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Der Kunstrasen wird grün: Die Firma Tisca aus Urnäsch produziert Kunstrasen ohne Granulat

Tonnenweise Granulat von Kunstrasenplätzen gelangt jedes Jahr in Bäche und Seen. Vermehrt kommt Kritik auf. Eine Alternative aus Urnäsch verspricht Abhilfe.
David Grob
Die Ausserrhoder Firma Tisca stellt in Urnäsch Kunstrasen ohne Granulat her. Seit Anfang Jahr muss der Leiter Sportbeläge, Andreas Tischhauser, mit mehr Aufträgen jonglieren. (Bilder: Ralph Ribi)

Die Ausserrhoder Firma Tisca stellt in Urnäsch Kunstrasen ohne Granulat her. Seit Anfang Jahr muss der Leiter Sportbeläge, Andreas Tischhauser, mit mehr Aufträgen jonglieren. (Bilder: Ralph Ribi)

Die Halme stehen saftig grün auf der Sportanlage Gründenmoos am Rande St. Gallens. Doch es sind keine echten Grashalme, sondern solche aus Kunststoff. Und zwischen diesen befinden sich abertausende Körnchen aus Plastik, kleiner als 5 Millimeter, und gelten damit als Mikroplastik. Verteilt auf den 64 mal 100 Metern kommen so rund 30 Tonnen Granulatkörner zusammen. 60 Tonnen insgesamt auf den zwei Kunstrasenplätze im Gründenmoos. Das Problem: Ein Teil davon könnte als Mikroplastik in Bäche, Seen und Wiesen gelangen.

Im Juni reichte Marco Fäh, St. Galler Kantonsrat der Grünen, im Parlament eine Interpellation ein. Er schreibt in seiner Interpellation:

«Wind und Wetter verfrachten das Granulat tonnenweise in unsere Bäche und Seen, von wo es in die Nahrungskette gelangt.»

«Wir essen jede Woche eine Kreditkarte Plastik», heisst es im Partei-Bulletin der Ostschweizer Grünen. Der Kantonsrat möchte von der Regierung wissen, welche Massnahmen ergriffen werden könnten, damit bei bestehenden Plätzen weniger Granulat in die Umwelt gelangt. Fäh kennt die Problematik aus erster Hand. Er ist als Leichtathletik-Trainer aktiv. «Bei verschiedenen Wettkämpfen sind mir die Körner aufgefallen und so wurde ich auf Artikel zu dieser Thematik aufmerksam.»

Mikroplastik gelangt in die Umwelt

Eine Studie der Fifa aus dem Jahr 2017 schätzt, dass 1 bis 4 Prozent des Granulats jährlich verloren geht und in die Umwelt gelangt. Jährlich sind dies bis zu 16500 Tonnen Mikroplastik. Die Studie untersuchte nur Plätze, die von der Fifa zertifiziert sind. Weltweit gibt es zehnmal mehr. Eine Studie des deutschen Fraunhofer-Instituts kommt zu ähnlichen Ergebnissen: Bis zu 8000 Tonnen Granulat gehen jährlich in Deutschland verloren, schätzt die Untersuchung.

Die deutsche «Taz» bricht die Zahlen auf ein konkretes Beispiel herunter: Wenn elf Spieler einer Fussballmannschaft nach einem Match ihre Fussballschuhe ausklopfen, bleiben 2500 Granulatteilchen zurück. Für die Schweiz fehlen indes noch Zahlen. Die Eidgenössische Materialprüfungsanstalt Empa in St. Gallen führt aber zurzeit eine Studie durch. Die Ergebnisse sollten in einigen Wochen publiziert werden.

Peter Schläpfer ist Leiter der öffentlichen Anlagen von Stadgrün St. Gallen

Peter Schläpfer ist Leiter der öffentlichen Anlagen von Stadgrün St. Gallen

Drei Tonnen neues Granulat müsse jährlich auf einen Kunstrasen gestreut werden, sagt Kantonsrat Fäh. Zahlen, die Peter Schläpfer aus seiner Erfahrung so nicht bestätigen kann. Er ist als Leiter Öffentliche Anlagen bei Stadtgrün St. Gallen für den Unterhalt der Kunstrasenplätze auf dem Gründenmoos zuständig. «Wir geben pro Jahr einen ‹Big Sack› an neuem Granulat auf einen Platz.» Dies entspricht einer Tonne. Schläpfer drückt die Halme des Kunstrasens auf dem Gründenmoos auseinander. Die Plastikkörner stecken tief zwischen dem dichten Kunststoffhalmen.

«Ich denke nicht, dass viel Granulat weggeweht wird.»

Am meisten gehe wohl im Winter verloren, wenn die Körner am Schnee haften blieben, wenn dieser vom Feld geräumt wird. «Im Frühjahr ersetzen wir das verloren gegangene Granulat.»

Kantonsrat Fäh will mit seiner Interpellation eine Diskussion anstossen. Dies ist ihm bereits ein Stück weit gelungen. Sogar nationale Medien griffen seinen Vorstoss auf, Politiker aus dem Kanton Bern und aus der Stadt Basel denken laut Fäh über ähnliche Vorstösse nach. Je nach Antwort des Regierungsrats – die Interpellation soll in der Novembersession behandelt werden – möchte Marco Fäh allenfalls auf stärkere politische Werkzeuge zurückgreifen, etwa eine Motion, und damit die Regierung verpflichten, einen Gesetz zu entwerfen.

«Eine Möglichkeit den Mikroplastik auf Kunstrasen zu verringern, wären Anreize.»

Anreize auf Plätze zu setzen, die mit «unbedenklicher Verfüllung» auskommen. Denn es gibt auch Kunstrasen, die auf Kork statt Kunststoffkörner setzen.

Das Granulat auf Kunstrasenplätzen gilt als Mikroplastik.

Das Granulat auf Kunstrasenplätzen gilt als Mikroplastik.

Ein Kunstrasen ganz ohne Granulat

Eine Alternative, die gänzlich ohne Granulat auskommt, stellt das Unternehmen Tisca her. Seit 2005 produziert der Teppichhersteller Kunstrasenteppich. Ausgangs Urnäsch liegt die Fabrikationshalle des Familienunternehmens. Im Erdgeschoss der langen Baus schiessen Nadeln mit grünen Fäden durch ein Grundgewebe und hinterlassen das, was später die Rasenhalme werden. Im oberen Stockwerk rollt der Rasenteppich über eine Länge von 300 Metern durch Walzen und Rollen, wird beschichtet, gebürstet, getestet. Der Kunstrasen wirkt etwas dichter als der Kunstrasen auf dem Gründenmoos. Dämpfung und Halt, für die beim herkömmlichen Kunstrasen das Granulat sorgt, entsteht bei Kunstrasenteppich durch krause Kunststofffasern , die zwischen den geraden Halmen liegen.

Andreas Tischhauser leitet den Bereich Sportbeläge der Firma Tisca.

Andreas Tischhauser leitet den Bereich Sportbeläge der Firma Tisca.

Seit rund einem Jahr steigt die Nachfrage rasant. «Wir erhalten doppelt so viele Anfragen wie noch vor einigen Jahren», sagt Andreas Tischhauser, der den Bereich Sportbeläge leitet. Den Grund sieht Tischhauser in der aufkommenden Debatte um Kunstrasen und Mikroplastik. Tischhauser sagt:

«Wir erhalten plötzlich Anfragen von Gemeinden, die noch vor einigen Jahren voll auf Kunstrasenplätze mit Granulatfüllung gesetzt haben.»

Nachhaltigkeit funktioniert seit der Klimakrise plötzlich als Verkaufsargument. «Vor ein paar Jahren hat sich noch niemand für den ökologischen Aspekt eines Kunstrasens interessiert», sagt Tischhauser – und freut sich über das wachsende Geschäft.

Ohne Kunstrasen geht es nicht mehr

Martin Bühler ist Ressortleiter Schule und Sport der Stadt St. Gallen.

Martin Bühler ist Ressortleiter Schule und Sport der Stadt St. Gallen.

Kunstrasen erfüllen nicht zuletzt ein Bedürfnis von Fussballvereinen. «Die Nachfrage und der Anspruch sind extrem gestiegen», sagt Martin Bühler, Ressortleiter Schule und Sport der Stadt St. Gallen. Fussball sei heute fast ein Ganzjahressport. «Ohne Kunstrasen ginge es nicht.» Denn Kunstrasenplätze, ob mit oder ohne Granulat, bieten viele Vorteile: Sie benötigen weniger Pflege, sind im Frühling früher und im Herbst länger bespielbar und fühlen sich dennoch ähnlich wie Naturrasen an. Auf Plätzen ohne Granulat ist es gemäss Bühler derzeit nicht erlaubt, Spiele in höheren Ligen durchzuführen. Er hofft durch die Debatte auf ein Umdenken bei den Fussballverbänden.

Die Debatte wird europaweit erbittert geführt. «Die EU möchte Kunstrasenplätze verbieten» hiess es in verschiedenen Medienberichten im Juli. Nach Kritik von Vereinen, Politikern und der Industrie dementierte die zuständige Stelle schnell: Man sammle derzeit nur Informationen.

Was ist Mikroplastik?

Mikroplastik ist überall – im Boden, im Wasser, im Essen. Als Mikroplastik werden Kunststoffteile bezeichnet, die kleiner als 5 Millimeter sind. Diese Definition umfasst somit auch Granulatkörner, die bei Kunstrasenplätzen verwendet werden. Doch was ist das Problem von Mikroplastik? Durch Kosmetika, Textilien oder Reinigungsmittel geraten Plastikpartikel in Gewässer und auf Felder. Dort werden sie von Lebewesen aufgenommen, lagern sich im Gewebe ab und geraten so in die Nahrungskette. Ist Mikroplastik erst in der Umwelt, kann es nicht wieder entnommen werden.
Die gesundheitlichen Auswirkungen auf den Menschen sind noch wenig erforscht. Die WHO geht nach Auswertung bisheriger Studien allerdings davon aus, dass von der derzeitigen Konzentration von Mikroplastik im Trinkwasser keine Gefahr ausgehe. Bis zu fünf Gramm der winzigen Plastikteilchen nimmt ein Mensch pro Woche auf. (dar)

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