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Der Schulanfang im Frauenhaus St.Gallen: Lernen unter Polizeischutz

Für die Kinder im Frauenhaus ist der Schulbesuch oft schwierig. Die Gründe: Sicherheitsbedenken oder auffälliges Verhalten infolge der miterlebten Gewalt.
Meret Bannwart
Die Kinder kommen aus einem gewalttätigen Umfeld ins Frauenhaus. (Symbolbild: Michel Canonica)

Die Kinder kommen aus einem gewalttätigen Umfeld ins Frauenhaus. (Symbolbild: Michel Canonica)

Während viele Kinder im Kanton St. Gallen gestern in ihre alten Klassen zurückkehrten, müssen sich die Kinder des Frauenhauses St. Gallen oft mehrmals hintereinander neue Gspänli suchen. Sie müssen aufgrund einer Notsituation zu Hause die alte Schule verlassen und werden oft Hals über Kopf aus ihrer alten Umgebung gerissen.

Geschäftsleiterin Silvia Vetsch sagt:

«Es kommt vor, dass die Kinder innerhalb eines Schuljahres drei verschiedene Schulen besuchen.»

32 Kinder und Jugendliche zwischen sieben und 17 Jahren mussten 2018 einige Zeit im Frauenhaus St. Gallen verbringen. Wenn möglich werden sie in der Nähe des Frauenhauses eingeschult. Sobald die Mutter eine neue Wohnung findet, kommt nochmals ein Schulwechsel auf sie zu. «Falls die Gefährdung für die Kinder zu gross ist, schult man sie aber gar nicht ein», so Vetsch.

Das sei manchmal auch nicht möglich, weil die Kinder verhaltensauffällig seien. Dies könne eine Folge der Gewalt sein, welche die Kinder miterlebten. Dann schicke die Lehrperson der alten Schule manchmal Hausaufgaben an das Frauenhaus, damit die Kinder am Schulstoff dranbleiben könnten. Teils könne die Mutter die Kinder bei ihren Aufgaben unterstützen, teils würde eine Betreuerin helfen.

Mit der Polizei auf den Schulweg

An einen besonders krassen Fall mag sich Silvia Vetsch erinnern. Die Kinder waren bereits an der neuen Schule in der Nähe des Frauenhauses eingeschult worden. «Dann hat der Vater der Kinder herausgefunden, wo diese Schule ist», sagt Vetsch. Man wollte die Kinder aber nicht schon wieder aus ihrem Umfeld reissen.

«Deshalb mussten die drei Geschwister unter Polizeischutz und mit einer Begleitperson des Frauenhauses zur Schule gehen.»

Dies sei sehr aufwendig gewesen, denn die drei Kinder hätten alle einen anderen Stundenplan gehabt.

Kinder freuen sich auf den Hort

Anders sieht es bei den Kleineren aus. 49 Kinder zwischen null und sechs Jahren waren letztes Jahr im Frauenhaus. Für sie einen Kindergartenplatz zu finden, sei schwieriger, als sie einzuschulen. Deshalb gibt es im Haus einen Kinderhort.

Augenschein an einem Nachmittag. Es geht laut zu und her. Ein Mädchen im Säuglingsalter weint in den Armen einer Kinderbetreuerin. «Sie vermisst ihre Mama», sagt die Betreuerin. Die hat einen Arzttermin. Als die Besucherinnen eintreten, wird das Mädchen plötzlich ruhig. Neugierig greift sie nach der Brille, die Silvia Vetsch um den Hals hängt. Das andere Baby wirkt zufrieden und wird von seiner Betreuerin in der Hängematte hin und her geschaukelt.

Der Hort sei ein ganz wichtiger Ort für die Kinder. «Obwohl er erst um neun Uhr morgens öffnet, stehen die Kinder oft bereits um halb neun vor der Türe und warten», sagt die Geschäftsleiterin. Es tue den Kindern gut, wieder unbesorgt sein zu können und einfach nur zu spielen. Jeden Morgen im Hort können die Kinder erzählen, wie es ihnen geht. «Sie geniessen den Austausch untereinander. Sie merken, dass andere Ähnliches erlebt haben», sagt Vetsch.

Kinderbetreuerinnen entlasten Mütter

Der Hort soll auch die Mütter entlasten. Häufig seien sie psychisch und physisch belastet. Zusätzlich hätten die Mütter unzählige Termine, beispielsweise beim Gericht, beim Arzt oder bei einem Psychologen. Gleichzeitig fehlten ihnen manchmal aufgrund ihrer eigenen Erlebnisse die Ressourcen, um adäquat auf die Bedürfnisse und Anliegen ihrer Kinder eingehen zu können.

Nicht nur die Mütter werden durch das Erlebte beeinträchtigt. Gemäss dem Eidgenössischen Büro für Gleichstellung leiden von Gewalt mitbetroffene Kinder häufig an Schlaf- und Essstörungen oder sie klagen vermehrt über Beschwerden wie Kopf- und Bauchschmerzen. Dies könne eine Folge des chronischen Stresses und der Überforderung mit der Situation zu Hause sein.

Die Kinder kommen aus einem gewalttätigen Umfeld ins Frauenhaus. Laut der Geschäftsleiterin des Frauenhauses bekommen über 90 Prozent der Kinder die Gewalt zu Hause mit. Vetsch sagt:

«Die Kinder sind klein, aber nicht dumm. Sie wissen, was zu Hause los ist.»

Dies sei auch am Verhalten der Kinder erkennbar. «Am Anfang erschrecken die Kinder oft vor lauten Stimmen, zuknallenden Türen und anderem Lärm», so Vetsch. Nach zwei bis drei Wochen beruhigten sich die Kinder etwas. Sie lernen etwa, dass eine Türe auch durch einen Windstoss zuknallen könne. Viele gewöhnten sich sehr schnell im Frauenhaus ein und fühlten sich wohl. «Oft wollen die Drei- bis Zehnjährigen gleich hierbleiben und sind traurig, wenn sie gehen müssen», so die Geschäftsleiterin.

Bauchschmerzen vor Rückkehr in den Heimatort

Einmal habe eine Mutter wieder zurück an den alten Heimatort gehen wollen, obwohl die Situation mit dem Ehemann noch nicht genügend geklärt gewesen sei. Die Tochter habe dann vor lauter Bauchschmerzen dem Schulunterricht nicht mehr regelmässig folgen können. Als man die Mutter davon überzeugen konnte, dass eine Rückkehr noch verfrüht sei, hätten die Bauchschmerzen des Mädchens aufgehört. Diese kehrten aber zurück, als der Abschied vom Frauenhaus endgültig bevorstand

Jedes dritte Kind erlebt Gewalt zu Hause mit

Im Jahr 2018 suchten 79 Frauen und 81 Kinder im Frauenhaus des Kantons St. Gallen Schutz. Durchschnittlich blieben die Kinder 33 Tage im Frauenhaus. Die grösste Altersgruppe unter den Kindern sind die Null- bis Sechsjährigen. 49 Kinder betreute das Frauenhaus 2018 aus dieser Alterskategorie. 24 Kinder waren sieben- bis zwölfjährig, acht zwischen 13 und 17 Jahre alt.

Gemäss dem Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Mann und Frau sterben in der Schweiz pro Jahr 25 Personen infolge von häuslicher Gewalt, vier davon sind Kinder. Aufgrund der bisherigen Forschungserkenntnisse könne davon ausgegangen werden, dass zwischen 10 und 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen im Verlauf ihrer Kindheit Gewalt in der elterlichen Paarbeziehung miterlebten. Das bedeutet, dass Kinder und Jugendliche während der Gewalttätigkeit zwischen den erwachsenen Bezugspersonen im Raum sind, gewalttätige Auseinandersetzungen im Nebenraum mit anhören, die Auswirkungen der Gewalt in Form von Verletzungen oder Verzweiflung des gewaltbetroffenen Erwachsenen mitbekommen.

Es wird davon ausgegangen, dass 30 bis 60 Prozent dieser Kinder nicht nur von Gewalt mitbetroffen sind, sondern selbst unter Gewalt leiden. (meb)

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