Der Platz in den Ostschweizer Hallenbädern wird eng: Rheintaler Kinder fahren zum Schwimmunterricht nach Dornbirn

Schwimmen ist beliebt. Die Bahnen der Ostschweizer Hallenbäder sind begehrt. Und besetzt. Doch viele Hallenbäder müssen dringend saniert werden. Die in Altstätten und Balgach bleiben das Jahr über geschlossen. Eltern, Schwimmklubs und Schulen müssen auf Alternativen ausweichen.

Katharina Brenner
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Ein Hallenbad ist fast immer ein Defizitgeschäft – obwohl die Nachfrage gross ist.

Ein Hallenbad ist fast immer ein Defizitgeschäft – obwohl die Nachfrage gross ist.

Symbolbild: Michel Canonica

Ein Jahr lang wird ihre Tochter keinen Schwimmkurs besuchen. Dabei liebe sie das Wasser so sehr, sagt die Mutter aus Diepoldsau. «Mir ist wichtig, dass meine Kinder früh schwimmen können.» Es geht ihr vor allem um Sicherheit. Die sechsjährige Tochter besuchte bisher einen Kurs im Schwimmklub Widnau, in dem jährlich 250 bis 300 Kinder schwimmen lernen. Dieses Jahr bietet der Klub keine Kurse an. Weil es in der Region kein Hallenbad mehr gibt. Das in Altstätten ist wegen Bauarbeiten seit dem vergangenen Jahr geschlossen, seit diesem Monat auch das in Balgach. Unter den Eltern am Beckenrand sei das ein emotionales Thema gewesen, sagt die Mutter. Frühestens im Dezember können die Rheintaler in Altstätten wieder die gewohnten Bahnen ziehen.

Irene Engler-Singer, Technische Leiterin im Schwimmklub Widnau, sagt:

«Der Ausfall bedeutet für den Verein neben dem finanziellen Verlust möglicherweise auch weniger Neumitglieder und Nachwuchsschwimmer.»

Mit Blick auf künftige Trainingsmöglichkeiten seien sie dankbar für Sanierung und Erneuerung, die Schliessung beider Bäder sei aber «sehr unglücklich».

36 Millionen Franken für Projekt mit Südseeflair

Die Bäder im Rheintal sind bei Weitem nicht die einzigen sanierungsbedürftigen in der Ostschweiz. Die Stadt St.Gallen will 36 Millionen Franken ins Blumenwies investieren. 2021 soll das Volk über das Projekt mit dem klingenden Namen «Waikiki» entscheiden. Das Blumenwies eröffnete 1973, zu einer Zeit, als die öffentliche Hand den Bau von Schwimmbädern massiv förderte. 50 Jahre später brauchen diese Bäder dringend eine Sanierung. Das Hallenbad Appenzell, Jahrgang 1971, musste vor sechs Jahren aus sicherheitstechnischen Gründen gar geschlossen werden. Ein Neubau ist geplant. Nur sitzt das Geld heute nicht mehr so locker wie noch vor 50 Jahren.

Martin Enz, Geschäftsführer des Verbands Hallen- und Freibäder und Leiter Infrastrukturen und Geschäftsführer im Bellavita Erlebnisbad und Spa in Pontresina, sagt:

«Ein Hallenbad ist fast immer ein Defizitgeschäft.»
Martin Enz, Geschäftsführer Verband  Hallen- und Freibäder

Martin Enz, Geschäftsführer Verband
Hallen- und Freibäder

pd

Hallenbäder weisen durchschnittlich einen Deckungsgrad der Betriebskosten von 50 bis 70 Prozent auf. Die Personalkosten seien der höchste Posten. Die Schwimmbadgenossenschaft Wittenbach hat es vor vier Jahren vorgemacht: Als Sparmassnahme lässt sie an zwei Vormittagen pro Woche nur noch Schulklassen zu. Sie kann in dieser Zeit auf Bademeister verzichten und pro Jahr 100'000 Franken sparen. Die Unterhaltskosten seien grundsätzlich gleich, egal, ob 100 oder 300 Gäste ein Bad besuchen, so Enz. Nur das Duschwasser unterscheide sich. Dass ein Hallenbad auch zu kostspielig werden kann, zeigt das Beispiel Degersheim: Weil die Unterhaltskosten zu hoch wurden, musste die Gemeinde ihr Hallenbad 2014 trotz Beschwerden schliessen.

Ein Verbund soll Entlastung bringen

Eines hat sich gemäss Enz bewährt, um Hallenbäder lukrativer zu machen: Zusammenschlüsse. Er kenne das aus eigener Erfahrung von der IG Bündner Bäder. Wer ein Jahresabo in Lenzerheide, Scuol, St.Moritz, Pontresina oder Zernez löst, kann auch jeweils die Bäder der anderen Orte zu reduzierten Tarifen nutzen.

«Mehr Abos zu verkaufen, muss das Ziel sein.»

Ein Verbundmodell wird auch in der Ostschweiz diskutiert. Rund 100 Millionen Franken würde die Eneuerung der Bäder in der Region kosten, hält die Regio Appenzell AR-St.Gallen-Bodensee in einer Hallenbadstudie fest. Sie schlägt vor, die regional genutzten Hallenbäder auch regional zu finanzieren. Mitgliedergemeinden würden Beiträge in eine Kasse zahlen, aus der 30 Prozent der Betriebsdefizite aller Hallenbäder bezahlt werden. Die Mitgliedschaft ist freiwillig. Einwohner aus Gemeinden, die nicht mitmachen, müssten allerdings einen höheren Eintrittspreis ins Hallenbad zahlen. In Wittenbach hofft man auf einen Start 2021. Waldkirch hat bereits mitgeteilt, dass es vorerst nicht dabei sein möchte.

Die einzigen Bäder, die gemäss Enz tendenziell schwarze Zahlen schreiben könnten, seien Erlebnisbäder oder solche mit ausgedehnten Wellnesslandschaften. Debatten um Hallenbad-Sanierungen in Ostschweizer Gemeinden zeigen jedoch: Sie wollen keine «Wellness-Tempel». Anders als in Heilbädern wie in St.Margrethen oder Unterrechstein geht es in Hallenbädern primär ums Schwimmen.

Hinter Wandern und Velofahren, aber noch vor Skifahren

Und Schwimmen ist beliebt. Gemäss Sportstudie Schweiz des Bundes liegt es auf Platz 3 der verbreitetsten Sportarten im Land – hinter Wandern und Velofahren. Und vor Skifahren. Dass Ostschweizer gerne Bahnen ziehen, zeigt die Auslastung der hiesigen Hallenbäder. Das St.Galler «Blumenwies» gibt Vereinen seit diesem Jahr am Mittwochabend eine zusätzliche Bahn. Die Kritik liess nicht lange auf sich warten, für Hobbyschwimmer ist es noch enger geworden. Schwimmlehrer, die in Gossau, Oberuzwil oder Wil unterrichten, würden gerne mehr Kurse anbieten, ihnen fehlt aber die Wasserfläche.

Besonders eng ist es in Buchs, dem einzigen Hallenbad im Werdenberg. Der Besucherrekord von 2016 wurde 2019 mit über 93'000 Eintritten übertroffen. Buchs spürt, dass im Rheintal Hallenbäder fehlen. «In letzter Zeit musste ich einige Reservationsanfragen von Schulen, Wohnheimen oder anderen Gruppen ablehnen», sagt Stephan Dürst, Betriebsleiter Bäder. «Hallenbad Flös ist am Anschlag», titelt der «Werdenberger und Obertoggenburger». Eng wird es auch für die Schulgemeinden der Region. Insbesondere, da der Grabser Gemeinderat «aus wirtschaftlichen und ökologischen Gründen» auf eine Übernahme und Wiederinbetriebnahme des Hallenbades im Lukashaus verzichtet.

Mit dem Lehrplan 21 hat der Schwimmunterricht indes an Bedeutung gewonnen. Die Rheintaler Schulgemeinden zeigen sich kreativ: In Balgach sind statt Schwimmen Projekte im Wald und Freien geplant, in Altstätten verbringen die Kinder mehr Zeit in der Turnhalle. Im Sommer sollen sie dann im Freibad schwimmen.

Einen anderen Weg gehen Widnau und Diepoldsau. Sie haben den Schwimmunterricht nach Dornbirn verlegt. Was hält man ennet dem Rhein davon? Von Kapazitätsgrenzen möchte man im Stadtbad Dornbirn nicht sprechen, aber es sei eine Herausforderung, den Gruppen den gewünschten Platz zur Verfügung zu stellen. Während Ostschweizer also wieder vermehrt im eigenen Land Skifahren, gehen sie nun zum Schwimmen nach Vorarlberg.

Ins Wasser springen
im Stundenplan

«Bewegen im Wasser» heisst ein Kompetenzfeld im Lehrplan 21. Es beinhaltet «Schwimmen», «ins Wasser springen und tauchen» sowie «Sicherheit im Wasser». Ziel ist, dass jedes Kind in der Primarschule schwimmen lernt. Das bedeute aber nicht zwingend regelmässige Schwimmstunden im Stundenplan, sagt Patrik Baumer, Leiter des Amts für Sport im Kanton St.Gallen. Besuche im Freibad oder in einem Schwimmlager seien Alternativen. «Wir betonen aber, dass ein regelmässiger Schwimmunterricht die nachhaltige Erreichung der entsprechenden Lernziele und Kompetenzen wesentlich unterstützt.»

Hört man sich bei Schulgemeinden in der Ostschweiz um, erachten auch sie Schwimmunterricht als wichtig und nehmen mit ihren Schülerinnen und Schülern teils weite Wege dafür auf sich. Eine Herausforderung im eng getakteten Stundenplan, heisst es in jedem der vier Kantone.

Vereinzelt verfügen Gemeinden noch über eigene Lernschwimmbecken wie beispielsweise Sargans oder Niederhelfenschwil, wo sich die Stimmbevölkerung im Herbst für den Erhalt des Lernschwimmbeckens ausgesprochen hat. Viele Schulen weichen auf Becken in Kliniken und Hotels aus, um den Schwimmunterricht zu ermöglichen, Innerrhoder Schulen auch auf Nachbarkantone. 2022 ist die Eröffnung des neuen Hallenbads in Appenzell vorgesehen. (kbr)