Der Justizdirektor und der Teppichverkäufer

Von einem Kellner in Mels erzählte Fredy Fässler, St.

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Fredy Fässler und Farshad Lak im Gespräch im Palace. (Bild: Raumsinn/Dani Fels)

Fredy Fässler und Farshad Lak im Gespräch im Palace. (Bild: Raumsinn/Dani Fels)

Von einem Kellner in Mels erzählte Fredy Fässler, St. Galler Sicherheits- und Justizdirektor, am Mittwoch an der Buchvorstellung von Kaspar Surbers Migrationsbericht «An Europas Grenze» im Palace; von einem Kellner und Asylbewerber, dem die Ausschaffung drohte und um den er sich als Anwalt kümmern sollte – auf Bitten von rechtsbürgerlichen Kantonsräten. Die hatten den Fremden in ihrer Beiz als «besonders Netten» wertschätzen gelernt, dieselben Politiker, von denen sich Fässler im Rat «regelmässig fremdenfeindliche Äusserungen anhören musste». Fässler erwähnte den Fall als Lehrstück einer guten Konfrontation: Nur die direkte Begegnung, die persönliche Wahrnehmung eines Schicksals könne möglicherweise einen Umschwung der öffentlichen Meinung herbeiführen. Noch immer nämlich herrsche im ländlichen Kanton St. Gallen eine ausländerfeindliche Grundstimmung, wie sie Fässler in seinem Wahlkampf ungefiltert zu spüren bekam.

Eine Folge auch von geschürter Angstmacherei – während in der Schweiz der Teufel an die Wand gemalt wird, ist an Europas Grenze wahrlich «der Teufel los», wie Moderator Stefan Keller sagte; die Vorstellung sei unerträglich, dass dort in diesem Moment Menschen ertrinken oder sonstwie ums Leben kommen; 2011 forderte die Grenzziehung 2000 Tote. «Fliehen ist ein schweres Schicksal», betonte Layla Kanyare, Pflegefachfrau und im Kanton gefragte Dolmetscherin, die 1991 mit ihrer Familie aus dem kriegsversehrten Somalia via Kenia und Italien in die Schweiz geflüchtet war. Ein grosses Glück; sie sei sehr gut aufgenommen worden, von einer «Schweiz, die viel offener war als heute».

Beklemmend schilderte der 25jährige Iraner Farshad Lak seine lebensgefährliche Flucht über die Türkei nach Griechenland, bis er 2009 auf dem Flug nach Kanada in Kloten inhaftiert wurde. Nicht mit den Schweizern, aber mit ihren staatlichen Ämtern habe er Probleme, erzählte Lak: «Die sagten nur Nein und Tschau.» Dabei sei sein Vater in Iran getötet worden und sein Bruder verschwunden. Der verworrene Fall des abgewiesenen Teppichverkäufers, der seit einem Jahr in Bühler von der Nothilfe lebt, liess das gut hundertköpfige Publikum ratlos zurück.

Der St. Galler SP-Regierungsrat wird dem vom Solidaritätsnetz betreuten Mann kaum helfen können. Aber er war sich mit dem Buchautor einig, dass eine künftige Migrationspolitik nicht mit Zäunen und Abschottung gemacht werden kann. Sondern, wie sie Surber skizzierte, als «Bewegung mit gemeinsamer Zukunft», an deren Horizont eine globale Bewegungsfreiheit aufscheine. Draussen war eine garstige Regennacht angebrochen, aber die Diskussionen zeugten von Aufhellungen. Wider alle diffus-düsteren Ängste. (mel)