Der Rorschacher Carl Heer als Pionier in Japan

Carl Heer richtete vor 143 Jahren in Japan die erste staatliche Seidenspinnerei ein und wurde vom Kaiser geehrt.

Otmar Elsener
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Der Rorschacher Carl Michael Heer mit seinem japanischen Diener und zugleich Koch.

Der Rorschacher Carl Michael Heer mit seinem japanischen Diener und zugleich Koch.

Bild: PD (1877)

Die Feldmühle in Rorschach war einst die grösste Stickereifabrik der Welt mit 2725 Mitarbeitenden. Die Hallen stehen längst leer. Bis ins Jahr 2025 sollen dort Miet- und Eigentumswohnungen sowie Gewerberäume entstehen. Ein Blick zurück, als Rorschachs Stickerei-Know-how ein Exportschlager war.

«Bei ruhiger See sah ich zurück auf meinen Heimatort Rorschach, wo Vater, Mutter und Geschwister im kühlen Schosse der Erde lagen. Mit Wehmut rief ich meinem Heimatland auf Wiedersehen zu», schreibt der 38-jährige Carl Michael Heer am 7. Oktober 1876 in sein Tagebuch. Er ist auf der Fahrt auf dem Bodensee am Tag seiner Abreise zu einem zweijährigen Arbeitsauftrag in Japan. Er lässt seine Frau und sieben Kinder zurück, sein Ziel ist das Dorf Shinmachi, 90 Kilometer nördlich von Tokio.

Carl Heer mit einem japanischen Dolmetscher.

Carl Heer mit einem japanischen Dolmetscher.

PD

Wer war dieser Rorschacher, der 1876 die abenteuerliche Reise nach Japan unternahm, in das Land, das sich erst wenige Jahre zuvor nach Jahrhunderte dauernder Isolation dem Westen geöffnet hatte? Carl Heer, ein Fachmann für Spinnereimaschinen, kam am 1838 in Rorschach zur Welt als zweites von dreizehn Kindern des Gemeinderatsschreibers Johann Georg Heer und dessen Frau Anna Maria Burgstaller. Er wuchs auf im Haus Simonstrasse Nr. 7. Nach der Schulzeit erlernte Carl den Schlosserberuf und ging dann drei Jahre auf die «Walz» – als Geselle in Werkstätten von Seidenspinnereien. 1862 kam Carl Heer nach Kriens und blieb in der Maschinenfabrik Bell, in deren Spinnerei er Barbara Mattmann kennenlernte und 1866 heiratete.

Eine Aufgabe für den Fachmann aus Rorschach

Japans Öffnung unter Kaiser Meiji bewirkte, dass das Land 1873 an der Weltausstellung in Wien teilnahm, um europäische Technologien kennen zu lernen. Weil die Schweiz 1864 mit Japan einen Freundschafts- und Handelsvertrag abgeschlossen hatte, bestanden Kontakte mit der Maschinenfabrik Bell, die in Wien Spinnmaschinen ausstellte. Die japanische Regierung beschloss, eine staatliche Seidenspinnerei zu bauen und mit Maschinen von Bell einzurichten sowie die Dampfmaschine für den Betrieb bei der Sächsischen Maschinenfabrik in Chemnitz zu kaufen. Der Kaufvertrag verlangte, dass ein Spinnereiexperte die Maschinen montiere und die Einheimischen für den Betrieb anlerne.

Carl Heer nahm die Aufgabe an – die Reise in das ferne Land war damals ein Wagnis. Via Köln und Brüssel geht es zur Hafenstadt Ostende. Dort schifft er sich in eine Fähre nach London ein. Der Frachtdampfer «Flintshire» legt am 22.Oktober 1876 mit ihm und fünf weiteren Passagieren ab zur Fahrt nach Yokohama.

Carl leidet bald unter Seekrankheit. Auf dem Mittelmeer in der Nähe von Malta gerät der Dampfer in einen heftigen Sturm:

«Auf Deck konnte keiner mehr stehen, selbst die Matrosen warf es zu Boden oder ans Geländer».

Bei der Fahrt durch den Suez Kanal beschreibt er die eingeborenen Frauen: «Das Gesicht ist verhüllt bis an die Augen, das schwarze Kopftuch reicht ganz über die Stirne herunter». Im Roten Meer erkennt er mit dem Feldstecher am Berg Sinai «die Fusswege, die Moses betreten haben soll.» In Singapur staunt er über die Anzahl der vor Anker liegenden Segelschiffe: «Ist wie ein Wald anzuschauen mit den vielen Masten». Er wundert sich, wie Kohle auf sein Schiff geladen wird: «Etwa 100 Mann, die mit einer Bambusstange einen Korb Kohle tragen und aussehen wie nackte Teufel».

An Weihnachten ist das Schiff in Hongkong, das er halb chinesisch, halb europäisch und mit viel englischem Militär schildert. «Statt Fuhrwerke hat man hier Sänften, in denen man von zwei Mann hingetragen wird, wo man will. Solche Träger gibt es massenhaft in allen Gassen». Am 4.Januar weckt ihn der Kapitän: «You Swiss, come on deck, you see one island smoke». Der Dampfer ist in japanischen Gewässern und fährt am aktiven Vulkan Unzen vorbei. Am 5.Januar ankert das Schiff vor Yokohama, «nach 77 Tagen auf den Wogen der Meere.»

Beim ersten Landgang tags darauf wird sich Heer bewusst, dass er sich in einem ganz anderen Land befindet: «Ich hörte ein Gelärm und sah, wie sechs Mann einen zweirädrigen Wagen, der mit Steinen beladen war, ziehen und schieben mussten, bei jedem Schritt einen Schrei ausstossend wie Hundegebell». Er bleibt sieben Tage in Yokohama, wo die Kisten in Schiffe nach Jeddo (neu Tokio) umgeladen werden. Dort überwacht er weitere sieben lange Tage den Umlad in Flussboote für den Transport nach Shinmachi.

Zwischenzeitlicher Zeitvertreib als Jäger

In Tokio schliesst er mit der japanischen Regierung einen neuen Vertrag ab und reist weiter mit seinem Dolmetscher in einer zweisitzigen, von einem Mann gezogenen Jinricksha. Die zweitägige Reise ist ungemütlich:

«Die Kleider wurden dick mit Staub bedeckt. Durch das Sitzen auf dem Wägelchen wurde ich so steif, dass ich eine Strecke zu Fuss zu gehen notwendig fand.»

In Shinmachi wird er begrüsst von Beamten, die sich wegen der Kälte an einem mit glühender Kohle gefülltem Feuerbecken wärmen, weil «in Japan keine Öfen vorhanden in den Zimmern». Seine Reise hat dreieinhalb Monate gedauert. Er bezieht eine Wohnung in einem zweistöckigen Haus, unten wohnt ein deutscher Mechaniker für die Montage der Dampfmaschine aus Chemnitz.

Die Arbeit der beiden ist aber noch nicht gefragt. Die inmitten von Reisfeldern geplante Spinnereihalle steht noch nicht und es wird Wochen dauern, bis die Kisten mit den Maschinen eintreffen. Als guter Schütze vertreibt sich Heer die Zeit mit der Jagd auf Fasane und Schnepfen.

Kaum beginnt der Bau, bricht im Land ein Krieg zwischen der Regierung des Kaisers und einem aufrührerischen General namens Saigo aus. Die Regierung stellt die Arbeiten für alle öffentlichen Gebäude zurück. Heer schildert die gefährliche Zeit: «Die Wachmannschaften der Fabrikanlage patrouillierten mit Schwertern. Mein Kollege und ich hatten neben dem Jagdgewehr einen Revolver und 21 Schüsse zur Verfügung, daneben ein langes Messer, um unser Leben so teuer wie möglich zu verkaufen.» Nach Erfolgen der Regierungstruppen wird der Bau Ende Juni fertiggestellt. Die Montage der sieben Spinnmaschinen dauert bis Ende August. Im September spinnt Heer die ersten Fäden.

Heer schreibt: «Es kann sich jedermann vorstellen, wie froh wir aufatmeten, nachdem im ganzen Land die Ruhe wiederhergestellt war. General Saigo soll sich das Leben genommen haben, was hier als grössere Ehre gilt, als wenn sich einer gefangen gibt. Bei den Japanesen ist es Sitte, dass sie sich den Bauch aufschneiden und mit ihrem eigenen Blut ihren Namen schreiben, dann steht einer ihrer Freunde oder Verwandten mit dem Schwerte neben ihm und schlägt ihm den Kopf ab. Saigos Anführer wurden gefangen und mussten alle durch das Schwert sterben».

Ein emotionaler Abschied und Rückreise

In den folgenden Monaten richtet er eine Reparaturwerkstätte ein, dann geht seine Zeit in Japan zu Ende. Heer wird reich beschenkt – von der Belegschaft mit Backwaren und Porzellan, von der Regierung mit Geld und einem Stück Seidengewebe. Die gesamte 220-köpfige Belegschaft formiert sich zu seinem Abschied in Rangordnung mit Direktor, Dolmetscher und Heer an der Spitze zum Marsch durchs Dorf bis zur Ortsgrenze. Die Arbeiterinnen bilden den Schluss, «alle in neuen blauen Kleidern mit einem breiten weissen Gurt um die Lenden, fein aufgeputzt und mit Blumen in den Haaren». Die Bewohner grüssen vor den Häusern, einige schliessen sich dem Zug an.

«Es kam mir dieser Abschied vor, als ob ich meine eigene Heimat verlassen würde».

Die Schiffsreise nach Marseille dauert 42 Tage. Am 1.Februar trifft Heer in Zürich ein, wo er von seiner Frau und Verwandten erwartet wird. Anderntags steht er in Kriens glücklich im Kreis seiner Familie, «mit dem Kind auf den Armen, welches vor meiner Abreise noch nicht die Welt erblickte».

Das Glück dauerte nicht lange. In der Spinnerei verletzte sich Heer 1881 beim Prüfen einer Turbine schwer und wurde arbeitsunfähig. Die Familie musste ohne den Lohn des Vaters auskommen. Lebensunterhalt und Arztkosten frassen das aus dem Japan-Engagement ersparte Geld auf. Nach fünf Jahren des Leidens verstarb Carl am 1.Dezember 1886. Die Familie geriet in Not. Seine Witwe kämpfte tapfer ums tägliche Brot und bat Heers Heimatgemeinde um Hilfe. Zum guten Schluss unterstützten die Rorschacher die Hinterbliebenen ihres Mitbürgers, der in Japan vom Kaiser und der Bevölkerung geehrt worden war.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, Privatarchiv Werner Heer