Der grosse Ostschweizer Mietreport: Steckborn hat die höchste Leerwohnungsquote, Rapperswil-Jona die teuersten Mieten

Am 9. Februar kommt die Initiative «Mehr bezahlbarer Wohnraum» zur Abstimmung. Bisher ist gemeinnütziges Wohnen in der Ostschweiz nicht verbreitet. Dafür stehen besonders viele Wohnungen leer. Aber nur bedingt solche, die gefragt sind.

Katharina Brenner
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1911 sind die ersten Wohnungen der Bähnler-Siedlung im Schoren-Quartier entstanden.
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120 Einfamilienhäuser gehören zur Genossenschaft – und zu den Häusern gehört jeweils ein Garten.
Heute wohnen kaum mehr aktive Bähnler in der Siedlung.
Eins der beiden Tore, das in die Siedlung der Eisenbahner-Genossenschaft in St.Gallen führt.

1911 sind die ersten Wohnungen der Bähnler-Siedlung im Schoren-Quartier entstanden.

Benjamin Manser

Der verblichene Schriftzug «Mercerie» am Hauptgebäude erinnert an die Zeit vor gut 100 Jahren, als die Bähnler-Siedlung im St.Galler Schoren-Quartier entstand. Gebaut als günstiger Wohnraum für Bahnangestellte wirkt sie heute wie ein Diorama. Aktive Bähnler wohnen hier kaum mehr, verhältnismässig günstig ist es nach wie vor. Knapp 1100 Franken kostet die Bruttomiete pro Monat in einer Wohnung mit vier Zimmern, ein Einfamilienhaus mit fünf Zimmern rund 1850 Franken pro Monat. Zwei Franken extra gehen in den Haushaltfonds, mit dem die Eisenbahner-Genossenschaft St.Gallen zum Beispiel den Altersausflug finanziert.

Albert Noger, Präsident Eisenbahner-Genossenschaft St.Gallen

Albert Noger, Präsident Eisenbahner-Genossenschaft St.Gallen

Benjamin Manser

Je nach Grösse und Zimmerzahl zahlen Genossenschafter ein Anteilscheinkapital. «Wer mehr verdient, zahlt auch mehr», sagt Präsident Albert Noger. Der 76-Jährige war Lokomotivführer und ist in der Siedlung aufgewachsen. Zur Genossenschaft gehören weitere Gebäude im Quartier, insgesamt 120 Einfamilienhäuser und
206 Wohnungen. Studenten, Arbeiter, Beamte, Juristen, Jung und Alt wohnen hier, so Noger.

«Unsere Warteliste füllt einen ganzen Ordner.»

Das Gute an Wohnbaugenossenschaften sei, dass sie eine Kostenmiete haben und keine Gewinne machen. Das Leben in einer Genossenschaft bedeute nicht nur bezahlbares Wohnen, sondern auch zukunftsorientiertes Handeln. Gemeinnütziges Wohnen als Haltung.

Vorkaufsrecht für Kanton und Gemeinden

In der ganzen Ostschweiz sowie schweizweit machen gemeinnützige Wohnformen rund vier Prozent aus. Am verbreitetsten sind sie in der Stadt St.Gallen mit 7,5 Prozent, gefolgt von Arbon mit 4,9 Prozent:

Quelle: Wüest Partner

Der Grossteil der Gemeinden in St.Gallen, Inner- und Ausserrhoden sowie im Thurgau kennt keine oder fast keine gemeinnützigen Wohnformen. Die Initiative «Mehr bezahlbare Wohnungen», die am 9. Februar zur Abstimmung kommt, verlangt, dass künftig zehn Prozent der neu gebauten Wohnungen in der Schweiz von gemeinnützigen Wohnbauträgern erstellt werden.

Der Slogan «Spekulanten stoppen» prangte am Freitag an der Medienkonferenz des regionalen Ja-Komitees auf einem Poster. Die Initiative sei gut für alle Mieterinnen und Mieter mit tiefem Einkommen, so die Vertreter und Vertreterinnen des Mieterinnen- und Mieterverbands Ostschweiz, Wohngenossenschaften Schweiz sowie von SP und Grüne im Kanton St. Gallen. Wer ein Bruttoeinkommen von 4000 Franken im Monat oder weniger habe, gebe 40 Prozent davon für die Miete aus. Die Mieten in der Schweiz sind seit dem Jahr 2000 gemäss Bundesamt für Statistik durchschnittlich um 28 Prozent gestiegen, die durchschnittliche Teuerung im gleichen Zeitraum um acht Prozent.

Mit der Annahme der Initiative erhielten Kantone und Gemeinden ein Vorkaufsrecht. «Genossenschaften können mit Privaten nicht mithalten, wenn es um Bodenerwerb für neue Wohnungen und Häuser geht», sagt Albert Noger. Zu den zehn Prozent sollen gemäss Ja-Komitee aber auch bestehende Liegenschaften gehören, die dann gemeinnützig werden.
Das Nein-Komitee im Kanton St.Gallen, zu dem Vertreter des Hauseigentümerverbands und der bürgerlichen Parteien gehören, warnen vor einem «bürokratischen Monster» und einer Verstaatlichung des Wohnungsmarkts. In der Ostschweiz fehle der Bedarf an zehn Prozent gemeinnützigem Wohnen. Die Befürworter hingegen betonen, zehn Prozent seien ein nationaler Durchschnitt. In Städten wie Zürich werde es mehr sein (bereits heute 25 Prozent), auf dem Land weniger.

Leerwohnungsquote ist überdurchschnittlich hoch

Die Gegner verweisen auf die Leerwohnungsquote, die in der Ostschweiz mit 2,16 Prozent über der schweizweiten von 1,66 Prozent liegt. Keine andere Grossregion hat mehr. Spitzenreiter in der Ostschweiz ist der Thurgau mit 2,65 Prozent:

Gemeinden in der Mitte des Kantons hätten es schwer, sagt Werner Fleischmann, Vizepräsident des Hauseigentümerverbands Thurgau und Geschäftsführer von Fleischmann Immobilien. Wer in Zürich oder St.Gallen arbeite, ziehe wegen der ungenügenden Strassenerschliessung nicht nach Amriswil. Den höchsten Leerstand hat Steckborn. Dort sei in den letzten Jahren extrem viel gebaut worden – in der falschen Preisklasse. Wunderschöne Seewohnungen, teils viel zu teuer.

Werner Fleischmann, Vizepräsident des Hauseigentümerverbands Thurgau und Geschäftsführer von Fleischmann Immobilien

Werner Fleischmann, Vizepräsident des Hauseigentümerverbands Thurgau und Geschäftsführer von Fleischmann Immobilien

pd

In einem Punkt sind sich Befürworter und Gegner einig: Treiber im Wohnungsbau und damit auch beim Leerstand sind Investoren aus Mangel an Anlagealternativen. Die Daten des Bundesamts für Statistik zeigen: In der Ostschweiz stehen vor allem Drei- und Vierzimmerwohnungen leer. Begehrt bei Mietern seien kleinere Wohnungen in Zentrumsnähe, so Fleischmann. «Weil immer mehr Menschen alleine leben und pendeln.» Auch ältere Personen würden lieber im Zentrum wohnen.

Die teuersten Wohnungen in Rapperswil-Jona

Am günstigsten ist der durchschnittliche Mietpreis für eine 90-Quadratmeter-Wohnung im Toggenburg, am teuersten in Rapperswil-Jona, wie eine Auswertung von Wüest Partner zeigt. Dort macht sich die Nähe zu Zürich bemerkbar.

Auf kommunaler Ebene sammeln GLP, SP, Grüne und Mieterverband Unterschriften für eine Initiative, die einen Zehn-Millionen-Franken-Fonds für mehr bezahlbares Wohnen in der Stadt schaffen will. Das regionale Ja-Komitee plädiert dennoch für eine nationale Regelung.

Ruedi Blumer, Präsident Mieterinnen- und Mieterverband Ostschweiz

Ruedi Blumer, Präsident Mieterinnen- und Mieterverband Ostschweiz

Ralph Ribi

Was würde die Annahme der Initiative für die Ostschweiz bedeuten? Ruedi Blumer, Präsident Mieterinnen- und Mieterverband Ostschweiz, sagt: «In manchen Ostschweizer Gemeinden würde sich nichts ändern. In anderen dürfte sich die Zahl der gemeinnützigen Wohnungen verdoppeln.» Es sei dann an den Gemeinden, von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch zu machen.