Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Ex-Mitglied einer Psychosekte schreibt Kampfschrift gegen Lehrplan 21

Offiziell wurde der «Verein zur Förderung der psychologischen Menschenkenntnis» im Jahr 2002 aufgelöst. Ex-Mitglieder verbreiten das Gedankengut der Sekte aber nach wie vor. Aktuell mit einer Kampfschrift gegen den Lehrplan 21.
Andri Rostetter
Als Organisation hat der VPM ausgedient, das Gedankengut lebt weiter. (Illustration: Patric Sandri)

Als Organisation hat der VPM ausgedient, das Gedankengut lebt weiter. (Illustration: Patric Sandri)

Das Buch wirkt seriös. Die Aufmachung ist professionell, auf der Rückseite prangen Zitate von bekannten Experten. Der Titel: «Kinder im Netz globaler Konzerne: Der Lehrplan 21 als Manipulationsinstrument». Geschrieben hat das Buch Judith Barben, Jahrgang 1953, Psychologin und Primarlehrerin aus Wil. Seit dem Frühjahr liegt es in einzelnen Buchhandlungen aus – oder wurde wieder entfernt, wie in einem Fall im Hinterthurgau. Nach dem Hinweis eines Kunden, um wen es sich bei der Autorin handelt, habe man das Werk umgehend aus dem Sortiment genommen, heisst es dort.

Bei Barbens Werk handelt es sich nicht um eine wissenschaftliche Abhandlung, sondern um eine Kampfschrift. Im Buch wimmelt es von Warnungen, es geht um Machenschaften internationaler Organisationen und Konzerne, manipulative Psychotechniken und illegale Propagandamethoden, alles vorgetragen im schrillen Stakkato einer Untergangsprophezeiung. Mit computergestütztem Unterricht würden Kinder «zur Manipuliermasse von Grosskonzernen gemacht», im Sexualkundeunterricht gewöhne man sie daran, «sich Übergriffe auf ihre körperliche Integrität gefallen zu lassen». Es wird vor «Durchsetzungsmethoden» und «hypnotischen Worthülsen» gewarnt, vor «dramatischem Stoffabbau» und der «Auflösung aller bisherigen Strukturen». Als Gegenmittel propagiert die Autorin einen Unterricht «in der Tradition Pestalozzis». Dazu gehöre der «sichere Umgang mit Schere, Papier, Nadel, Faden und Nähmaschine sowie Arbeitstechniken wie Stricken, Häkeln oder Weben».

Ultrakonservative Positionen

Wer ist Judith Barben? Eine Google-Suche führt nach wenigen Klicks zum mittlerweile aufgelösten «Verein zur Förderung der psychologischen Menschenkenntnis» (VPM). Die von Experten als Psychosekte eingestufte Organisation machte vor allem in den 1990er-Jahren Furore mit ultrakonservativen Positionen, pädagogischen und politischen Heilslehren, häufig vermengt mit Verschwörungstheorien. Barben selber redet nicht über ihre VPM-Vergangenheit. Gedruckt sehen will sie einzig ein paar Zitate zum Lehrplan. Aber auch diese zieht sie später zurück.

«Wir haben keine Hinweise darauf, dass Barben sich je vom VPM beziehungsweise von dessen Weltbild distanziert hätte», sagt Georg Otto Schmid, Sekten­experte und Leiter der evangelischen ­Informationsstelle Relinfo. Allerdings trete Barben auch bei anderen wertkonservativen Gemeinschaften auf – etwa der EDU, welche in Bildungsfragen eine ähnliche Position vertrete wie der damalige VPM. Tatsächlich macht Barben auch Kreisen ihre Aufwartung, die noch radikalere Positionen vertreten als die freikirchlich dominierte Partei. Unter anderen war sie Gastrednerin auf einer Veranstaltung von «Info8.ch», einer ultrakonservativen Internetplattform, die bis 2016 von Anian Liebrand betrieben wurde.

Liebrand, Ex-Präsident der Jungen SVP Schweiz, zählt zu den umtriebigsten Vertretern des rechtsnationalen Spektrums, mit exzellenten Kontakten zu Verschwörungstheoretikern und zur sogenannten Truther-Szene. Truther glauben, von Regierungen, Behörden und Medien systematisch belogen zu werden, insbesondere in Bezug auf die Terroranschläge in den USA vom 11. September 2001. Gerngesehene Gäste auf Liebrands Plattform waren etwa Jürgen Elsässer, Vordenker der Neuen Rechten in Deutschland, der umstrittene Historiker Daniele Ganser oder der St.Galler SVP-Nationalrat Lukas Reimann. Liebrand arbeitet inzwischen für die rechtsnationale «Schweizerzeit» von SVP-Mann Ulrich Schlüer. Derselbe Schlüer war bis 1996 Herausgeber der VPM-­nahen Zeitschrift «Bürger und Christ». Prominente Experten als Zeugen für die Seriosität

«Psychotechniken aller Art»

Barbens VPM-Mitgliedschaft ist mehrfach belegt. 1991 hat sie das Unterstützer-Inserat für die damalige Sektenführerin Annemarie Buchholz-Kaiser in der «Züri-Woche» mitunterzeichnet, später publizierte sie in der VPM-nahen Zeitschrift «Zeit-Fragen». In einem Flyer zu einem Vortrag bei der militärfreundlichen Gruppe Giardino wird Barben als «Vorstandsmitglied VPM bis zur Auflösung des Vereins» bezeichnet. Die Lobbyorganisation hatte Barben 2012 für ein Referat über ihr Buch «Spin Doctors im Bundeshaus» eingeladen.

Das Buch beschäftigt sich mit angeblichen Lügen und Halbwahrheiten, mit denen der Bundesrat das Volk manipuliert. Es geht um «Psychotechniken aller Art, die einmal eingeführt dank dem Filz von PR und Journalismus unser öffentliches und individuelles Bewusstsein bestimmen», wie der Politologe Claude Longchamp in einer Rezension zusammenfasst. Die Buchrecherche basiere «in weiten Teilen» auf einem Zeitungs- und Zeitschriftenarchiv, täusche aber vor, Ergebnis einer wissenschaftlich fundierten Arbeit zu sein. «Geprüft, was geschrieben wird, wurde wohl nur selten, denn entscheidend war, dass die Belege ins vorfabrizierte Bild passten.»

Kontakte mit Ex-VPM-Leuten

Nach dem gleichen Muster geht Barben in ihrem Lehrplanbuch vor. Auch hier werden ausschliesslich Zeitungs­artikel und Studien aufgeführt, die zur These passen. Quasi als Zeugen für die Seriosität des Buches werden auf der Rückseite drei prominente Wissenschafter zitiert: der Wiener Philosophieprofessor Konrad Paul Liessmann, der St.Galler Ökonom Mathias Binswanger und der Berner Pädagogikprofessor Walter Herzog. Alle drei hatten sich in Vorträgen oder Artikeln kritisch zu Schulreformen oder zum Lehrplan 21 geäussert.

Barben hat diese Zitate übernommen, inklusive korrekten Quellennachweises. Doch zumindest Herzog zeigt sich wenig erfreut über diesen Auftritt. «Der Lehrplan 21 verdient es zwar durchaus, in Bezug auf gewisse Einseitigkeiten und Schwächen, etwa die fehlende Klarheit beim Kompetenzbegriff, kritisiert zu werden. Aber wenn es auf diese Weise geschieht, möchte ich lieber nichts damit zu tun haben», sagt Herzog.

Mit Ex-VPM-Leuten komme er immer wieder in Berührung: «Als einer, der sich gelegentlich kritisch zu den laufenden Bildungsreformen in unserem Land äussert, mache ich leider nicht selten die Erfahrung, dass Leute Kontakt zu mir suchen, von denen ich vermute, dass sie dem VPM-Dunstkreis angehören.» Herauszufinden, ob dem tatsächlich so sei, erweise sich aber fast immer als unmöglich. Barben ist eine der wenigen Ausnahmen. Ihr Beispiel zeigt: Als Organisation hat der VPM ausgedient, sein Gedankengut und sein Netzwerk leben weiter.

Personenkult, Prozesswut und rabiate Auftritte

Der 1985 in Zürich gegründete «Verein zur Förderung der psychologischen Menschenkenntnis» (VPM) machte mit seiner kompromisslosen Haltung in der Bildungs-, Gesundheits- und Drogenpolitik von sich reden. In den frühen 1990er Jahren prangerten ehemalige Mitglieder des Vereins die autoritären Strukturen und den Personenkult um die Chefin Annemarie Buchholz-Kaiser öffentlich an. Unter dem steigenden Druck trat der VPM zunehmend aggressiver auf. Sektenexperten und Journalisten berichteten von Einschüchterungsversuchen, der Berufsverband Deutscher Psychologen warnte vor einem «Psychokult», der den Eindruck einer wissenschaftlichen Fachgesellschaft zu erwecken suche: «Diese sogenannte psychotherapeutische Betätigung des VPM entbehrt jedoch nach Auffassung des BDP jedweder fachlichen Grundlage.» Bis Ende der 1990er Jahre hatte der Verein schätzungsweise 700 Prozesse gegen seine Kritiker in Deutschland und der Schweiz angestrengt, die allermeisten davon gingen verloren. 2002 löste sich die Organisation offiziell auf. Die Gründe sind bis heute unklar. Vermutet wird, dass finanzielle Probleme eine Rolle gespielt haben. Nach der Auflösung zogen sich Dutzende Mitglieder in die Region Wil-Hinterthurgau zurück und pflegten dort das VPM-Gedankengut weiter. Deutlich ruhiger um den Verein wurde es nach dem Tod von Buchholz-Kaiser 2014. Das Kürzel der Sekte taucht kaum mehr auf, es schien, als wollten ehemalige Mitglieder keinesfalls mit der Organisation in Verbindung gebracht werden. Mittlerweile bröckelt diese Zurückhaltung. Das zeigte etwa der Fall Karen Nestor vor zwei Jahren. Nestor, Oberärztin am Kantonsspital St. Gallen, wurde 2016 in die Nationale Ethikkommission gewählt. Kurz darauf wurde publik, dass Nestor Mitglied der «Hippokratischen Gesellschaft Schweiz» ist. Die Vereinigung gilt als eine von mehreren VPM-Nachfolgeorganisationen. Nestor machte in ihrem Lebenslauf ihre Verbindung zur Organisation transparent. Unter «berufsfremde Zusatzausbildung» heisst es zudem: «Studienbegleitende und postgraduate psychologische Fortbildung bei Frau Dr. A. Buchholz-Kaiser und im Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis, Zürich». (ar)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.