Interview

Der scheidende Geschäftsführer der Regio Appenzell AR-St.Gallen-Bodensee: «Wir sind auf Augenhöhe mit Zürich»

Zehn Jahre lang hat Rolf Geiger die Geschäftsstelle der Regio geleitet. Im Tagblatt-Interview spricht er über zwei erfolgreiche Aggloprogramme, die seine Handschrift tragen sowie über Experimentierfreude, den S-Bahn-Knorz und die Chancen des Metropolitanraums Bodensee.

Regula Weik und Christoph Zweili
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«Dass der Thurgau beim Metropolitanraum Bodensee nicht dabei ist, ist legitim.»

«Dass der Thurgau beim Metropolitanraum Bodensee nicht dabei ist, ist legitim.»

Bild: Benjamin Manser

Sie rühmen sich, das schweizweit erfolgreichste Agglomerations- programm auf die Beine gestellt zu haben. Was machen Sie besser als die andern?

Rolf Geiger: Das ist kein Eigenlob, das ist vom Bund bestätigt. Unser Programm ist kein Sammelsurium von Wünschen aus den heute 27 angeschlossenen St.Galler, Thurgauer und Ausserrhoder Agglomerationsgemeinden. Wir gehen systematisch und stringent vor. Und wir setzen Schwerpunkte, aktuell das Thema Landschaft.

Förderung von Landschaft? Wie geht das?

Wir haben zum Beispiel das vom Bund geförderte Projekt «Landschaft für eine Stunde» lanciert. Hier wird der Siedlungsrand genauer betrachtet. Dabei geht es etwa um die Zugänglichkeit zu Naherholungsgebieten.

Haben Sie ein Beispiel?

Das Botsberger Riet in Flawil. Dort wurden Pappeln gepflanzt, Wege und kleine Plätze geschaffen, Magerwiesen erweitert.

Braucht es dafür ein Aggloprogramm? Ist das nicht Aufgabe der Gemeinden?

Natürlich engagieren sich viele Gemeinden bei dem Thema. Unser Verdienst ist, dass wir es unabhängig von der Sensibilität der Behörden dafür in allen Gemeinden auf den Tisch gebracht haben. Das Aggloprogramm schafft zudem eine Verbindlichkeit, das Thema gemeinsam anzugehen.

Sie sprechen vom Siedlungsrand. Wie wichtig ist die Pflege und Belebung innerstädtischer Areale?

Wir haben in Amriswil, Gossau, Herisau, Romanshorn, Rorschach und St.Gallen die innerstädtischen Grün- und Freiräume angeschaut. Diese Naherholungsräume gilt es zu entwickeln, so dass Städter vor der Haustüre fündig werden.

Das Lattich-Areal in der Stadt St.Gallen, dass Sie mitinitiiert haben, fällt nicht darunter?

Es läuft auf der Schiene Standortentwicklung. In dem Bereich haben wir drei Schwerpunkte gesetzt: In St.Gallen ist es die Zwischennutzung beim Güterbahnhof. Im Appenzellerland ist es das Veranstaltungsforum Alsam, mit dem wir neues Publikum anlocken. Das dritte betrifft das Südufer am See: Hier wollen wir einen Zacken zulegen.

Woran machen Sie den Handlungsbedarf am See fest?

Der Bodensee ist neben dem Alpstein der Imageträger für die Freizeit- und Tourismusregion Ostschweiz. Wir wollen diesen Diamanten schleifen – mit kleinen, feinen, möglicherweise auch grösseren Interventionen. Der Prozess wurde letztes Jahr gestartet. Wir eruierten mit den Leistungsträgern aus der Tourismusbranche verschiedene Handlungsfelder. Spruchreif ist noch nichts.

Gibt es andere Brachen, auf die sich die Lattich-Erkenntnisse übertragen lassen?

Da gibt es einige – St.Fiden, das Feldmühleareal in Rorschach oder Teile des Hafenareals in Romanshorn, wo bis zur definitiven Nutzung in fünf Jahren Verschiedenes denkbar ist. Ein Areal zu beleben, ist aufwendig. Das Lattichareal ist deshalb auch ein Experimentierfeld. Wir lernen, welche Nutzungen sich längerfristig bewähren. Ob sich die baulichen Komponenten an einen andern Standort zügeln lassen, wäre dann das nächste Experiment.

Für Sie ist die S-Bahn St.Gallen ein Flickwerk. Warum?

Weil es im Kerngebiet der Agglomeration bis auf wenige Linien keinen ­systematischen 15-Minuten-Takt gibt. Es sind zwar viele Linien durchgehend, aber nicht ohne längeren Aufenthalt am Hauptbahnhof St.Gallen.

Damit kann die S-Bahn ihre Rolle als Impulsgeberin für kantonal bedeutende Arealentwicklungen wie St.Gallen-West, Lerchenfeld-Bruggen-Haggen oder auch St.Fiden zu wenig wahrnehmen.

Die S-Bahn ist matchentscheidend für Arealentwicklungen?

Man sieht es landauf und landab: Wo die S-Bahn-Erschliessung stimmt, geht die Post ab. Bei uns zögert man, die S-Bahn als Impulsgeber für eine Areal- und Siedlungsentwicklung zu sehen. Man betrachtet sie als reines Beförderungsmittel.

Welche Regionen machen es denn besser?

Bern-Wankdorf oder Lausanne-Malley sind Beispiele, die funktionieren.

Weshalb werden diese Erkenntnisse von der hiesigen Politik nicht umgesetzt?

Das ist schwierig zu beantworten. Ich weiss nicht, woran es liegt, dass der Kanton St.Gallen breit anerkannte Zusammenhänge nicht anwenden will.

Harzt es auch beim Fernverkehr?

Hier geht die Entwicklung in die richtige Richtung – dank des Efforts, den Vollknoten St.Gallen im Ausbauschritt 2035 unterzubringen und damit die Fahrzeit St.Gallen–Zürich von 60 auf 50 Minuten zu beschleunigen. Da haben die Regionen St.Gallen, Rheintal und Wil, die Fraktionen im Kantonsrat und die nationalen Parlamentarier gut zusammengearbeitet – gegen den Widerstand von Regierung und Verwaltung.

Auf Kantonsebene knorzt es oft mit der Zusammenarbeit, auf der Ebene der Regio funktioniert sie. Was ist Ihr Rezept?

Die 46 Gemeinden der Regio Appenzell AR-St.Gallen-Bodensee verstehen sich als ein Wirtschaftsraum. Geht es den Zentrumsgemeinden schlecht, geht es auch ihnen nicht gut – und umgekehrt. Dieses Verständnis ist bei den Gemeinden vorhanden.

Kein Konkurrenzdenken, wie es zwischen den Kantonen Thurgau und St.Gallen oft spürbar ist?

Nein. Der Oberthurgau mit Arbon, Amriswil und Romanshorn ist seit Jahren bei der Regio dabei und versteht sich als Teil der Grossregion St.Gallen genauso wie als Teil des Thurgaus. Er spielt eine wichtige Rolle als Scharnier zwischen St.Gallen und Frauenfeld.

Im Februar soll die Charta für den Metropolitanraum Bodensee unterzeichnet werden. Was bringt diese der Ostschweiz?

Wir sind damit auf Augenhöhe mit andern Metropolitanräumen der Schweiz, mit Bern, Basel, Genf-Lausanne und Zürich. Der Metropolitanraum Bodensee umfasst 750000 Einwohner und rund 400000 Arbeitsplätze.

Und das verändert den Stellenwert der Ostschweiz in der Schweiz?

Ja. Das ist das erklärte Ziel. Die geballte Kraft dieses internationalen Wirtschaftsraums kann von Bern nicht mehr umgangen werden. Wenn der Bund das nächste Mal das Raumkonzept überarbeitet, soll uns dieser Status zugesprochen werden.

Das Label allein bringt die Ostschweiz doch nicht weiter?

Allein die Tatsache, dass die unterzeichnenden Kantone und Länder die Gesamtregion im Blick haben und zusammen mit der Wirtschaft über ihr Territorium hinausdenken, ist ein Gewinn. Das setzt sich langsam, aber ­sicher in unseren Köpfen fest und bei den Entscheidungsträgern in Bern und Wien.

Um die Wahrnehmung zu ändern, reicht es, einen Metropolitanraum zu schaffen?

Wir haben bottom-up mit den Wirtschaftsverbänden und der Politik ein gemeinsames Verständnis erarbeitet. Es werden über 30 Organisationen die Charta unterzeichnen.

Der Thurgau ist nicht mit dabei.

Das ist schade, aber auch legitim.

Fürchtet er, unterzugehen?

Ich verstehe die Angst der Thurgauer, zwischen den drei grossen Zentren ausserhalb des Kantons – Konstanz, St.Gallen und Winterthur – noch stärker zerrissen zu werden. Andererseits kennt auch der Kanton St.Gallen solche Fliehkräfte.

Der Thurgau wendet sich ab, ­Vorarlberg macht mit.

Das ist für den Bodenseeraum wichtig. Wir sind nicht eine Region mit einem grossen Zentrum wie Zürich. Wir haben mehrere Zentren mit metropolitanen Funktionen, St.Gallen, Bregenz, Heerbrugg, Dornbirn, Friedrichshafen, Vaduz. Wenn diese zusammenspannen, haben wir grosses Potenzial.

Mister Aggloprogramm

Zehn Jahre lang hat Rolf Geiger die Geschäftsstelle der Regio Appenzell AR-St. Gallen-Bodensee geleitet. Zwei erfolgreiche Aggloprogramme tragen seine Handschrift. Jetzt zieht es den ehemaligen stellvertretenden Leiter der Sektion Agglomerationspolitik beim Bundesamt für Raumentwicklung weiter. Er engagiert sich neu bei der Halter AG für Immobilien und Arealentwicklungen in der Ostschweiz und schweizweit für deren Wohnbaugenossenschaft «Wir sind Stadtgarten». Geiger ist massgeblich am Aufbau des Metroraums Bodensee beteiligt. Der 43-Jährige hat zwei Kinder und lebt mit seiner Familie in St.Gallen. Zu seinen Hobbys gehört unter anderem das Chorsingen. (cz)