Der quasi gottgegebene Anspruch der «Schwarzen» auf die Machtposition

Seit 1888 stellt die CVP im Kanton St.Gallen ununterbrochen den Staatssekretär. In Frage gestellt wurden diese Vorherrschaft nur selten. Aber langsam bröckelt sie.

Marcel Elsener
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CVP-Machtträger unter sich: Staatssekretär Dieter J. Niedermann (links) mit seinem Nachfolger Martin Gehrer in einer Aufnahme von 1999. (Bild: Regina Kühne)

CVP-Machtträger unter sich: Staatssekretär Dieter J. Niedermann (links) mit seinem Nachfolger Martin Gehrer in einer Aufnahme von 1999. (Bild: Regina Kühne)

Mit dem Rücktritt des amtierenden Staatssekretärs Canisius Braun könnte die Ära der St.Galler CVP in diesem wichtigen Amt zu Ende gehen. Als jahrzehntelange eigentliche «Staatspartei», die 1980 sogar die absolute Mehrheit an Sitzen im Kantonsrat hatte und noch 1984 mit einem Wähleranteil von 45 Prozent die klar stärkste Partei war, stand ihr das Amt selbstverständlich zu.

Seit 1888 stellt die CVP demnach ununterbrochen den Staatsschreiber, mit folgenden Persönlichkeiten: Othmar Müller (1888 bis 1923), Hans Gmür (1923 bis 1951), Albert Scherrer (1951 bis 1960), Hans Stadler (1960 bis 1980), Dieter Niedermann (1979 bis 1999), Martin Gehrer (1999 bis 2008). Der quasi gottgegebene Anspruch der «Schwarzen» auf die Stabschefstelle der Regierung ging so weit, dass die CVP-Fraktion ihren Favoriten zuhanden des Kantonsparlamentes nominierte. Dies bis in die jüngste Zeit: Erst seit dem neuen Jahrtausend ist es die Regierung, die den Wahlvorschlag macht.

In Frage gestellt wurden die Kandidaten der CVP nur selten, und dies erst seit dem Verlust der absoluten Mehrheit im Parlament. In ernsthafte Bedrängnis kam die Partei bei der Wahl 1999: Die CVP hatte als Nachfolger Niedermanns den stellvertretenden Generalsekretär der Bundesversammlung, Hans Peter Gerschwiler, für das Amt nominiert.

«Typisch st.gallischer CVP-Filz»

Gerschwiler zog sich jedoch zwei Wochen vor der Wahl zurück, nachdem die SP und verschiedene Medien seine Kandidatur aufgrund fragwürdiger Geheimdienstverbindungen und einem Informatik-Millionenauftrag unter Vetterliwirtschaftsverdacht kritisiert hatten. Der damalige SP-Fraktionschef Fredy Fässler sprach vom «typisch st.gallischen CVP-Filz».

Darauf nominierte die CVP den damaligen Gaiserwalder Gemeindeammann und früheren stellvertretenden Direktor der kantonalen Gebäudeversicherungsanstalt, Martin Gehrer. Im Gegensatz zum Wunschkandidaten war er mehrheitsfähig: Mit 107 Stimmen schwang Gehrer in der Kampfwahl gegen FDP-Kandidat Martin Rutishauser (64 Stimmen) obenaus.

Die lange Vorherrschaft im Kanton spiegelte sich in der nationalen Politik: Die mächtige St.Galler CVP stellte zweimal einen Bundesrat (Thomas Holenstein von 1955 bis 1959, Kurt Furgler von 1972 bis 1986) und einmal den Bundeskanzler: Mit Karl Huber waltete von 1968 bis 1981 ein St.Galler CVP-Stabschef auch in Bern. Nun hat die CVP ihre Mehrheit längst verloren und ist nach ihrem Niedergang seit den 1980ern gemeinsam mit der FDP noch die zweitstärkste Partei im Kanton. Trotzdem konnte sie den Staatssekretär halten – jedenfalls noch bis Mai 2020.