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Der Schwarm soll's bezahlen: Crowdfunding floriert in der Ostschweiz

Kleinbrauereien, Sportlerkarrieren oder ein ganzer Zirkus: Immer mehr Ostschweizer Projekte suchen Geld mittels Crowdfunding.
Noemi Heule

Lorena Koller und Timon Suhner beherrschen ihre Kür. Sechsmal die Woche trainiert das Eistanzpaar aus dem Rheintal, kein Problem. Die beiden, 11 und 13 Jahre alt, haben es bereits zweimal zum Schweizer Meister in der Kategorie Jugend geschafft. Nur Kürkleider könnte das Duo neue gebrauchen, auch die Flüge an internationale Wettkämpfe sind teuer. Um ihre Eltern zu entlasten, bitten die beiden um 8000 Franken. Im Video auf der Plattform ibe­lieveinyou.ch formen sie mit den Fingern Herzen in die Kamera und bedanken sich im Voraus «viel, viel Mal» für die Unterstützung.

Mit Erfolg: 34 glauben an die Jungtalente, 11 Tage vor Ende des Aufrufs steht der Spendenstand bei 5300 Franken. Die Chance ist gross, dass sie ihr finanzielles Ziel erreichen, denn für sportliche Ambitionen zeigen sich die Geldgeber auf Crowdfunding-Plattformen besonders spendabel. 568 Projekte wurden im vergangenen Jahr schweizweit unterstützt, insgesamt 5,4 Millionen Franken flossen in Ausrüstung, Trainings und Reisen an Wettkämpfe.

Die Schweizer sind Spitzenreiter

61 Franken. So viel erhielte jeder, würde das Geld, das innert eines Jahres über Crowdfunding-Plattformen zusammenkam, zu gleichen Teilen an die Landesbevölkerung verteilt. Weltweit gehört die Schweiz damit zu den Spitzenreitern in Sachen Schwarmfinanzierung. Insgesamt wurden 2018 hierzulande über 500 Millionen Franken über kickstarter und Co. gesammelt. Die Finanzierungsform legte einen Blitzstart hin. Seit 2010 sind die Geldbeträge regelrecht explodiert; damals waren es noch bescheidene 1,7 Millionen Franken. Insbesondere gemeinnützige Projekte stossen auf Gegenliebe. Eine Erfolgsgeschichte schrieb jüngst das St. Galler Geburtshaus. Über 100 000 Franken konnten drei Hebammen aus dem Appenzellerland aufbringen, im März feierten sie Eröffnung, vor kurzem kam das 100. Baby zur Welt.

Die Öffentlichkeit will mitverdienen

Am Geldsegen will auch die öffentliche Hand teilhaben. Zurzeit hofft die Gemeinde Häggenschwil auf die Gunst der Bevölkerung über die Ortsgrenzen hinaus. «Rettet die Ruine Ramschwag» lautet der Internetaufruf. Die alte Ritterburg, Stolz des Bauerndorfs, bröckelt. Eine Sanierung ist dringend nötig.

15000 Franken will der Gemeinderat dafür auf Lokalhelden.ch sammeln. Die Plattform wurde von Raiffeisen für nicht-kommerzielle Projekte initiiert, sie ist anders als viele Mitbewerber gebührenfrei. Wer heute eine Sammelaktion starten will, hat denn auch die Qual der Wahl. Allein in der Schweiz gibt es mittlerweile über 40 Plattformen. Solche, die sich nur an Sportler richten, wie ibelieveinyou.ch oder solche für wohltätige Projekte, etwa icareforyou.ch. Den Traum einer eigenen Kleinbrauerei konnten sich zwei St. Galler kürzlich auf crowdify.net erfüllen, einer Plattform für Start-ups und Kulturprojekte. Über 16000 Franken scheffelten die beiden Hobby-Bierbrauer, im Dezember soll der erste Sud kochen.

Vom Dokumentarfilmer bis zum Zirkusdirektor

Auf kickstarter.com, der international grössten Plattform, wurde soeben die 60000-Franken-Marke geknackt, um einen Dokumentarfilm über Carl Lutz zu drehen. Der Schweizer Diplomat, in Walzenhausen geboren, rettete während des Zweiten Weltkrieges Zehntausenden ungarischen Juden das Leben. Auf wemakeit.com, der bekanntesten Schweizer Plattform, kämpft derweil der Circus Royal gegen den Bankrott an. Nach Streitigkeiten, Straf- und Konkursverfahren soll die Gemeinschaft den Thurgauer Zirkus mit 75000 Franken retten. Vorbild ist der Circus Knie, der sich zum 100. Geburtstag von der Crowd ein neues Zirkuszelt schenken liess. Der Hilferuf «Rettet den Circus Royal» wird dagegen wohl ungehört verhallen; 18 Tage vor Ende der Aktion dümpelt der Spendenstand bei 2300 Franken vor sich hin.

Ein symbolischer Gegenwert gehört dazu

«Crowdfunding-Projekte sind keine Selbstläufer», sagt Corinne Dickenmann vom Institut für Innovation, Design und Engineering an der Fachhochschule St. Gallen. Seit sieben Jahren betreut sie Crowdfunding-Projekte in der Ostschweiz oder steht beratend zur Seite. Eine engagierte Persönlichkeit, die für eine Sache einstehe, trage entscheidend zum Erfolg bei, sagt sie. Die Initiatoren müssen zudem ihr eigenes Netzwerk aktivieren. Auch im World Wide Web spenden die Geldgeber nämlich am liebsten für lokale Projekte. Vertrauen und eine persönliche Bindung spielten eine wichtige Rolle, sagt sie.

«Der Spender soll selbst Teil des Projekts werden.»

Dies schaffen die Initiatoren über Videobotschaften oder indem sie den Spender über Blogeinträge über Neuigkeiten informieren. Zum Schluss winkt oft ein kleiner, symbolischer Gegenwert für die Geldgaben. Das Rheintaler Eistanzpaar verschickt Dankeskarten oder selbstgemachte Konfitüre, die Retter der Ruine Ramschwag erhalten Sackmesser oder Feldstecher und die St. Galler Kleinbrauer ködern mit ihrem Craft-Beer.

Risikokredite locken mit hohen Renditen

Immer mehr Geldgeber sind allerdings auf finanzielle Gewinne aus. Crowdlending boomt genauso wie Crowdfunding und zahlt sich besonders für professionelle Investoren aus. 262 Millionen Franken wurden 2018 in Form von Darlehen finanziert. Plattformen wie ­cashare.ch locken Kreditgeber mit lukrativen Zinsen an. Hohe Gewinne versprechen auch Immobilienprojekte. 23 Investoren wurden kürzlich Miteigentümer eines Mehrfamilienhauses in Sennwald. Sie hatten sich über crowd­house.ch gefunden; die Plattform stellt eine Eigenkapitalrendite von sechs Prozent in Aussicht. Splendit.ch bringt derweil Investoren mit Studenten zusammen. Über die Plattform will sich jemand ein Politologie-Studium finanzieren lassen, ein anderer ein Master of Business Administration (MBA) in St. Gallen. Sie offerieren Risikorenditen von bis zu 6,5 Prozent.

Die Gemeinschaft bezahlt den Kinderwunsch

Projekte zugunsten der Allgemeinheit sind besonders von Erfolg gekrönt. Aber auch Einzelschicksale werden publik gemacht, etwa auf gofundme.com. Eine Krebsbehandlung für das Kind, eine Operation für das Pony, eine Weltreise oder ein Baby; die Wunschliste ist lang und nicht immer uneigennützig. Dass die digitale Präsenz auch negative Reaktionen nach sich ziehen kann, musste vor zwei Jahren ein Ehepaar aus Wolfhalden erfahren. Es sammelte Geld, um sich den Kinderwunsch zu erfüllen. Wie schon bei der erstgeborenen Tochter war das nur mittels Fortpflanzungsmedizin möglich. Stattdessen regnete es Beschimpfungen, ein Sturm der Entrüstung fegte über die Wunscheltern hinweg. Trotz allem hatte die Aktion ein Happy End: Im Frühling darauf stiess Töchterchen Nummer zwei zur Familie.

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