Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Der Hitzesommer macht den Wahlherbst — St.Galler Grüne und Grünliberale streben je einen Sitz in Bern an

Die Rekordtemperaturen verleihen den grünen Parteien Auftrieb. Auch in St.Gallen strotzen Grüne und Grünliberale vor Selbstbewusstsein. Das Ziel ist klar: Sie wollen je einen Sitz in Bern erobern. «Alles andere wäre eine herbe Enttäuschung», sagt Thomas Schwager, Präsident der St.Galler Grünen.
Noemi Heule
Die Grünen setzten bereits beim nationalen Kampagnenstart im Januar auf das richtige Sujetke. (Bild: Urs Flüeler/Keystone)

Die Grünen setzten bereits beim nationalen Kampagnenstart im Januar auf das richtige Sujetke. (Bild: Urs Flüeler/Keystone)

Der vorerst heisseste Tag ist vorbei, eine Kaltfront kühlt die erhitzte Schweiz ab. Und doch dürften die Hitze-Höchstmarken der vergangenen Tage die Parteien weiterhin ins Schwitzen bringen. Alle ausser jene in Grün. Für die Grünen und Grünliberalen ist der erneute Rekordsommer nämlich vor allem eines: Gratiswerbung.

Wenn der bisher wärmste Juni abgelöst wird vom bisher heissesten Julitag, klopft der Klimawandel den Schweizerinnen und Schweizern sozusagen an die Haustür. Schmelzende Polkappen oder untergehende Südseeinseln sind weit weg. Nicht aber Tropennächte in St. Gallen, Trockenheit im Thurgau oder Zugausfälle in Zürich, weil sich Schienen verbiegen.

Thomas Schwager, Präsident der St.Galler Grünen (Bild: Regina Kühne)

Thomas Schwager, Präsident der St.Galler Grünen (Bild: Regina Kühne)

Freuen will man sich bei den Grünen, die das Klima bereits Anfang Jahr zum Wahlthema erkoren haben, freilich nicht über die neuerlichen Wetterkapriolen. «Das wäre zynisch», sagt Thomas Schwager, Präsident der St. Galler Kantonalpartei. Keinesfalls komme der Hitzesommer just vor dem Wahlherbst zur richtigen Zeit, vielmehr komme die Reaktion auf den Klimawandel spät. «Man hat es verpasst, rechtzeitig zu handeln», sagt er. Er ist sich sicher: Könnte er wählen zwischen drei zusätzlichen Nationalratssitzen für die Grünen oder dem Stopp des Klimawandels, er würde Letzteres wählen.

Ähnlich tönt es bei den Grünliberalen. Dennoch: «Die hohen Temperaturen steigern das Bewusstsein, dass der Klimawandel ein reales Problem ist», sagt Nadine Niederhauser, Präsidentin der St. Galler GLP und Nationalratskandidatin. «Man soll sich aber nicht nur beklagen, sondern auch wählen ­gehen».

Kein kurzfristiger Fukushima-Effekt

Dass eine Hitzeperiode das politische Klima kippen kann, hat das vergangene Jahr gezeigt. Zusammen mit den streikenden Jugendlichen brachte er das Thema Klima auf die politische Agenda und trat in den Kantonen die «grüne Welle» los. Keine Partei konnte in den Kantonsparlamenten mehr zulegen als die Grünen, zuletzt triumphierten sie in Zürich, Luzern und Baselland. In ihrem Windschatten reüssierten auch die Grünliberalen. Selbst ein kühler Sommer könne die Grünen nicht mehr aufhalten, prognostizierte im Frühling die Forschungsstelle Sotomo. Doch dazu kam es nicht.

Der Rekordsommer unterstreiche die damalige Prognose, sagt Politologe Michael Hermann. «Er kommt jenen zugute, die ohnehin auf dem Vormarsch sind.» Die Bevölkerung sei besorgt über den Klimawandel, wie Umfragen zeigten. Während der Hitzesommer 2003 oder 2015 keinen derartigen Effekt lostrat, habe das Thema nach einer mehrjährigen «Klimapause» nun einen Nerv getroffen. Und sich fest in die politische Agenda eingebrannt.

Die Grünen müssen deshalb nicht befürchten, dass ihnen dasselbe Szenario droht wie 2011, als der Fukushima-Effekt nach nur wenigen Monaten verpuffte. Die Atomkatastrophe im März gab den Anti-AKW-Parteien zwar kurzfristig Aufwind, dieser hielt jedoch nicht bis zu den nationalen Wahlen an.

«Fukushima war für viele ein Schock, die Katastrophe wurde allerdings nicht als globale Bedrohung wahrgenommen», sagt Hermann. Der Klimawandel dagegen werde als existenzielles Problem angesehen. Hermann spricht von einem langfristigen Wertewandel in der Gesellschaft. Auch die Parteipräsidenten setzen darauf, dass das politische Klima anhält. «Es wird immer schwieriger, die Klimaerwärmung abzustreiten oder das Thema in die links-grüne Ecke zu stellen», sagt Thomas Schwager. Dies zeige nicht zuletzt die Klima-Kehrtwende der FDP.

Eine vergangene Niederlage wettmachen

Nadine Niederhauser, Präsidentin der St.Galler Grünliberalen (Bild: Benjamin Manser)

Nadine Niederhauser, Präsidentin der St.Galler Grünliberalen (Bild: Benjamin Manser)

Hitzesommer hin oder her, nachdem die grüne Welle in diesem Jahr fast die ganze Schweiz erfasste, strotzt man auch in St. Gallen vor Selbstbewusstsein. Das Ziel ist klar: Grüne und Grünliberale wollen je einen Sitz erobern. «Alles andere wäre eine herbe Enttäuschung», sagt Thomas Schwager. Schweizweit wollen die Grünen bis zu fünf Sitze zulegen. Die diesjährigen Nationalratswahlen sollen eine vergangene Niederlage wettmachen. Vor vier Jahren gehörten die grünen Parteien zu den grossen Verlierern. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise dominierte das Thema Migration die Wahlen – und machte die SVP zur Siegerin. In St. Gallen mussten Grünliberale und Grüne ihren Sitz abtreten. Beide sprechen vier Jahre später denn auch von einer Rückeroberung ihrer Sitze.

Nach der Migration steht nun das Klima zuoberst auf der Prioritätenliste der Wählerinnen und Wähler. «In der Schweiz werden nicht Köpfe, sondern Themen gewählt», sagt Michael Hermann. Konkurrierende Themen hätten an Bedeutung verloren, etwa die Eurokrise oder der Terrorismus. Das Pendel dürfte deshalb in die andere Richtung ausschlagen. Er rechnet damit, dass die Grünen zum grossen Sieg auflaufen, gefolgt von den Grünliberalen. Zu den Verlierern dürfte, wie auch in den Kantonen, die SVP gehören. Auch wenn der Wahlkampf laut Hermann nur eine untergeordnete Rolle spielt, sei es wichtig, Präsenz nun zu zeigen.

Grüne und GLP wollen die Arbeit denn auch nicht dem Wetter überlassen, das ihnen derzeit Auftrieb verleiht. «Wir führen Wahlkampf wie eh und je», heisst es. Die Gratiswerbung können die beiden Kleinparteien dennoch gut gebrauchen, verfügen sie mit je rund 100 000 Franken doch über ein vergleichsweise bescheidenes Budget. Die Grünen setzen auf Standaktionen und eine Wahlzeitung, die Grünliberalen haben diverse Aktionen geplant. Spitzenkandidat Pietro Vernazza etwa tourt bald mit dem Velo durch den ­Kanton.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.