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Der Prediger ist wieder draussen

Wenn Rolf Baur als frommer Prediger in der Öffentlichkeit auftritt, haben nicht alle ihre Freude. Prompt wird er immer wieder mit Bussen wegen Lärmbelästigung und Hausfriedensbruch eingedeckt. Staat und Gesellschaft scheinen ratlos, wie sie mit diesem Aussenseiter umgehen sollen.
Mit Sack und Pack machen sich Rolf Baur und sein Betbruder Lukas im Rheintal auf ihren missionarischen Weg, der sie drei Jahre lang durch die ganze Schweiz führen soll. (Bild: pd)

Mit Sack und Pack machen sich Rolf Baur und sein Betbruder Lukas im Rheintal auf ihren missionarischen Weg, der sie drei Jahre lang durch die ganze Schweiz führen soll. (Bild: pd)

Die Freiheit empfängt Rolf Baur nicht mit offenen Armen. Es ist ein nasskalter Sonntag Ende Januar, als im Regionalgefängnis Altstätten die Tür für den Widerspenstigen aufgeht. Wäre da nicht der struppige Bart, in Regenmantel und Anzug ginge der Mann mit dem Koffer glatt als Just-Vertreter durch. Leicht irritiert begrüsst er die paar Anwesenden, die am Tag seiner Freilassung ins Rheintal gekommen sind. Um dann als erstes das zu machen, was er am besten kann: beten und singen. Mit lauter, kräftiger Stimme, damit möglichst viele Menschen seine Frohbotschaft hören können.

Sieben Runden ums Gefängnis

Lukas, sein Bruder im Geiste, ist froh, seinen Chef wieder in Freiheit zu sehen. In kalter Nacht ist er mit Sack und Pack und einem Esel vom Appenzellerland ins Rheintal gekommen. Den Wagen mit wichtigen Utensilien musste Lukas nach einer Panne in Eggerstanden stehen lassen. Von solch irdischen Missgeschicken lassen sich die zwei Betbrüder nicht abhalten. Seine Mission kann Rolf Baur auch in winteruntauglichen Halbschuhen erfüllen. «Alles eine Frage der Einstellung.»

Zuerst ziehen die zwei mit ihrem Esel sieben Runden um die Mauern des Regionalgefängnisses. Doch anders als die Trompeten von Jericho, welche die Mauern der Stadt haben einstürzen lassen, konnten die frommen Gesänge dem Regionalgefängnis nichts anhaben.

Zweimal geboren

Rolf Baur ist nach eigenen Angaben zweimal auf die Welt gekommen. Das erste Mal am 14. Dezember 1968 als Bürger von Huttwil und Rafz. Das zweite Mal am 14. September 1995, mit «Bürgerort Jerusalem, vom Himmel kommend». An diesem Tag sei bei ihm «das Unmögliche möglich» geworden. «Ich durfte erkennen, dass Jesus Christus der allmächtige Gott ist, der den Himmel und die Erde gemacht hat und der in seine eigene Schöpfung gekommen ist, um uns mitzuteilen, dass es ein besseres Leben nach dem Tod gibt.» Jesus habe ihn befreit von der Sucht nach Selbstbefriedigung, von Minderwertigkeitskomplexen, von Haschisch, Zigaretten, übermässigem Alkohol, Unruhe, Einsamkeit und Zukunftsangst. «Wer mich früher gekannt und gesehen hat, stellt heute fest, dass aus mir ein komplett neuer Mensch geworden ist.»

Weil dieser «Jünger Jesu» seine Verwandlung nicht für sich behalten wollte, hat er begonnen, in der St. Galler Innenstadt in aller Öffentlichkeit zu predigen. In der Multergasse, am Bahnhof, am Bärenplatz. Überall dort, wo er auf viele Menschen treffen konnte, verkündete er lauthals seine Botschaft – und wurde für manchen Anwohner zum grossen Ärgernis.

Es ging nicht lange, bis bei Baur die ersten Strafzettel wegen Lärmbelästigung und Hausfriedensbruch ins Haus flatterten. Weitere Bagatelldelikte kamen hinzu, so dass ihm der Staat im Verlaufe der Zeit Bussen von insgesamt 5050 Franken aufbrummte.

Zweimal geflüchtet

Weil dieser Mann einer weltlichen Behörde nie auch nur einen Franken überweist und im März 2011 einem Vollzugsbefehl zur Verbüssung mehrerer (Ersatz-) Freiheitsstrafen keine Folge leistete, wurde er zur Verhaftung ausgeschrieben. Am 8. Juni nahm die Polizei den Prediger in St. Gallen fest und brachte ihn ins Saxerriet. Zwölf Tage später flüchtete Baur, weil bei einem Bauern in Goldach angeblich viel Arbeit auf ihn wartete. «Ich muss dann aufs Feld, wenn die Früchte reif sind.»

Jetzt war der Staat wieder an der Reihe: Am 23. Juli wurde der Flüchtige ein zweites Mal verhaftet und erneut ins Saxerriet gebracht. Dort unterwarf er sich als erstes einer siebentägigen Schweigezeit. Um bald darauf wieder zu türmen. Gleichentags nahm ihn die Polizei wieder fest. Seine missionarische Tätigkeit lasse kein anderes Handeln zu, erklärte er später den Behörden. Es sei mit weiteren Fluchtversuchen zu rechnen, sofern nicht der Herr und Gebieter ihn mit einem Sonderauftrag im Gefängnis behalte.

Ein Verhältnisblödsinn

Am 22. August hatte die Obrigkeit genug vom Katz-und-Maus-Spiel und steckte den Renitenten für fünf Monate hinter die hohen Mauern des Regionalgefängnisses Altstätten. Hätte Baur oder jemand anderer die angesammelten Bussen beglichen, wäre er am gleichen Tag auf freien Fuss gekommen. Stattdessen sass der Widerspenstige während 150 Tagen im Regionalgefängnis seine Strafe ab und verursachte so bei einem Kostgeld-Ansatz von 176 Franken pro Tag dem Kanton St. Gallen Kosten von insgesamt 26 400 Franken. Den administrativen Aufwand, den das Amt für Justizvollzug in der Sache führen musste, nicht eingerechnet.

«Dieser Aufwand ist in der Tat ein Verhältnisblödsinn», sagt Joe Keel, Leiter des kantonalen Amtes für Justizvollzug. Im «Fall Baur» sei den Behörden aber nichts anderes übriggeblieben, so zu handeln. Der Verurteilte habe keine Bereitschaft gezeigt, die aufgelaufenen Bussen zu begleichen. Gemeinnützige Arbeit statt Bussgelder oder Gefängnis hatte die Staatsanwalt für den Renitenten nicht in Betracht gezogen. Und so kam es, dass Baur seine Strafe im Gefängnis bis auf den letzten Tag absitzen musste.

Winter in geheizter Zelle

Vor dem Gefängnis lodert inzwischen ein kleines Feuer. Rolf und Lukas laden zum Raclette. Ein Freund aus St. Gallen ist gekommen. Er schätze Rolf als ehrlichen und gläubigen Menschen, der niemandem etwas antun könne. Einer, der gegen Gewalt und Korruption, Lüge und Eifersucht kämpfe und von seiner Mission felsenfest überzeugt sei. «Einen solchen Menschen während eines halben Jahres ins Gefängnis zu stecken, ist Verhältnisblödsinn.»

Rolf Baur ist froh, wieder auf freiem Fuss zu sein. Auch wenn er nicht den Eindruck erweckt, dass ihm die Monate in der geheizten Zelle geschadet hätten. «Ich habe in dieser Zeit schreiben und meditieren können und viel zu Gott gebetet», sagt er. Es gebe sie gelegentlich noch, diese Exoten, sagt Amtsleiter Keel, die sich über die kalten Wintermonate in eine Gefängniszelle einschliessen liessen.

Vorläufig ist Schluss mit Kost und Logis bei Vater Staat. Der Eiswind macht den Aufenthalt im Freien zur Tortur. Rolf und Lukas haben mit dem Esel einen langen Weg vor sich. Von Altstätten wollen sie an diesem Sonntag über den Ruppen nach Trogen wandern und weiter nach Untereggen in ihre Waldhütte. Nach dem Mittagessen schickt der Himmel ein paar Sonnenstrahlen. Mit Sack und Pack zieht es sie hinauf zu den Appenzeller Hügeln. Am frühen Morgen werden sie durchnässt und durchfroren in ihrer Hütte eintreffen.

Die grosse Reise

Ein kurioses Bild, das nicht mehr in unsere hektische Zeit passen will: Zwei gottesfürchtige Brüder, die beseelt von ihrer Mission durch die Lande ziehen und überzeugt sind, dass sich ihnen bald mehr Menschen anschliessen werden. «Wir werden sein wie die Träumenden. Wir werden Strom, Motoren, Telefon und Plastik hinter uns lassen und ein heiliges, gottgefälliges Leben führen», prophezeit Lukas.

Sie träumen vom eigenen Stück Land, das sie zusammen mit Gleichgesinnten bebauen wollen. Fünf sollen es sein, das habe ihm Gott zu verstehen gegeben, sagt Rolf Baur. Im Frühling will er mit Lukas aufbrechen zu einer dreijährigen Reise, die ihn quer durch die Schweiz in alle Kantone führen wird. Missionieren kann ganz schön anstrengend sein.

Markus Rohner

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