten betont er die «viel zu grosse Lücke» zwischen Wissenschaft und Praxis in der Wirtschaft. «Mandatsfunktionen bedeuten, konkrete Verantwortung in einer Firma zu übernehmen und Respekt für die voraussetzungsreichen Prozesse zu entwickeln, die in ihr ablaufen.» Nur einer von vielen Sätzen, die aus heutiger Sicht aufhorchen lassen. Negatives über den Professor hört man kaum. Am ehesten, dass er unnahbar wirke und wenig emphatisch, dass er eine schrullige Figur abgebe, weil seine Mimik und Gestik, wenn er sie denn zeige, ungelenk und unnatürlich wirkten. Kritisch erwähnt wird überdies sein mangelndes Gespür fürs Gegenüber, verstärkt durch eine oft phrasenhafte und fachenglisch gespickte Redeweise – siehe Change Management, wie sein aktueller Kurs heisst. Böswillig aber sei er ganz sicher nicht. Wir wollen es gern glauben und noch lieber wissen, wie er seine Raiffeisen-Probleme am Familientisch erklärte.

Als heiliger Sebastian, der für die HSG die Speere der Kritiker empfängt, taugt der unscheinbare Schlaks mit dem schütteren Haar kaum. Und doch schliessen wir nicht aus, dass er, ganz der zähe Bergler, am Ende alle überrascht. Seit dem Sommer seines Sabbaticals schreibt er an einem Buch. Nicht am Raiffeisen-Thriller, auf den alle warten. Sondern an einem Buch zum Management von Gesundheitsorganisationen.

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