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«Ich bin bereit, mit jedem zu sprechen, der bereit ist, an allem zu rütteln»: Der rastlose St.Galler Rabbiner bleibt

Nach drei Jahren in St.Gallen verlängert der 83-jährige Tovia Ben-Chorin seinen Vertrag in seinem «Foyer zum Paradies». Der liberale Rabbiner ist nur in der Liebe konservativ.
Noemi Heule
Dass Tovia Ben-Chorin heute Deutsch spricht, verdankt er den Büchern seines berühmten Vaters. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Dass Tovia Ben-Chorin heute Deutsch spricht, verdankt er den Büchern seines berühmten Vaters. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Ein Jahr noch, sagt Tovia Ben-Chorin, nur noch eins, mindestens. So lange will der Rabbiner noch bleiben, so lange hat er seinen Vertrag mit der jüdischen Gemeinde nach drei Jahren in St. Gallen verlängert. Für den Ruhestand ist der 83-Jährige zu unruhig, umtriebig. Rastlos ist er auch in seinen Erzählungen, in denen er von einem Gedanken zum nächsten hüpft, nirgends verweilt, als wäre das Gespräch eine rasante Reise nach Jerusalem.

Während er spricht, versinkt der Rabbiner in einem beigen Polstersessel, in seiner Wohnung hinter dem St. Galler Bahnhof, in der die Wände aus Bücherregalen zu bestehen scheinen. «Ben Chorin» heisst es auf den Buchrücken zu seiner Rechten. Nicht Tovia, sondern Schalom. Autor ist sein Vater, seinerseits Rabbiner, Schriftsteller und Religionswissenschafter. Die Bücher sind der Grund, weshalb Tovia Ben Chorin heute Deutsch spricht, mit einem leicht bayrischen Akzent.

Israel, Ohio, Manchester, Berlin, Zürich, St.Gallen

1935 emigrierte der Vater von München nach Jerusalem. Ein Jahr später kam Tovia in der Stadt zur Welt, die damals noch dem britischen Mandat unterstand. Dass Schalom Ben-Chorin seinem Sohn Deutsch beibrachte, die Sprache der Nazis, stiess nach Kriegsausbruch auf Unverständnis. Doch dieser wollte, dass der Sohn einst seine Werke versteht. «Noch heute höre ich seine Stimme, wenn ich ihn lese», sagt Tovia Ben-Chorin, während er in einem Buch blättert.

Ob Deutsch, Hebräisch oder Englisch, Ben-Chorin wechselt die Sprache sprunghaft. «Sweetheart», ruft er seine Frau Adina Ben-Chorin, «when do we speak Hebrew together?» Das sei mal so, mal so, antwortet die gebürtige Amerikanerin auf Englisch. Vor 60 Jahren lernten sie sich während ihres Auslandsemesters in Jerusalem kennen. Fast genau so lange sind sie verheiratet. «Da bin ich konservativ», sagt er. Und lacht, weil dieses Etikett so gar nicht zu ihm passt.

Tovia Ben-Chorin hat sich als liberaler Rabbiner einen Namen gemacht. «In Israel gelte ich als Ketzer», sagte er einst gegenüber dieser Zeitung. In Israel dürfte er auch keine Ehen schliessen, weil das liberale Judentum staatlich nicht anerkannt ist.

Dennoch war er jahrelang in Jerusalem als Rabbiner tätig. Dort und auf seinen weiteren Stationen in Ohio, Manchester oder Zürich hat er sich dem interreligiösen Dialog, dem «Trialog», wie er sagt, verschrieben und dafür einen Ehrendoktortitel erhalten. Der Rabbi sitzt an runden Tischen der Religionen oder initiierte in Berlin das «House of One», ein gemeinsames Gotteshaus für Juden, Christen und Moslems. Er sagt:

«Ich bin bereit, mit jedem zu sprechen, der bereit ist, an allem zu rütteln»

Nur mit Fundamentalismus könne er nichts anfangen – egal in welcher Religion.

Der Glaube, das Vertrauen und die Liebe

Auch er rüttelt unerschütterlich an den Grundfesten seiner Religion. «Wir beten Dinge, an die wir nicht glauben», sagte er einst zum Vater, der daraufhin die erste liberale Gemeinde Jerusalems gründete. Heute geht er noch weiter: Gott als Barmherzigen, Allwissenden oder gar Gesetzgeber gebe es für ihn nicht. Auch besitze er kein Telefon zum Himmel, sondern sehe Gott in den Gegensätzen, in Begegnungen und Erfahrungen. Nur am Glauben – daran, dass es einen Gott gibt, rüttelt er nicht. Glauben heisse auf Hebräisch auch «Vertrauen», sagt er und fügt an: «Auch die Liebe funktioniert schliesslich nur mit Vertrauen.»

Den Dialog pflegt Ben-Chorin auch in der Ostschweiz, weit über die jüdische Gemeinde mit ihren 100 Mitgliedern hin­aus. Er fällt auf, nicht wegen seiner Kippa oder dem dunklen Anzug, den er stets trägt, sondern weil der klein gewachsene Mann längst eine öffentliche Figur geworden ist. Nein, inkognito könne er nicht mehr durch St. Gallens Gassen gehen, sagt er. Gar in Gossau oder Winterthur werde er angesprochen. Während dreier Jahre hat er das «Städtchen» und die Wohnung mit den Bücherwänden zum Zuhause gemacht. Hier im «Foyer zum Paradies» wie er die Schweiz nennt, weil es wohl kein zweites Land mit diesem Frieden, dieser Ruhe gebe.

Kampf und Kritik für den Staat Israel

Seine Heimat aber sei Israel. Nicht der Staat, dessen Gründung er miterlebte, dessen Politik er kritisiert und für den er dreimal in den Krieg zog. Sondern das Land Israel, das mystische Land der Propheten mit der heiligen Stadt Jerusalem, in dessen Richtung sich jedes Gebet richtet und in dessen Richtung sein Blick zeigt, wenn er aus seinem Fenster auf die St.Leonhardskirche blickt. In Israel ist auch seine Familie, sind seine zwei Söhne ­– der eine ebenfalls Rabbiner, der andere Anwalt und Atheist – und seine fünf Enkelkinder. Das Heimweh nach Israel plagt vor allem seine Frau, die sich in St.Gallen nicht gleich wohl fühlt wie ihr Mann, weil sie zwar Englisch und He­bräisch, aber kein Deutsch spricht.

Tovia Ben-Chorin aber will nicht zurück. Noch nicht. In Israel sei er gefangen in der Galerie derjenigen, die einmal etwas waren. Hier aber könne er etwas bewirken. Einmal, sagt er, habe er einen noch älteren Rabbi gefragt, wann es denn an der Zeit sei, kürzerzutreten. «Tovia», antwortete dieser, «when you don’t need to be needed» – wenn er es nicht mehr nötig habe, gebraucht zu werden.

Wo führt ihn der rote Faden als nächstes hin?

Es ist eine Anekdote, die er schon oft erzählt hat. Genau wie seine Lebensgeschichte. Jedes Ereignis erscheint untrennbar mit dem nächsten verknüpft an einem immerwährenden roten Faden. Wo ihn dieser rote Faden als nächstes hinführt, ob er in St.Gallen nochmals verlängert, oder ob seine Reise doch zurück nach Jerusalem geht, weiss er noch nicht. Das sei nicht allein von ihm abhängig, sondern vom «Schöpfer, dem Arzt und meiner Frau».

Die kleine Gemeinde war einst gross

Tovia Ben-Chorin ist gegen aussen das Gesicht des Judentums in der Ostschweiz. Im Mittelpunkt des jüdischen Lebens steht die Synagoge in St.Gallen. Eingeklemmt zwischen zwei Bürogebäuden am roten Platz fällt sie erst auf den zweiten Blick auf – trotz orientalischer Ornamente, hoher Hufeisenbögen und maurischer Kuppeln.

Die Synagoge am Roten Platz in St.Gallen.

Die Synagoge am Roten Platz in St.Gallen.

Wie ihr Gotteshaus hält sich auch die Gemeinde mit rund 100 Mitgliedern eher im Hintergrund. «Wir sind zwar wenige, jedoch gut vernetzt und engagieren uns zusammen mit anderen Religionsgemeinschaften im interreligiösen Dialog», sagt Co-Präsidentin Batja Guggenheim. Bis zu 70 Führungen und Vorträge für Schulklassen oder interessierte Gruppen finden in der Synagoge und im Gemeindezentrum jährlich statt. Die Gemeinde gehört nebst Katholiken, Reformierten und Christkatholiken zu den öffentlich-rechtlich anerkannten Religionen im Kanton.

Mit der Stickereiblüte blüht das jüdische Leben auf

Wie bei allen Religionsgemeinschaften ist Überalterung ein Thema. «Viele Junge wandern zum Studium oder berufsbedingt in die grösseren Zentren ab», sagt Guggenheim. Auch wegen Mischehen schrumpfen die jüdischen Gemeinden allerorts. In Kreuzlingen schloss die Israelitische Gemeinde vor drei Jahren ihre Pforten. Die dortigen Juden haben allerdings keinen weiten Weg. Die nächste Gemeinde mit rund 60 Mitgliedern befindet sich gleich über der Grenze in Konstanz. Mit Hohenems grenzt ein weiteres Zentrum jüdischen Lebens an die Ostschweiz. Die Stadt mit langer jüdischer Tradition tritt heute vor allem durch das Museum in Erscheinung.

Zur Zeit der Stickereiblüte migrierten Juden, vor allem Textilkaufleute, aus Vorarlberg und Süddeutschland aber auch Amerika nach St. Gallen. Ihre Spuren sind noch heute sichtbar, etwa im Namen des Kongresshotels Einstein, der auf die New Yorker Firma Einstein, Hirsch und Co. zurückgeht. Zwischen den Weltkriegen lebten rund 1000 Juden in der Stadt, die sich in zwei Gemeinden organisierten – West- und Osteuropäer.
Nach dem zweiten Weltkrieg verloren beide Gruppierungen Mitglieder und fusionierten zur heutigen Einheitsgemeinde, die traditionell bis liberal Gesinnte umfasst. «Rücksicht auf alle», lautet deshalb die Devise, der sich auch Ben-Chorin unterstellt. Dank seines Erfahrungsschatzes und seiner Offenheit gegenüber allen wird der liberale Rabbiner laut Batja Guggenheim auch vom traditionellen Flügel respektiert.

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