DER GEMEINDEPOLIZIST: Der «Dorfpolizist»: Für Wehwehchen und den Ernstfall

Es gibt sie noch, die «Dorfpolizisten», die in ihrer Gemeinde im täglichen Leben für Recht und Ordnung sorgen. Auch wenn sie heute anders heissen. Wer sie sind, was sie tun, und weshalb es sie braucht.

Christina Vaccaro
Drucken
Teilen
Der Buchser Gemeindepolizist Heinz Roth weiss den Weg. (Bild: Michel Canonica)

Der Buchser Gemeindepolizist Heinz Roth weiss den Weg. (Bild: Michel Canonica)

Christina Vaccaro

christina.vaccaro@tagblatt.ch

Was ist aus dem Dorfpolizisten geworden, der wie ein Sheriff über «sein» Dorf wacht? Vor Jahrzehnten gab es sie noch fast überall, diese Ein-Mann-Polizeistationen, auf denen ein einzelner Polizist in seinem Revier nach dem Rechten zu sehen hatte. Heute sind die meisten Polizeistationen mit mehreren Polizisten – und auch Polizistinnen – besetzt. «Alleine könnte die heutige Zahl an Einsätzen und Aufträgen gar nicht erledigt werden», sagt Florian Schneider, Mediensprecher der Kantonspolizei St. Gallen, auf Anfrage.

Im 21. Jahrhundert «leasen» sich Gemeinden ohne Poli­zei­station Polizeikräfte der Kan­tonspolizei für die gemein­depolizeilichen Aufgaben. Die «Dorfpolizisten» tragen dieselbe Uniform wie Kantonspolizisten, haben dieselbe Ausbildung ab­solviert und greifen auch auf die Infrastruktur der Kantonspolizei zurück. Was sich unterscheidet, ist ihr Tätigkeitsfeld.

Ansprechpartner Nummer eins

Polizist Heinz Roth aus Sevelen bei Buchs ist einer von ihnen. Seit sechs Jahren arbeitet er mit zwei Kollegen für die Stadt Buchs. Zu seinen gemeindepolizeilichen Aufgaben gehören Busskontrollen des «ruhenden Verkehrs» genauso wie Hausdurchsuchungen, Belange des Asylwesens, Zuführungen zum Betreibungsamt und Kontrollen in der Gastronomie. Auch die Instruktion in Sachen Verhalten im Strassenverkehr für Kindergartenkinder obliegt dem Stadtpolizisten.

Ob Ladendiebstahl oder Unfall: Roth und seine Kollegen sind meist die Ersten vor Ort. «Wir sind Ansprechperson Nummer eins für Wehwehchen aller Art, aber auch für rechtliche Fragen.» Das grösste Qualitätsmerkmal des Dorfpolizisten sei, dass er die Bevölkerung kenne, so Roth. Alle drei Buchser Polizisten stammen aus der Gegend und kennen gemeinsam etwa 80 Prozent der knapp 13 000 Einwohner starken Stadt, schätzt Roth. Während der heute 42-Jährige in seiner Polizeischulzeit noch dachte, er wolle beruflich lieber nichts mit Bekannten zu tun haben, macht das heute das Wesen seiner Arbeit aus – und das gefällt ihm: «Am meisten Freude bereitet mir der Kontakt mit der Bevölkerung», sagt Roth. «Das Vertrauen ist einfach viel grösser, als wenn man mit einem fremden Polizisten zu tun hat, der vielleicht gerade frisch von der Polizeischule kommt.» Es mache ihm Spass, mit Leuten zu tun zu haben, die er beispielsweise von der Schule noch kennt. Der Respekt sei viel höher, so Roth.

Moderne Dorfpolizei mit Polizistin

Auch Maja Baumgartner, seit gerade einmal zwei Wochen Dorfpolizistin von Altstätten, schätzt den Kontakt mit der Bevölkerung. Die 37-jährige Kriessnerin war zuvor zwölf Jahre lang bei der mobilen Polizei tätig. Die Suche nach neuen Herausforderungen bewegte sie zum beruflichen Wechsel. «Ich bin zwar noch dieselbe Polizistin, doch habe ich eine ganz neue Arbeit», sagt sie. «Auf der Station ist man den Leuten näher und hat länger mit ihnen zu tun. Dadurch gewinnt die Arbeit an Tiefe.» Im mobilen Einsatz sei man oftmals nur in der ersten Intervention im Kontakt mit Bürgerinnen und Bürgern, danach werde der Fall von anderen Polizisten weiterverfolgt.

Von den insgesamt 32 Gemeindepolizisten in der Ostschweiz sind deren sieben weiblich. Laut Baumgartner habe es Vor- und Nachteile, Polizistin zu sein: «Es gibt beide Seiten: Man wird als Frau teilweise immer noch nicht ganz so ernst genommen. Hingegen können wir Frauen vor allem in aggressiven Situationen manchmal besser schlichten und deeskalieren.»

Zukunftsmodell Dorfpolizist?

Der klassische Dorfpolizist ist also nicht mehr zwangsläufig männlich. Zudem ist das Poli­zeipersonal in den Gemeinden heute tendenziell jünger. In der Bevölkerung geniesst der Dorfpolizist in der Regel ein hohes Vertrauen und Respekt. Es handelt sich damit nicht um ein «Auslaufmodell», wie man in Zeiten von Zusammenlegungen und Modernisierungen meinen könnte – eher im Gegenteil. Die Tendenz, Dorfpolizisten einzusetzen, sei steigend, sagt Roth. Gemeinden überlegten sich eher wieder, einen Dorfpolizisten einzustellen. «Es ist wichtig, dass die Polizei vor Ort präsenter ist», sagt Roth. «Gerade weil wir heute vielleicht 20 Prozent der Zeit draussen und 80 Prozent im Büro am Dokumentieren und Berichte schreiben sind.» Der enge Kontakt zwischen Dorfpolizist und Bürger sei da enorm wichtig. Es wird also auch in Zukunft Dorfpolizisten geben, die vor Ort nach dem Rechten sehen.