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Der Kritiker geht

Der Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann verlässt die HSG. Seine Kritik über den Schweizer Bankenplatz löste vor gut einem Jahr heftige Auseinandersetzungen an der Universität aus. Kritisch ist er geblieben: «Man exponiert sich an der HSG nicht gerne gegen den Zeitgeist. Das tun nur wenige.» Bruno Scheible

Herr Thielemann, Sie sitzen auf gepackten Koffern, in den nächsten Tagen ziehen Sie um nach Berlin. Was sagen Sie der HSG zum Abschied?

Ulrich Thielemann: Ich sage: Auf Wiedersehen!

Mit Blick worauf?

Thielemann: Die HSG hat eine Pionierleistung erbracht, indem sie der Wirtschaftsethik eine Chance gegeben hat und sie weiterhin gibt. Über viele Jahre und insbesondere durch Peter Ulrich ist ein Ansatz der Wirtschaftsethik entwickelt worden, der seinesgleichen sucht.

Allerdings hat man diese Leistung an der Universität nicht wirklich geschätzt – in ihrem Gewicht hat man sie nicht erkannt oder erkennen wollen.

Am 25. März 2009 kritisierten Sie in Berlin vor deutschen Parlamentariern den Schweizer Bankenplatz. Auf dem Rosenberg lösten Sie damit heftige Auseinandersetzungen aus. Was wirkt bei Ihnen nach?

Thielemann: Geblieben ist immer noch ein bisschen die Fassungslosigkeit.

Ich kann glasklar sagen und dazu stehen: Es war richtig, dass ich da hingefahren bin, und die Stellungnahme war wichtig und angemessen. Ich bin zwischenzeitlich zu einem anderen Thema und diesmal übrigens von der CDU erneut nach Berlin eingeladen worden. Solche Einladungen sind eine Auszeichnung.

Ihre schärfsten Kritiker in St. Gallen sahen es anders: Thielemann müsse entlassen werden, zumindest als Professor und Institutsleiter sei er auf keinen Fall tragbar. Enttäuscht darüber, dass Sie das Institut, in welchem Sie als stellvertretender Direktor gearbeitet haben, nun nicht leiten werden?

Thielemann: Natürlich war ich enttäuscht, dass ich noch nicht einmal zu den Probevorträgen eingeladen worden bin, dass man mir die Chance nicht gegeben hat, meine Vision einer integrativ verstandenen Wirtschaftsethik, die nicht einfach neben den Kernfächern thematisiert, darzulegen.

Aber rechnen mussten Sie damit.

Thielemann: Sicherlich, die HSG tickt so wie sie tickt. Leider ist die Chance verpufft, hier bleiben und gewissermassen das Lebenswerk von Peter Ulrich weiterführen zu können. Das habe ich geahnt, so ist die Enttäuschung dem Realismus gewichen.

An der HSG wird seit der Finanzkrise immer wieder mal darauf hingewiesen, wie wichtig auch eine Debatte über Management-Vorstellungen sei. Was halten Sie von solchen Äusserungen?

Thielemann: Ehrlich gesagt nicht viel. Man müsste in einem solchen Fall schon tiefer über die Bücher gehen. Zwar kann man nicht pauschal von der HSG sprechen, ist sie doch gar nicht so wenig pluralistisch. Aber am Ende gibt es dann doch eben den Geist der HSG.

…der sich Ihrer Ansicht nach worin zeigt?

Thielemann: Zum Beispiel darin, dass jene Leute, die den «mainstream» nicht besonders stark vertreten, sich nicht getrauen, sich öffentlich zu äussern.

Man exponiert sich an der HSG nicht gerne gegen den Zeitgeist. Das tun nur wenige.

Dann kritisieren Sie doch mal!

Thielemann: Ich zitiere, weil es das Ganze gut zusammenfasst, immer einen Satz, der auf der Webseite des Weiterbildungszentrums steht: «In unserem Programm dreht sich alles um Ihren Erfolg.» So etwas darf eine Universität niemals schreiben, das widerspricht dem Geist einer Universität frontal.

Die Unbedingtheit des Erfolgs – Gewinn ist natürlich damit gemeint – tritt hier an die Stelle vorbehaltloser Erkenntnissuche.

Welche Konsequenzen wären Ihres Erachtens denn daraus zu ziehen?

Thielemann: Wir müssten uns von der Gewinnmaximierung – nicht vom Gewinnstreben – verabschieden.

Wenn ich den Studierenden sage, Gewinnmaximierung sei unter gar keinen Umständen rechtfertigungsfähig, dann antworten sie mir: «Aber das wird uns doch den ganzen Tag beigebracht. Es wird uns doch nur gesagt, wie man Gewinne steigert.» Das ist übrigens ein generelles Problem des Ökonomiestudiums und nicht auf die HSG beschränkt.

Sie fordern sehr viel, nämlich nicht mehr und nicht weniger als einen grundlegenden Wandel.

Thielemann: Zumindest müsste man doch den Willen haben, das Gewinnprinzip zu hinterfragen. Dabei könnte man dann auf die Arbeiten der St. Galler Wirtschaftsethik zurückgreifen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen ist aber an der HSG kaum jemand nur schon daran interessiert, die Pointe der integrativen Wirtschaftsethik zu verstehen. Man könnte sie ja dann im wissenschaftlichen Disput zurückweisen.

Aber um den Geist der Wissenschaft ist es meines Erachtens schlecht bestellt, nicht nur an der HSG. Daher meine Skepsis über eine Neuorientierung. Sie müsste damit beginnen, das Prinzip der Gewinnmaximierung zu entthronen.

Doch hiesse das in der Folge auch, sich von einigen wirtschaftlichen Kräften zu distanzieren, die wir da so draussen in unserer Welt finden.

Thielemann: Ja, das hiesse es. Vermutlich fehlt der Mut.

Es gehörte sich eigentlich für eine Universität, diese wissenschaftliche Unabhängigkeit zu zeigen, diese Vorbehaltlosigkeit, mit der man sich solchen Fragen widmet – statt «alles um den Erfolg drehen» zu lassen.

Fast zwanzig Jahre haben Sie an der Universität gearbeitet. Professor sind Sie nicht geworden, dafür am Ende über St. Gallen hinaus bekannt. Was mag hier über Sie erinnerlich bleiben?

Thielemann: Vermutlich denken viele: Das ist ja ein Linker, damit muss man sich also nicht auseinandersetzen. Tatsächlich habe ich festgestellt, dass man meiner Arbeit ausserhalb der etablierten Wissenschaft deutlich interessierter gegenübertritt. Es kamen beispielsweise Einladungen von Banken, kirchlichen Organisationen, Kunsthochschulen.

Nun ziehen Sie nach Berlin: Was erwartet Sie dort?

Thielemann: Viel Arbeit. «MEM» – Menschliche Marktwirtschaft – nenne ich das Berliner Institut für Wirtschaftsethik, das ich aufbauen will. Dieser Think Thank, der privat wie öffentlich finanziert werden soll, ist meine neue Herausforderung.

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