Der Raub eines Sixpacks

Ein Paar überfällt einen Pizzalieferanten, weil es plötzlich Durst hat. Vor Gericht ersucht es einen Freispruch mit haarspalterischer Begründung.

Rolf Vetterli
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Alt Kantonsrichter Rolf Vetterli (Bild: pd)

Alt Kantonsrichter Rolf Vetterli (Bild: pd)

Anna und Peter waren frisch verliebt und teilten alles: eine bescheidene Unterkunft, einen kärglichen Lohn, manchmal eine Linie Koks oder eine Tüte Gras und gelegentlich auch einen törichten Einfall. Gegen Ende des Monats waren ihnen die Drogen und das Geld ausgegangen. Um Mitternacht verspürten sie plötzlich einen unbändigen Durst, der sich nach ihrer einhelligen Meinung am besten mit Bier der Lieblingsmarke Schützengarten löschen liesse. Sie riefen bei einem Pizzaservice an und bestellten ein Sechserpack Dosenbier zum Preis von zwanzig Franken. Ans Bezahlen dachten sie freilich nicht. Stattdessen verabredeten sie, dass Anna mit dem ersehnten Getränk wegrenne, während Peter sich verstecke und notfalls eingreife.

Als der Pizzakurier kurz vor ein Uhr morgens am Treffpunkt erschien, nahm Anna den Bierkarton in Empfang und erklärte, sie müsse nur noch rasch das Portemonnaie aus der Wohnung holen. Der Kurier folgte ihr, worauf Peter ihn anhielt und ihm einen Faustschlag auf den Kopf sowie einen Fusstritt an das Schienbein versetzte. Danach verschwand das Paar durch eine offen gelassene Kellertür, setzte sich zufrieden auf das Sofa und begann laut Anklageschrift, «das unrechtmässig angeeignete Bier zu konsumieren».

Den beiden wurde vorgeworfen, in Mittäterschaft einen Raub verübt zu haben. Vor dem Kreisgericht St.Gallen beteuerte Anna, sie habe sich mit einer List Freibier verschaffen, aber keine Gewalt anwenden wollen. Sie habe gedacht, falls der Lieferant Schwierigkeiten mache, werde ihn schon der Anblick eines kräftigen Mannsbilds zur Räson bringen. Für das überschiessende Handeln ihres Freundes sei sie nicht verantwortlich. Peter gab den Angriff zwar zu, behauptete jedoch, er habe keinen festen Plan ausgeführt, sondern einen spontanen Entschluss gefasst.

Er sei erst hinzugekommen, als das Bier schon die Hand gewechselt hatte, und habe dem Pizzaboten nur deshalb «eine reingegeben», weil dieser ihn überfreundlich begrüsste. Was ihm daran missfiel, wusste er nicht zu sagen. Der Einzelrichter wies vor allem auf den Umstand hin, dass die Partner miteinander auf die Strasse traten. Er schloss daraus, dass sie einen gewalttätigen Überfall gemeinsam geplant oder zumindest billigend in Kauf genommen hätten. Der Richter verhängte unbedingte Freiheitsstrafen – acht Monate für den mehrfach vorbestraften Mann, sieben Monate für die auch nicht ganz unbescholtene Frau.

Gegen diesen Entscheid erklären beide Berufung an das Kantonsgericht. Peters Anwalt verlangt einen Freispruch vom Vorwurf des Raubs mit einer haarspalterischen Begründung. Der Tatbestand setze voraus, dass Gewalt in der Absicht angewendet werde, einen Diebstahl zu begehen, also den Gewahrsam an einer fremden Sache zu brechen. Der Auslieferer habe den Pack Bier aber freiwillig vor der Bezahlung überreicht und damit den Besitz aufgegeben. Der Beschuldigte sei erst danach tätlich geworden. Man könne ihm nur noch vorwerfen, dass er den Kurier in der Bewegungsfreiheit behinderte, um die Verfolgung seiner Freundin zu erschweren. Das stelle lediglich eine Nötigung dar und dafür sehe das Gesetz eine wesentlich tiefere Strafe vor.

Das Gericht teilt diese Rechtsauffassung nicht: Der misstrauisch gewordene Bote habe die angebliche Käuferin auf ihrem Gang zur Wohnung begleitet. Damit habe er seinen Herrschaftswillen über das Bier bekundet und zugleich die Herrschaftsmöglichkeit behalten, weil er jederzeit wieder auf die Sache hätte zugreifen können. Anders wäre nur dann zu entscheiden gewesen, wenn der Kurier sich ins Auto gesetzt und dort auf das Entgelt gewartet hätte. Peter hielt es nicht einmal für nötig, persönlich an der Verhandlung teilzunehmen. Darin sieht das Gericht ein Zeichen mangelnder Einsicht und so bestätigt es im Wesentlichen das erstinstanzliche Urteil.

Anna folgte hingegen brav der Vorladung. Ihr Verteidiger anerkennt den Schuldspruch und ersucht um eine milde Bestrafung. Das Verschulden seiner Klientin scheine gering und die Reue wirke aufrichtig. Der Leumund sei nicht besonders schlecht und die Prognose eher gut. Die Beschuldigte sei nun mit Peter verheiratet und habe eben das zweite Kind geboren. Das Gericht zeigt sich unter diesen Umständen nachsichtig: Es spricht eine Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu je zehn Franken aus und schiebt den Vollzug auf. Nun muss Anna nur noch ihren Ehegatten davon überzeugen, dass man den Durst zur Not auch mit Leitungswasser stillen kann.