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Sie spannt mit Ganser zusammen: Der hellste Stern am Esoterik-Himmel kommt aus dem Toggenburg

Christina von Dreien aus dem Toggenburg behauptet, mit Toten und Tieren sprechen zu können. Sie ist erst 17 und die erfolgreichste Esoterikerin im Land. Jetzt macht sie gemeinsame Sache mit dem umstrittenen Historiker Daniele Ganser.
Katharina Brenner
Christina von Dreien und Daniele Ganser füllen bei Vorträgen jeweils Säle. Hinter von Dreiens Erfolg steckt ihre Mutter Bernadette Meier. (Illustration: Florian Raatz)

Christina von Dreien und Daniele Ganser füllen bei Vorträgen jeweils Säle. Hinter von Dreiens Erfolg steckt ihre Mutter Bernadette Meier. (Illustration: Florian Raatz)

Christina von Dreien sitzt im Schneidersitz auf einem Gartenstuhl, das blonde Haar engelsgleich gewellt. Gegenüber sitzt breitbeinig Norbert Brakenwagen. Er moderiert auf «Schweiz 5» die Sendung «Time to be», in der er Sektenvertretern und Scharlatanen eine Plattform gibt. Und Christina von Dreien. Das Video ist keinen Monat alt und wurde bereits über 110'000 mal aufgerufen – wie viele andere Videos der 17-jährigen Toggenburgerin. Warum?

«Junge Menschen sind in der Esoterik-Szene beliebt», sagt Georg O. Schmid, Leiter der Evangelischen Informationsstelle Kirchen-Sekten-Religionen Relinfo. Was sie sagen, gelte als unverdorben und Wahrheit. Christina von Dreien knüpfe an die Hoffnung der Menschen auf ein neues Zeitalter an. Das Jahr 2000 kam und das Jahr 2012, in dem ein Zyklus im Maya-Kalender endete. Doch das Leben ging weiter wie gehabt. Die Enttäuschung darüber sei in der Esoterik-Szene gross, sagt Schmid. «Christina von Dreien prophezeit eine ökologischere und gerechtere Welt. Das spricht viele Enttäuschte an.»

Das Pseudonym rührt vom Weiler Dreien her

Sie sei Teil einer Gruppe von Kindern aus höheren Sphären, die der Menschheit dienen – nichts Geringeres behaupten Christina und ihre Mutter Bernadette von Dreien. Das Pseudonym rührt vom Weiler Dreien her, der zu Mosnang gehört. Dort lebt Bernadette Meier, wie sie bürgerlich heisst, mit Tochter Christina, und dem 15-jährigen Sohn Mario. Sohn und Vater – die Eltern sind geschieden – halten sich aus dem lukrativen Kindergenie-Geschäft heraus. Christinas Mutter holte früher als Spitzensportlerin im Langstreckenlauf Meistertitel, heute betreibt sie eine Naturheilpraxis und vermarktet ihre Tochter. Diese hat die Schule abgeschlossen und «lebt jetzt ihre Berufung». Christina von Dreien sei jedoch kein Guru, der auf Kosten seiner Anhänger in Luxus lebe, sagt Schmid.

«Die Gefahr der Gemeinschaftsbildung besteht bisher nicht.»

Wofür steht Christina von Dreien? Die Liste ihrer angeblichen Begabungen ist lang: Hellsichtigkeit, Telepathie, Tierkommunikation, Jenseitskontakte. Ihre Zwillingsschwester Elena, die als Säugling starb, begleite sie «als feinstoffliches Wesen» auf Schritt und Tritt. Das erzählt die Mutter in den zwei Bänden über Christinas Leben, ein dritter ist in Vorbereitung. Gut möglich, dass er es wie die ersten beiden auf die Bestsellerliste schafft mit Sätzen wie Kalendersprüche und Aussagen, so vage, dass für viele etwas dabei ist.

Schulprojekt und Stiftung sind in Planung

Mutter und Tochter verfolgen ein Schulprojekt und die Gründung einer gemeinnützigen Stiftung, die kurz bevorstehe. Die Stiftung bezwecke, den Bewusstseinswandel zu fördern, aus dem sich «nachhaltiger individueller und kollektiver Frieden» ergebe, sagt Meier. Projekte in der pädagogischen Entwicklung sollen unterstützt werden. Viel konkreter wird sie nicht. Auch nicht bei der geplanten Privatschule im Kanton St.Gallen. Im ersten Buch ist von einem «optimierten Schulsystem» die Rede mit Fächern wie Mathematik und Geschichte und zusätzlichen wie ­«Höherdimensionales».

Dieses Wochenende treten Christina von Dreien und Daniele Ganser unter dem Motto «Bewusstsein schafft Frieden» in Bern auf. Zweifel gegenüber Wissenschaft und Institutionen eint von Dreien und Ganser, die sonst ein ungleiches Paar abgeben: Die ausdruckslose 17-Jährige, die behauptet, mit Steinen sprechen zu können, und der umstrittene, promovierte, 46-jährige Historiker, der sich mit illegaler Kriegsführung beschäftigt und den diese Zeitung nach seinem Auftritt am vergangenen Freitag in St. Gallen als «rhetorische Wucht» bezeichnete.

Diesen Freitag spricht Ganser in Bern zur Frage «Wie kann Friedensforschung helfen, Gewalt und Lüge zu überwinden?»; von Dreien gibt am Samstag ein Tagesseminar zur «Bedeutung bedingungsloser Liebe im Umgang mit Unlicht – global und individuell». Die Veranstaltungen würden «in gegenseitiger Absprache» stattfinden, heisst es in der Ankündigung. Wer beide besucht, zahlt für von Dreiens Seminar 145 statt 180 Franken. Um die 700 Tickets habe sie verkauft, Ganser gemäss Veranstalter «die Quelle» mehr als 400.

Misstrauen gegenüber Politik und Medien

Seit Ganser die Verschwörungstheorie vertritt, die Anschläge auf das World Trade Center seien von der US-Regierung inszeniert worden, ist seine wissenschaftliche Karriere vorbei. Erfolgreich ist er in seiner Grauzone allemal: Er führt in Basel das Swiss Institute for Peace and Energy Research, veröffentlicht Bücher, hält Vorträge – unter anderem an einer Konferenz der «Anti-Zensur-Koalition» des Ausserrhoder Sektengurus Ivo Sasek im Jahr 2014. Ganser und von Dreien werfen in der Ankündigung selbst die Frage auf, wie sie zusammenpassen. Ihre Antwort: Sie verbinde ein tiefes Anliegen, Verantwortung und Frieden zu fördern und den Mut zur eigenen Meinungsbildung. Auch eine Art, das Misstrauen gegenüber Politik, Medien und Wissenschaft zu beschreiben.

Wie gefährlich ist die Jugendliche mit dem Engelshaar? «In den vergangenen Monaten haben sich mehrere Dutzend Personen aus der gesamten deutschsprachigen Schweiz an unsere Fachstelle gewandt», sagt Schmid. «Sie machen sich Sorgen um Angehörige, die sich sehr stark auf Christina von Dreien eingelassen haben.» In der Hoffnung auf ein baldiges neues Zeitalter lösen sie ihre irdischen Probleme nicht mehr.

«Gemäss Christina von Dreien ist die Wissenschaft Teil des manipulativen Weltsystems. Wir kennen Fälle, in denen Personen deshalb ihr Studium abgebrochen haben.»

Damit konfrontiert entgegnet Meier: «Wissenschaft ist nichts Schlechtes, und niemand feindet hier etwas an.» Alles, was im Moment existiere, sei nicht zu bewerten mit gut oder schlecht. Es sei einzig eine Frage der Berufung und der Bewusstseinsausrichtung jedes einzelnen, in welchen beruflichen Feldern er tätig sein möchte. Christina vermittle nur «Informationen». Wie die Leser und Zuhörer damit umgehen, liege in ihrer eigenen Verantwortung.

Mutter und Tochter weisen Verantwortung von sich

Mit Moderator Brakenwagen spricht Christina von Dreien darüber, dass bei einer Organtransplantation auch Vorlieben und Wissen des Spenders implantiert werden. Der Charakter des Empfängers könne sich dadurch verändern. Sie verhaspelt sich, während sie diese kruden Thesen formuliert, denen im zweiten Band ein Kapitel gewidmet ist. Sektenexperte Schmid sagt:

«Beim Thema Organtransplantation kann es gefährlich werden.»

Da Christina von Dreien Organtransplantationen für problematisch halte, könnten Personen unter Berufung auf sie eine überlebensnotwendige Spende ablehnen. Was sagen Christina von Dreien und ihre Mutter dazu?

«Beim Thema Organspenden gibt es zwei Meinungen oder keine Meinung. Jeder trifft hier seine Entscheidung selber, und das darf respektiert werden.»

Bei aller Schwammigkeit steht fest: Christina von Dreien kritisiert das Bildungs- und Gesundheitssystem. Und sie fördert diese Kritik. Das passt zur Ausbildung der Mutter in alternativen Heilverfahren. Und zur Entwicklung der ­gesamten Szene: Selbstfindung und Naturverbundenheit liegen im Trend, Esoteriker polieren damit ihr Image auf.

Allem Erfolg zum Trotz sagt Georg O. Schmid: «Der Hype um Christina von Dreien wird in ein paar Jahren vorbei sein.» Was jetzt süss und unbedarft wirke, werde dann als unstrukturiert und qualitativ schlecht gelten. Und die Enttäuschung werde gross sein, wenn die bessere Zeit in fünf Jahren noch nicht angebrochen sei. Bis dahin wird Christina von Dreien noch viel über Licht und Frieden sprechen – und mit Büchern und Vorträgen ordentlich Geld verdienen.

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