Der Karfreitag ist zum Shoppen da

Janina Gehrig
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Etwa die Hälfte der Messepark-Besucher stammt aus der Schweiz. (Bild: Janina Gehrig (Dornbirn, 30. März 2018))

Etwa die Hälfte der Messepark-Besucher stammt aus der Schweiz. (Bild: Janina Gehrig (Dornbirn, 30. März 2018))

Karfreitag Nach dem Zoll geht es mit Tempo 8 durch Lustenau. Die Stimme aus dem Autoradio erinnert gerade daran, dass Jesus am Kreuz gestorben ist. Es ist Karfreitag. In der Schweiz sind die Läden zu. Ruhe in den Gassen, Stille an den Kassen. Nicht so in Österreich, wo der Feiertag keiner ist und die Shoppingcenter mit «sensationellem Frankenkurs, Rückerstattung der Mehrwertsteuer und vignettenfreier Anfahrt» locken. Wenigstens, so verrät die Radiostimme weiter, ergeht es jenen nicht besser, die Richtung Süden fahren: acht Kilometer Stau vor dem Gotthardtunnel.

Bis zu 30 000 Besucher sind es bis am Abend

Vor dem Messepark in Dornbirn sind gegen zehn Uhr schon alle Parkplätze belegt. Die Einkaufstouristen kommen aus St. Gallen, Appenzell, Bern, Basel und Zürich. Bis am Abend werden bis zu 30 000 Menschen hier gewesen sein. Die Drehtüre schleust sie ununterbrochen in die Welt der Waren ein. Neonröhrenlicht, ­Parfumwolken, Kindergeschrei, Lautsprecherdurchsagen für Falschparker. Männer in Leuchtwesten, die ineinandergescho­bene Einkaufswagen durch die Gänge manövrieren. «Heute drei für zwei!», schreit es auf den Plakaten. Es gibt Häppchen zu probieren und Roboter-Osterhasen auf Kunstrasen zu bestaunen, die Pflanzen giessen. «Jetzt gehen wir nochmals ins Uhrengeschäft, ja?», versucht eine Mutter ihr Kind zu begeistern.

Und so fahren sie, in schulterfreien Tops und Plateauturnschuhen, die Rolltreppen rauf und wieder runter, mal mit Pappbechern in der Hand, mal mit Brezel. Die einen Hundeleinen ziehend, die anderen Kinderwagen schiebend – und alle behangen mit immer mehr Taschen. Da ­fallen jene auf, die an den Blechtischchen zwischen den Läden sitzen. Es sind fast ausschliesslich Männer mit verschränkten Armen, die ins Leere starren, dazwischen auf die Uhr. Sie reiben sich die Schläfen. «Ich fühle mich wie bei ‹Shopping Queen›», sagt eine junge Frau, als ihr die Verkäufern Bluse und Blazer reicht. «Nur das Geld fehlt uns», scherzt ihre Mutter. Im Drogeriemarkt nebenan suchen drei Generationen einer Familie nach dem perfekten Beissring für das Baby, welches im Wagen liegt. «Aber er hat ja noch gar keine Zähne», bemerkt die Mutter plötzlich.

«Wir sind halt nicht so religiös»

Warum sie hier sind? «Gestern war der Rheinpark zu, als wir hinwollten», sagt ein Mann aus Goldach. Was sie benötigen? «Nichts wirklich. BH», sagt seine Freundin. Es klingt fast entschuldigend. «Wir wollten über die Feiertage etwas unternehmen. Wir sind halt nicht so religiös.»

Familie Müller aus dem Appenzellerland ist mit vier Kindern gekommen. «Wir haben in der Zeitung gesehen, dass offen ist. So dachten wir ‹Gömmer mol›.» Die Osterhasen haben sie aber in der Schweiz gekauft. Zwei 26-Jährige aus Balgach haben ihren Einkaufswagen mit Tiefkühlpizzen, Coca-Cola und Mohrenbräu randvoll beladen. Sie betonen, sie kämen nur selten zum Einkaufen über die Grenze.

Hinter der Glasdecke zeigt sich ein fast wolkenloser Himmel. Esther Muxel vom Blumentreff Karg schneidet Chrysanthemen zurecht. «Hätte ich frei, würde ich rausgehen», sagt sie. Nach dem Mittag fange der Trubel erst so richtig an. Das bestätigt der Sicherheitsmann, der den Verkehr beobachtet. «Es ist wie an Weihnachten. Da drehen sie genauso durch», sagt seine Kollegin.

Aus dem Autoradio spricht jetzt der Basler Münsterpfarrer. Was es mit den Menschen macht, die nicht mehr an das Leben nach dem Tod glaubten? «Sie packen ihr Leben voll, als hätten sie nur diese eine Chance.» Vollgepackt wie die Autos, wenn sie das Land der unbegrenzten Einkäufe wieder verlassen.

Janina Gehrig

janina.gehrig@ostschweiz

-am-

sonntag.ch