Der Glamour-Mann: Der renommierte St.Galler Arzt Pietro Vernazza will für die Grünliberalen in den Nationalrat

Pietro Vernazza ist Chefarzt am Kantonsspital St.Gallen und international anerkannter HIV-Spezialist. Reicht dies für den Wahlerfolg? – Bekanntheit allein garantiere dies nicht, sagt ein Experte.

Regula Weik
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Pietro Vernazza an seinem Arbeitsort, dem Kantonsspital St. Gallen. (Bilder: Ralph Ribi)

Pietro Vernazza an seinem Arbeitsort, dem Kantonsspital St. Gallen. (Bilder: Ralph Ribi)

Er tritt in die Pedale. Oft und kräftig, nicht nur ein bisschen. Pietro Vernazza ist passionierter Velofahrer. «Wer mich kennt, sieht mich auf dem Velo», sagt er. Diese Woche fährt er kreuz und quer durch den Kanton. Es ist Wahlkampf. Vernazza will im Herbst nach Bern. Er will für die Grünliberalen in den Nationalrat. Bislang hatte er sich parteipolitisch nicht engagiert. Doch nun lockt ihn die Politik. «Es ist Zeit dafür.» Weshalb? «Die Fachkompetenz in den Bereichen Forschung, Wissenschaft und Bildung ist im eidgenössischen Parlament bescheiden vertreten.»

Das würde sich mit seiner Wahl ­ändern. Das sagt er. Das glauben die Grünliberalen. Und davon sind auch Unbeteiligte überzeugt. Vernazza ist Chefarzt Infektiologie und Spitalhygiene am Kantonsspital St. Gallen. Er war im Kampf gegen Aids von Beginn weg dabei. Er hat sich international einen Namen als HIV-Spezialist geschaffen. Er war unter anderem Präsident der Eidgenössischen Kommission für Aids-Fragen und sexuelle Gesundheit. «Während meines Präsidiums hat sich die Zahl der HIV-Neuinfektionen halbiert.» Weshalb er dies erwähnt? Es zeige, dass er etwas bewirken, etwas verändern und «mit mutiger Standhaftigkeit eine gute Sache trotz Gegenwind durchsetzen» könne. Eigenschaften, die in der Politik gefragt seien.

Noch etwas betont Vernazza: seine Unabhängigkeit. Wohl im Wissen um das immer wieder angeprangerte enge Verhältnis von Gesundheitspolitikern und Pharmaindustrie. Er habe sich sein kritisches Denken noch nie von irgendjemandem verbieten lassen. «Das wird so bleiben», versichert er. «Ich lasse mich nicht kaufen.» Auch nicht von Pharmakonzernen? «Auch nicht von ihnen.» Es sei vielmehr umgekehrt. Er sei für einzelne Unternehmen «ein rotes Tuch». Nach einer Pause: Es mache Freude, ein Stachel zu sein. Doch: Reichen Fachwissen und internationale Bekanntheit, um in Bern ein guter Politiker zu sein?

Das ist doch der bekannte Arzt? Ist er auch Politiker?

Eine kleine Umfrage zeigt: Eine Einschätzung von Vernazzas politischen Fähigkeiten wagt niemand. Nur breites Schweigen und Staunen. «Er ist doch Arzt. Ist er auch Politiker? Nein.» «Ich habe ihn nie politisch wahrgenommen.» «Er ist blutiger Quereinsteiger.» Nadine Niederhauser, Präsidentin der St. Galler Grünliberalen, wehrt sich: Vernazza sei keineswegs ein politisch unbeschriebenes Blatt. Er habe sich im Rahmen seiner ausserparlamentarischen Kommissionsarbeit auf eidgenössischer Ebene jahrelang intensiv mit der öffentlichen Gesundheit beschäftigt. Austesten lässt sich dies bei Vernazzas Stopp auf seiner Velotour in Wattwil. Braucht das Toggenburg ein Spital? In Wattwil lohne es sich, zu kämpfen – aufgrund der speziellen geografischen Lage und der neuen Infrastruktur. «Das ist Ihre Trumpfkarte», sagt Vernazza dem Dutzend Anwesenden. «Das neue Spital in Wil ist noch nicht gebaut.» Eine Besucherin lässt ihrem Ärger freien Lauf und fragt schliesslich: «Profilieren sich Politiker, indem sie zu nichts Stellung nehmen?»

Vernazza hört aufmerksam zu, nickt verständnisvoll, bleibt ruhig. Dann sagt er: «Ich glaube nicht, dass die Spitäler Flawil und Rorschach überleben werden.» Er kritisiert Regierung und Kantonsparlament: Sie hätten mit der «Milliarden-Abstimmung» die Spital­standorte «betoniert», ohne über Konsequenzen und Folgekosten zu ­informieren. «Ziel der Politiker war einzig ihre Wiederwahl und nicht ein bezahlbares Gesundheitssystem.» Auf seine scharfe Kritik am Kanton angesprochen, auf dessen Lohnliste er als Chefarzt steht, antwortet er: «Vor zehn Jahren hätte ich nicht so offen darüber geredet.» Jetzt hat er nichts mehr zu verlieren. Vernazza ist Jahrgang 1956. «Mit 65 muss ich aufhören.» Nach seiner Pensionierung wolle er «nochmals Gas geben» – in der Politik, in Bern.

«Spät- und Quereinsteiger werden vermehrt zum Zuge kommen»

Die Grünliberalen wollen Vernazza diese Chance geben. «Das Schweizer Milizsystem muss dem Zeitgeist angepasst werden», sagt Parteipräsidentin Niederhauser. Die «obligate Ochsentour» werde wegen der zunehmenden Mobilität und der beruflichen Belastung immer mehr erschwert oder gar verunmöglicht. «Die Parteien werden künftig vermehrt Quer- oder Späteinsteigern die Chance zur politischen Partizipation geben müssen.» Auf die Frage, ob Vernazza bei ihnen angeklopft habe, antwortet Niederhauser: «Die Partei hat ihn angefragt.» Ging es darum, der Nationalratsliste einen Glamourfaktor zu verleihen? Dazu die Präsidentin: «Wenn das die Absicht gewesen wäre, denn hätte sich die Partei doch eher um prominente Personen aus der Sportwelt oder dem Showbusiness bemühen müssen.»
Hatten auch die St. Galler Umweltfreisinnigen Kontakt mit Vernazza? Parteipräsident Raphael Lüchinger verneint. «Ich kenne seine politische Haltung nicht, kann daher nicht beurteilen, ob er zu uns gepasst hätte.» Und die SP? «Nationalratswahlen sind Proporzwahlen, gewählt werden Parteien mit ihren Programmen», antwortet Präsident Max Lemmenmeier auf Fragen zum prominenten Konkurrenten.

Wie umweltbewusst ist der Kandidat?

Eine prominente Kandidatin, ein prominenter Kandidat bringe mehr Beachtung – «auch in den Medien», sagt Patrick Dürr, Präsident der St. Galler CVP. Wird der CVP ihre Fraktionspartnerin im Kantonsparlament im Kampf um die Nationalratssitze mit Vernazza gefährlich? Dürr nimmt es sportlich: «Wettbewerb tut gut. Das ist ein Ansporn für uns.» Gestern gaben die beiden Parteien bekannt, dass sie eine Listenverbindung eingehen und gemeinsam um die Gunst der Wähler kämpfen wollen.

«Bekanntheit allein reicht nicht für
eine Wahl.»
Silvano Moeckli.

Silvano Moeckli.

Bekanntheit sei bei Wahlen ein wichtiger Erfolgsfaktor, sagt Silvano Moeckli, Politikwissenschafter und emeritierter HSG-Professor. Darin liege auch ein Nachteil für Frauen, «weil sie weniger Elitepositionen in Wirtschaft und Gesellschaft besetzen, die Medienpräsenz generieren». Bekanntheit allein reiche aber nicht für eine Wahl. Die Kandidatur Vernazza erinnere ihn an jene eines noch bekannteren Chefarztes, des Berner Herzspezialisten Thierry Carrel. Er kandidierte 2011 erfolglos für die FDP; die Partei verlor damals zwei Nationalratssitze. «Es kommt immer auf die Konstellation an», sagt denn auch Moeckli. Vernazza könne wohl am meisten Partei- und viele Panaschierstimmen holen, «gewählt ist er nur, wenn die GLP tatsächlich einen Sitz macht, und das schafft sie aus eigener Kraft nicht».

Die Grünliberalen dürfen berechtigt hoffen, von der aktuellen grünen Welle zu profitieren. Bloss: Wie umweltbewusst ist Vernazza tatsächlich? Sein Fortbewegungsmittel auf seiner Tour durch den Kanton ist zwar grün, doch Umweltthemen spricht er keine an. Er sei «vom Geist her» sehr umweltbewusst unterwegs. Sein Haus – der Vater dreier erwachsener Kinder wohnt mit seiner Familie in der Stadt St.Gallen – sei schon lange mit Erdsonde und Fotovoltaikanlage ausgestattet. «Nachhaltige Umweltpolitik ist ein Muss. Das wurde lange, zu lange vernachlässigt.» Es sei Zeit, dass «den Klimaleugnern und Vertretern von Partikularinteressen Grenzen gesetzt werden – anständig, aber klar».

Quereinsteiger können ein Risiko sein

Quereinsteiger würden öfter mit einer «gewissen politischen Frische» in Verbindung gebracht, sagt Raphael Lüchinger, «obwohl dies nichts mit Parteizugehörigkeit zu tun hat». Dürr und Lüchinger sind sich denn auch einig: Prominenz allein garantiert noch keinen Erfolg, dies habe der Fall von Tamy Glauser gezeigt. Das Topmodel zog seine Nationalratskandidatur für die Zürcher Grünen zurück – dies, nachdem ihre Behauptung, Veganerblut könne Krebs heilen, zu heftigen Reaktionen geführt hatte.

Setzen die Grünliberalen auf Vernazza als Spitzenkandidaten?

«Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten sind jene Personen, die am Wahltag die besten Resultate erzielen», antwortet Präsidentin Niederhauser. Vernazza gehöre «unbestritten zum Kreis der Favoriten». Der Wahltag ist für den Chefarzt freilich noch fern. Auch sein Bett ist es an diesem Abend. Er wirft einen Blick auf die Uhr. Der Abend ist fortgeschritten. Vernazza verabschiedet sich, packt das Velo – und los gehts. Zum Bahnhof Wattwil. Der Zug nach St.Gallen fährt in wenigen Minuten.