Der Jäger der verlorenen Notenschätze

Hanspeter Schär weckt Werke aus der Musikbibliothek des Klosters Einsiedeln aus ihrem Dornröschenschlaf.

Inka Grabowsky
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Hanspeter Schär hat 31 Werke transkribiert und zur Aufführung gebracht.

Hanspeter Schär hat 31 Werke transkribiert und zur Aufführung gebracht.

Andrea Stalder

  
Seinen vorerst letzten öffentlichen Auftritt als Musiker hat Hanspeter Schär absolviert. Über Jahrzehnte hatte der Kreuzlinger als Chorleiter, Flötist und Sänger das Kulturleben in der Ostschweiz mitgeprägt. Nun will er sich aus gesundheitlichen Gründen von der Bühne zurückziehen – nicht jedoch von seinem Engagement für vergessene Kompositionen aus vergangenen Jahrhunderten.

Schär war Mitte der 1980erJahre in seiner Funktion als Musiklehrer am damaligen Semi – der heutigen PMS – auf die ­Musikbibliothek des Klosters Einsiedeln gestossen. Er brauchte Themen für Maturaarbeiten. Das riesige Lager voller Noten wirkte auf ihn so faszinierend wie auf seine Schüler. Bis zu seiner Pensionierung 2008 arbeiteten die Examenskandidaten fünf Mal je ein Werk auf. Schär selber hat bislang bereits 31 Musikstücke transkribiert und zur Aufführung gebracht.

Drei Wochen Arbeit für ein siebenminütiges Werk

«Mir ging es anfänglich darum, der Kirchenmusik neue Impulse zu geben», sagt Hanspeter Schär. «Es gibt neben den wunderschönen Mozartmessen noch so viel Wertvolles aus dieser Zeit.» Inzwischen hat er sein Repertoire auf Orchesterwerke und Kammermusik erweitert. «Ich vollbringe bei der Übertragung keine künstlerische Leistung. Ich kopiere sie nur mit unseren technischen Möglichkeiten in die heutige Lesart.» Trivial ist das nicht: An einem siebenminütigen Werk sitzt er schon mal drei Wochen, bis er alles entziffert hat. Die Noten auf den 200 oder 300 Jahre alten Blättern sind zum Teil dicht gedrängt, um kein Papier zu verschwenden. Mitunter drücken die mit der Hand geschriebenen Noten auf die Vorderseite des Blattes durch. Dann ist Spürsinn gefordert. «Mich haben immer nur Handschriften interessiert, weil da die Chance grösser ist, dass sie noch nicht so verbreitet sind.» Anfangs sei er gelegentlich noch reingefallen: «Ich glaubte, etwas Neues entdeckt zu haben und musste dann feststellen, dass die Musikstücke schon publiziert waren. Damals konnte man ja nicht einfach auf das Internet zurückgreifen.»

Voller Bewunderung für die «Kleinmeister»

Zwei Dutzend Werke warten in seinem Arbeitszimmer noch auf die Bearbeitung. «Es gibt auch welche, die ich zur Seite lege, weil sie einfach nicht spannend genug sind.» Meist jedoch ist er voller Bewunderung für die musikalischen Ideen der sogenannten Kleinmeister, die neben den Grossmeistern wie Mozart oder Haydn ein bisschen untergingen. «Sie schufen Gebrauchsmusik für Auftraggeber in Kirche oder Adel und nutzen die gleichen Stilelemente wie die Stars unter den Komponisten. Zum Teil sind sie wahnsinnig gut, aber eben nicht so brillant.» Bisher hat Schär mindestens einmal im Jahr bei der adventlichen Chorwoche Laudinella in St. Moritz eines seiner Fundstücke aufgeführt. Inzwischen hat er die Leitung des Chores abgegeben. Sein Nachfolger wird wohl die neu gefundenen Werke übernehmen, so dass die alten Noten weiterhin mit neuem Leben erfüllt werden.

Musikbibliothek im Kloster Einsiedeln

Über 50000 Titel umfasst der Bestand in Einsiedeln – und zwar nur aus der Zeit nach 1500. Ältere Manuskripte aus der über tausendjährigen Geschichte des Klosters werden gesondert aufbewahrt. Die gedruckten oder handschriftlichen Notenblätter stammen unter anderem von komponierenden Mönchen, aus der klostereigenen Schule in Bellinzona, aus engen Kontakten zur Benediktinerklöstern in Salzburg, aus Sammlungen von aufgehobenen deutschen Klöstern und aus Vermächtnissen. Die allein 5000 Handschriften aus der Zeit zwischen 1600 und 1800 sind in einem Katalog aufgeführt, um sie Musikern wie Hanspeter Schär leichter zugänglich zu machen. (igr)