Der neue Nationalrat Thomas Brunner – der Inbegriff eines Grünliberalen

Der überraschend gewählte Nationalrat Thomas Brunner ist kein Unbekannter: Der GLP-Stadtparlamentarier kandidierte bereits zum vierten Mal.

Marcel Elsener
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Ein Klimatologe im günstigsten Moment: Thomas Brunner mit GLP-Präsidentin Nadine Cloé Niederhauser. Bild: Ralph Ribi

Ein Klimatologe im günstigsten Moment: Thomas Brunner mit GLP-Präsidentin Nadine Cloé Niederhauser. Bild: Ralph Ribi

Thomas Brunner? Wer bitte? Die Frage hörte man am Sonntag im Pfalzkeller öfters. Tatsächlich ist der überraschend gewählte Nationalrat auf der GLP-Liste im Rheintal, Fürstenland oder Toggenburg weitgehend unbekannt. Kennen tut man Brunner aber sehr wohl in der Stadt St.Gallen, wo er seit 2009 im Stadtparlament sitzt und seit 2016 die fünfköpfige eigene Fraktion präsidiert. Und wer mit den Grünliberalen liebäugelt, wusste seit Jahren, dass mit dem Umweltpolitiker zu rechnen ist. Oder wie der 59-Jährige selber sagt:

«Klar war die Wahl auch für mich eine Überraschung, aber wer nun vom Zufall des Alphabets spricht, verkennt meine Position als sicherer Wert.»

Dreimal kandidierte Brunner bereits für den Nationalrat, zweimal schaffte er das zweitbeste Resultat auf seiner Liste – 2007 hinter Albert Nufer, 2011 hinter der gewählten Margrit Kessler. Nur 2015, «das Jahr des blödsinnigen Sitzverlusts habe ich aus Ärger verdrängt», landete er hinter Kessler, Lüthi, Tanner und Rickert auf dem fünften Platz.

Und nun also: Thomas Brunner für die St.Galler GLP im Nationalrat, der Sitzgewinn weniger unerwartet als der Name. Allseits waren der Infektiologe und Ständeratskandidat Pietro Vernazza sowie der Sarganser Gemeindepräsident und Kantonsrat Jörg Tanner favorisiert worden, oder dann eine Frau wie die Augenärztin, Stadtparlamentarierin und Kantonalparteipräsidentin Nadine Cloé Niederhauser.

Brunner liess alle hinter sich, den zweitplatzierten Vernazza um über 2400 Stimmen, den drittplatzierten Tanner um 3500.

Studium in Bern mit angewandter Klimatologie abgeschlossen

Ein unterschätzter Gewinner, der nun verschmitzt lächelt. Massgebend seien zwei Faktoren gewesen, sagt der Klimatologe am Tag danach, nämlich seine thematische Kompetenz für die derzeitige Hauptsorge der Bevölkerung (Klimawandel) und seine Präsenz als «Lokalmatador» im bevölkerungsreichsten Wahlkreis des Kantons.

In St.Gallen gilt Thomas Brunner als Inbegriff eines Grünliberalen, zumal er nie bei den Grünen oder anderswo politisierte, sondern die hiesige GLP mitgründen half. Er sagt:

«Ich bin sozusagen die Verkörperung der grünliberalen politischen Leistungen in der Stadt.»

Dass er zudem im «Klimawahljahr» den denkbar günstigsten Berufstitel hat, verdankt er einem Richtungsentscheid im Studium: Brunner, bürgerlich aufgewachsen in St.Gallen als Sohn eines Schadeninspektors und einer Journalistin, studiert in den 1980er-Jahren Naturwissenschaften mit Zweitfächern Geografie und Biologie und schliesst das Studium mit einer Diplomarbeit in der angewandten Klimatologie ab. Bern ist nicht nur Studienplatz, sondern 17 Jahre lang auch geschätzter Wohnort, dem Brunner in den ersten Arbeitsjahren als Umweltingenieur in der Privatwirtschaft treu bleibt.

Bis 2015 Lufthygieniker im kantonalen Amt für Umwelt

Schon in der Jugend an Umweltthemen interessiert («erstmals in der Zeitung war ich mit einem Vogelnistkasten des Naturschutzvereins»), lässt er sich in Bern von der aufkommenden Umweltbewegung begeistern, «weniger von der linksalternativen Szene» als vielmehr von Persönlichkeiten wie der ersten Berner Regierungsrätin und Umweltpolitikerin Leni Robert und dem wachstumskritischen St.Galler Volkswirtschaftsprofessor Hans-Christoph Binswanger.

Näher als Demos sind dem Naturwissenschafter die Verbände, in denen er bis heute im Vorstand (NVS, VCS) oder als aktives Mitglied (WWF, Pro Natura, Pro Specie Rara u.a.) wirkt. Zurück in St.Gallen, arbeitet Brunner von 2003 bis 2015 im kantonalen Amt für Umwelt als Lufthygieniker, der mit Klimaanliegen allerdings einen schweren Stand hat, wie er anfügt. Heute dürfe er, «ich sass lange genug vor dem Computer», einer «richtig sinnvollen» Arbeit im Foodwaste-Projekt «Äss-Bar» nachgehen. Als Naturfreund und «Wassermensch» versuchte er sich zwischenzeitlich überdies als Badmeister im Familienbad auf Drei Weiern, in der Badhütte Rorschach und im Heilbad Unterrechstein. Schwimmen und Segeln liegen ihm näher als Ballsportarten, die er schon wegen einer Augenbehinderung – er sieht nur zweidimensional – nicht ausüben kann.

In der «progressiven Mitte» und oft Zünglein an der Waage

Im Stadtparlament gilt Brunner als Vielredner mit Hang zur Besserwisserei und Mann zahlreicher Vorstösse, Ratskollegen beschreiben ihn als «schwierig, unberechenbar», als einen, der seine Rolle als Fraktionschef genüsslich auslebe. Das liege an der Position der GLP inmitten der ähnlich starken Blöcke von Rechtsbürgerlichen und Linksgrünen, meint er dazu: «Als Zünglein an der Waage enttäuscht man zwangsläufig beide Lager.» Es gehe um die «Kunst des Machbaren», sagt er:

«Wir probieren keine verlorenen Schlachten zu schlagen.»

Als Beispiele nennt er die Steuerfussdebatte oder die pragmatische Umsetzung der Umverkehr-Initiative im Reglement für nachhaltige Verkehrsentwicklung. Wie lange er als Nationalrat im Stadtparlament verbleibt, will er mit der Partei sorgfältig abklären. Schliesslich politisiere er als «Teamplayer», wie er betont.

Im künftigen Nationalrat werde die GLP eine ähnliche Rolle spielen wie im St.Galler Stadtparlament. «Wir können mit der CVP für stabile Mehrheiten sorgen, nicht reflexartig, sondern überlegt situativ». Selber rechnet sich Brunner der «progressiven Mitte» zu, die vorwärts schaue. Nicht zuletzt hofft er dank seinem Mandat die St.Galler Partei strukturell zu stärken. Auf Bern, gleichsam eine Rückkehr, freue er sich sehr. Nicht ausgeschlossen, dass der fanatische Velofahrer, der mehrere Velos besitzt und auch die Lebenspartnerin vom Velofahren überzeugte, auch mal von Bern nach St.Gallen radelt. Wie einst nach dem Studium, nur hoffentlich nicht mehr im strömenden Regen.