Der lokalen Baukultur auf der Spur

Die FHS St. Gallen bekräftigt ihr neues Architekturstudium mit einem eigenen Institut. Im zweiten Jahr studieren in der Hauptpost nun 60 Ostschweizer, die sonst abgewandert wären. Und schärfen dabei ihren Blick für die regionale Baukultur.

Marcel Elsener
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Diskussion der St. Galler Masterplan-Modelle: Tom Munz (Dozent), Alexandros Sarantaenas (Student), Katrin Albrecht (Dozentin) und Lukas Meier (Student) im Atelier der Architektur-Werkstatt der FHS in der Hauptpost. (Bild: Mareycke Frehner)

Diskussion der St. Galler Masterplan-Modelle: Tom Munz (Dozent), Alexandros Sarantaenas (Student), Katrin Albrecht (Dozentin) und Lukas Meier (Student) im Atelier der Architektur-Werkstatt der FHS in der Hauptpost. (Bild: Mareycke Frehner)

Anständig angeschrieben und einfach zugänglich ist sie nicht, die St.Galler Architekturschule in der Hauptpost, nicht vom Bahnhof her. Auf halbem Weg im nördlichen Treppenhaus winkt ein Bibliotheksmitarbeiter ab: «Die Architekten? Richtige Richtung, aber auf dieser Seite brauchen Sie einen Badge, der Zugang ist von der St.Leonhardstrasse her.» Kein Problem, im hundertjährigen Riesenpostbau aus Beton, Eisen und Sandstein beeindruckt noch jeder Irrweg, auf der Südseite besagt eine Tafel, wer sich über kurz oder lang eingenistet hat: nebst der verbliebenen Post im Parterre sind es in den Stockwerken eins bis vier die populäre Bibliothek, sodann Denkmalpflege, Kulturförderung und weitere Kulturverwaltung, Traumazentrum für Asylsuchende, Kunstateliers, IG Tanz, Theatercompagnie Buffpapier. Provisorium oder Providurium, die Frage stellt sich bei allen Einrichtungen in der Hauptpost. Am wenigsten wohl bei der Fachhochschule, die den zweiten Stock belegt. Langfristig dürfte die Bildung übernehmen, die FHS im Hochhaus auf der andern Seite des Bahnhofs ist die naheliegendste Nutzerin des wuchtigen Zweckbaus am geschäftigsten Bahnhofplatz der Ostschweiz.

60 von 90 in der Hauptpost geplanten Studienplätze belegt

Flur und Atelierräume der Architektur-Werkstatt, wie die FHS-Architekturschule heisst, sind in der letzten unterrichtsfreien Januarwoche menschenleer. Oder fast: Katrin Albrecht und Tom Munz, beide am soeben eingeweihten Institut für Architektur (IfA-FHS) tätig, gewähren einen Augenschein aktueller Projekte. An ihrer Seite zwei Studenten im dritten Semester, Lukas Meier und Alexandros Sarantaenas, beides St. Galler Hochbauzeichner, die 2017 die Chance zum praxisnahen Studium der Architektur vor Ort ergriffen. Und begeistert sind:

«Wir sind kaum zu Hause, wir leben praktisch hier.»

Beide begründen ihr Studium mit dem Ansporn, die Baukultur grundlegend verstehen zu wollen – und mit der Aussicht, den öffentlichen Raum, ja die Gesellschaft mitprägen zu können.
Das will auch die Schule, die einem Postulat im Kantonsrat 2012 zur Wiedereinführung der fünf Jahre zuvor eingestellten (Ingenieur-)Architekturabteilung an der St. Galler Fachhochschule entspricht; einerseits soll sie den Baufachkräftemangel beheben und den Abgang Ostschweizer Architekturstudenten nach Zürich, Winterthur oder Vaduz verhindern, andererseits die regionale Baukultur mit Köpfen, Projekten und Debatten befruchten.

Eine gute Idee am denkbar idealsten Ort: die trutzburgartige Hauptpost mit ihrem markanten Turm als Gebäude des Aufbruchs, aber auch als Festung gegen den «Brain Drain» – ein Hort gefährdeter Urbanität in der kläglich schrumpfenden «Ostschweizer Metropole», die gegenüber dem boomenden Winterthur nicht auch noch die Ostschweizer Baukunstschule verlieren wollte. Die Zahlen belegen das Bedürfnis: 26 Studenten absolvieren das zweite Jahr, 31 Anfänger sind im Herbst dazu gekommen, die Nachfrage sei nach wie vor gross, meldet das FHS-Rektorat. Maturanden sind gegenüber Berufslehrabsolventen in der Minderheit, der Frauenanteil liegt bei gut einem Drittel. Bereits benötigen die Architekten mehr Platz: Noch diesen Sommer können die Ateliers, Werksstätten und Büroflächen um 560 Quadratmeter erweitert werden, wenn der Fachbereich Gesundheit mit bislang 23 Arbeitsplätzen von der Hauptpost in den Neumarkt umzieht. Der Auszug ist per 1. Juli geplant.

Faszinierendes Weichbild der Stadt St. Gallen mit Projektion der Zeitachse. (Bild: Mareycke Frehner)

Faszinierendes Weichbild der Stadt St. Gallen mit Projektion der Zeitachse. (Bild: Mareycke Frehner)

Plansammlung für den «Atlas St.Gallen/Ostschweiz»

Die Architektur-Werkstatt ist nah an der Praxis, das belegen die vielen Modelle und Materialarbeiten; die Drittsemesterstudenten Meier und Sarantaenas zeigen plastische Entwürfe für eine grossflächige, freilich fiktive Überbauung rund um den Spelterini-Platz beim Olma-Areal. Ihr ansatzweises Wissen, was Bauen in der Klosterstadt im engen Hochtal der Steinach bedeutet, verdanken sie Tom Munz und dem «Atlas St.Gallen», der zunehmend zum «Atlas Ostschweiz» wird. Munz erklärte den Studenten die Morphologie der Stadt, gut erkenntlich im «Weichbild», einem selber erarbeiteten Relief, auf das als Film die bauliche Entwicklung projiziert wird. Es fehlt ein dominierender See oder grosser Fluss, die Stadt hat wenig ruhige Flächen und erscheint bewegt, ihre Identität prägen die «berühmten» grünen Hänge. Wenn Munz das historische Bauerbe erläutert, spricht einer von hier, ein Architekt mit Büro in St. Gallen.

Eine jüngste Arbeit ist gerade im Waaghaus ausgestellt: 2. Preis im Wettbewerb für die Marktplatzgestaltung, dem seit Jahren umstrittensten städtebaulichen Projekt St. Gallens. Dass auch der Gewinner in der Hauptpost lehrt, Stephan Flühler, spricht für die regionale Anbindung der Schule. Der «Atlas Ostschweiz» ist eines von zwei interdisziplinären Forschungsprojekten im jungen Institut, das andere heisst «Wohnen und Arbeiten im Wandel». Dabei untersuchen Katrin Albrecht und ihr Kollege Lukas Zurfluh im Verbund mit Sozialraumforscherinnen der FHS den Einfluss von Arbeitswelten auf die Wohntypen und Siedlungsstrukturen in der Ostschweiz, ein Stichwort etwa Flums (Spinnerei).

Aktuell meint dies, was «New Work» und Digitalisierung fürs Wohnen bedeuten.

«Wir sind in der Anfangsphase», sagt Albrecht, den andauernden Aufbau betont auch die Institutsleiterin Anna Jessen: «Wir sind noch jung und schüchtern.» Längst nicht alles sei sichtbar und spruchreif, vieles erst gute Absicht. Immerhin: «Nach eineinhalb Jahren Aufbau ist es beeindruckend, dass unter den Studierenden wie auch im Lehrkörper eine Gruppe starker Persönlichkeiten in dieser Werkstatt zusammengekommen ist, die in und an der Ostschweiz arbeiten – und an einer gemeinsamen grossen Idee.»

Was an den schillernden Bildern Realität ist und was blosse Rhetorik bleibt, werde man erst ermessen können, wenn der erste Jahrgang die Schule verlassen habe, schrieb Marcel Bächtiger im Fachblatt «Hochparterre». Die Bemühungen, sich mit den regionalen Vereinen (wie dem Architekturforum Ostschweiz) zu verknüpfen, sind jedenfalls spürbar. Auf dass sich eine Szene bilde, die Baukultur im Osten aufblühe. Kein frommer Wunsch bleiben dürfte auch die Anschrift an der Hauptpost, mitsamt eigenem Eingang auf der Bahnhofseite.

Offener Projekttag Architektur-Werkstatt Hauptpost St. Gallen,
Samstag, 23. Februar, 9 bis 17.30 Uhr. Infoabend
21. Februar, 19 Uhr, BBZ Weinfelden