«Der Hund ist keine Zuchtmaschine»: Während Corona ist die Ostschweiz auf den Hund gekommen

Züchter werden von Anfragen überhäuft und der Tierschutz sorgt sich: Während des Coronasommers haben sich viele Schweizer einen Hund angeschafft. Die Folgen dieses Sommer-Trends sind ungewiss.

Saskia Ellinger
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Das Objekt der Begierde im Sommer 2020: der Hund.

Das Objekt der Begierde im Sommer 2020: der Hund.

Bild: (Alfred Nesswetha) 21.08.2010

Die Zahl der neu registrierten Hunde in der Schweiz steigt jährlich an. Doch dieses Jahr wurde seit Beginn der Coronapandemie ein neuer Hunde-Höchstwert an erreicht: Im August 2020 lebten 524'239 Hunde in der Schweiz, im Vorjahr waren es noch 517'706. Das macht einen Zuwachs von rund 6500 Hunden seit dem letzten Jahr. Zum Vergleich: 2019 stieg die Zahl der Hunde um insgesamt rund 5400 an.

In den Ostschweizer Kantonen St. Gallen, Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden sowie Thurgau wurden seit August 2019 insgesamt 842 Hunde neu beim Veterinäramt angemeldet. Im kantonalen Vergleich ein eher geringer Wert: Im Kanton Zürich wurden beispielsweise seit dem Vorjahr rund 1950 Hunde neu registriert, in Genf rund 1000 Hunde.

So viele Hunde wurden in der Ostschweiz neu registriert

Die prozentuale Veränderung der Hunderegistrierungen im Vergleich zum Vorjahr, ausgehend von 2017.
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Wie die Grafik zeigt, gibt es aber auch in den Ostschweizer Kantonen einen leichten Corona-Effekt. In Appenzell Innerrhoden wurden bis August 2,7 Prozent mehr Hunde als im Vorjahr registriert. Im Thurgau betrug das Wachstum 2,4 Prozent, Kanton St.Gallen 1,2 Prozent und in Appenzell Ausserrhoden lediglich 0,5 Prozent. Insbesondere die beiden Appenzell hatten in den Vorjahren allerdings teilweise deutlich höhere Wachstumsraten.

Der Hundekauf als Mittel zum Zweck

Vor allem zur Zeit des Lockdowns, also im Frühjahr und Frühsommer, wurden die meisten Hunde neu registriert. Laut der Tierstatistik-Plattform «Identitas» ist dies allerdings nicht ungewöhnlich: Auch in den letzten Jahren zeigten sich die meisten Neuregistrierungen in den warmen Jahreszeiten. Jedoch sind die Zahlen dieses Jahr deutlich höher als im Vergleich zu den vorigen Jahren.

Der Hundetrend hat laut der Hundezüchterin Regula Lanz aus Rorschacherberg mehrere Gründe: die Einsamkeit während des Lockdowns, keine sinnvolle Beschäftigung, mehr Zeit zu Hause durch das Homeoffice, oder ein Vorwand, um das eigene Haus zu verlassen. Zudem trägt laut Lanz die allgemeine konsumorientierte Haltung der Gesellschaft dazu bei, dass Tiere als Gebrauchsgegenstand betrachtet werden, die als Mittel zum Zweck dienen, beispielsweise gegen die Langeweile während des Coronalockdowns.

Durch Importstopp waren Züchter gefragt

Vor allem die Hundezüchter spürten die erhöhte Nachfrage während des Coronasommers. «Im Vergleich zum Vorjahr wurde ich mindestens doppelt so häufig kontaktiert», sagt die Hundezüchterin Regula Lanz. Der Grund für die erhöhte Nachfrage bei Züchtern ist laut Lanz der Rückgang der importierten Hunde im Frühjahr 2020. Während im April 2019 noch 2135 Hunde in die Schweiz kamen, waren es im April dieses Jahres 848 Hunde, was der niedrigste Wert seit vielen Jahren ist.

Kaum waren die Grenzen wieder geöffnet, kam es dieses Jahr auch zu einem Rekordhöchstwert beim Import von Hunden: Im August kamen 2870 Hunde vom Ausland in die Schweiz, so viele wie nie zuvor.

«Der Hund ist keine Zuchtmaschine »

Wegen der gestiegenen Nachfrage trotz Importbeschränkungen springen die Schweizer Züchter in die Bresche. Laut Nicole Rohner, Präsidentin vom Tierschutz Rheintal, wird dadurch schlimmstenfalls die Schwarz- und Privatzucht gefördert, welche sich nicht an die Vorgaben des Schweizer Hundezüchter-Reglements halten. Rohner sagt:

Nicole Rohner, Präsidentin vom Tierschutz Rheintal

Nicole Rohner, Präsidentin vom Tierschutz Rheintal

Bild: PD
«Auch unerfahrene Menschen zeigen plötzlich mehr Interesse an der Zucht.»

Laut Rohner gibt es vermehrt Nachfragen nach fortpflanzungsfähigen Tieren im Tierheim. Die Nachkommen dieser Tiere werden dann privat verkauft, unter anderem über Bekanntschaften und das Internet. Durch diese Privat- und Schwarzzucht entsteht laut Rohner eine Dunkelziffer an nicht registrierten Tieren. Dazu sagt Rohner:

«Es ist eine Katastrophe! Der Hund ist keine Zuchtmaschine.»

Doch das Tierheim macht nicht mit: Beim Erwerb eines Tieres wird die Sterilisation beziehungsweise Kastration vertraglich geregelt. Jedes Tier – bis auf wenige Ausnahmen – werde entweder fortpflanzungsunfähig abgegeben, oder müsse nachweislich vom Tierarzt unfruchtbar gemacht werden.

Wenn der Hund wieder gehen muss

Laut Rohner könne es in der kommenden Zeit auch wieder vermehrt Abgaben von Hunden in Tierheimen geben. Die Besitzer würden mit der Zeit erkennen, dass der Hund täglich Zeit beansprucht, Kosten verursacht und ein Hundeleben die Coronazeit überdauern kann.

Um das Aussetzen und Zurücklassen von Hunden einzuschränken, wurde daher die Registrierungspflicht für Hunde eingeführt, die auch das Chippen inkludiert. Laut Rohner wurden seit Einführung dieser Regelung deutlich weniger Hunde im Rheintal ausgesetzt. Offizielle Züchter sind bei der Abgabe von Hundewelpen auch zur Registrierung verpflichtet.

Winterpause beim Welpenkauf

Fraglich ist, wie diese Entwicklung weitergehen wird. Laut den statistischen Daten der vorigen Jahre gab es tendenziell in den Monaten von November bis Januar einen Einbruch der Registrierungen von Hunden. Es wird sich also in den nächsten Monaten zeigen, ob der Trend auch winterfest ist.

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