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Der Gegenwind bleibt stark

Der Bund sieht in der Ostschweiz hohes Potenzial für Windenergie: Strom für 80 000 Haushalte allein im Kanton St. Gallen. Die Realität sieht anders aus. Grössere Projekte sind selten und oft umstritten. Die Kantone scheuen eine offensive Planung.
Adrian Vögele
Genug Strom für ein 1000-Seelen-Dorf: Das Windrad in Haldenstein bei Chur, das Ostschweizer Projekten als Vorbild dient. (Bild: Benjamin Manser)

Genug Strom für ein 1000-Seelen-Dorf: Das Windrad in Haldenstein bei Chur, das Ostschweizer Projekten als Vorbild dient. (Bild: Benjamin Manser)

Adrian Vögele

adrian.voegele

@tagblatt.ch

Die Uhr tickt. Seit Anfang Jahr ist der Bau neuer Atomkraftwerke in der Schweiz verboten – das revidierte Energiegesetz, dem das Volk im vergangenen Mai zugestimmt hat, ist in Kraft. Der Bund will nun vorwärts machen mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien: Gemäss der Energiestrategie 2050 sollen sieben bis zehn Prozent des Strombedarfs mit Windkraft gedeckt werden. Heute liegt der Windstromanteil in der Schweiz unter einem Prozent, die Energie reicht erst für einige zehntausend Haushalte. Im vergangenen Sommer legte das Bundesamt für Energie ein Konzept vor, das zeigt, wie viel Potenzial punkto Windenergie in den Kantonen noch brach liegt. Die Ostschweiz ist nicht an der Spitze, aber dennoch gut vertreten: Der Kanton St. Gallen könnte demnach bis zu 400 Gigawattstunden (GWh) Strom pro Jahr aus Windenergie gewinnen, was dem Verbrauch von ungefähr 80 000 Haushalten entspricht. Im Thurgau und in Ausserrhoden sind es bis zu 180 GWh, in Innerrhoden bis zu 60 GWh.

So weit die Theorie. Bislang gibt es in der Ostschweiz keine grosse Windanlage. Die nächstgelegene befindet sich in Haldenstein GR. Das Windrad ist gut 170 Meter hoch und produziert jährlich rund 4,5 GWh – etwa gleich viel, wie das Dorf Haldenstein jährlich verbraucht. Um Werte zu erreichen, wie sie im Windenergiekonzept des Bundes enthalten sind, müssten in der Ostschweiz Windparks mit zahlreichen Turbinen entstehen. Nun melden sich Kritiker: Im Kanton St. Gallen hat die SVP die Regierung mit dem Thema konfrontiert. Sie stört sich unter anderem daran, dass der Bund gerade im Toggenburg, Rheintal und Sarganserland Windenergiepotenzial sehe – diese Wahlkreise hätten das Energiegesetz damals abgelehnt.

Kantonsplaner: «Zahlen sind absolut utopisch»

Die St. Galler Regierung beschwichtigt in der Antwort auf die SVP-Interpellation: Das Windenergiekonzept des Bundes habe für die Kantone keinen verbindlichen Charakter. In seinem eigenen Energiekonzept hat der Kanton ein Windstrompotenzial von jährlich 25 GWh festgelegt. Als Ziel bis 2020 sollen 10 GWh genutzt werden. Wo dieser Strom produziert werden soll, ist noch weitgehend offen. Die Ansicht der SVP, dass Windanlagen «primär dort gebaut werden sollten, wo eine klare Mehrheit dem neuen Energiegesetz zugestimmt hat», weist die Regierung jedoch zurück. Die Windräder müssten dort stehen, wo der Wind ausreichend stark blase.

«Derzeit gibt es zwei Projekte, deren Planung schon relativ weit fortgeschritten ist», sagt Kantonsplaner Ueli Strauss-Gallmann. In der Rheinau zwischen Sargans und Bad Ragaz soll ein Windpark mit mehreren Rädern entstehen, beteiligt sind drei Gemeinden. Im Frühling wird die Regierung dazu einen Entscheid fällen. Über ein weiteres Vorhaben in Krinau werden demnächst die Anwohner informiert. Die Zahlen des Bundes jedoch seien «absolut utopisch», so Strauss. Zu oft gebe es Widerstand gegen die Windstromanlagen, vor allem wegen ihrer Sichtbarkeit – «ein massiver Eingriff ins Landschaftsbild» – und wegen des Lärms. Gerade weil die Anlagen weithin sichtbar sind, sei auch der Kreis der Betroffenen gross. «Wenn wir beispielsweise im Rheintal grosse Windstromanlagen planen würden, käme es ziemlich sicher zu Konflikten mit Vorarlberg.» Das Bundesland habe sich für eine Strategie ganz ohne Windstrom entschieden. Auch juristisch hat Windkraft einen schweren Stand. «Das Bundesgericht gewichtet den Aspekt des Landschaftsschutzes hoch», stellt Strauss fest. Das habe ein Urteil gegen einen Windpark im Kanton Freiburg gezeigt.

Immer noch heiss diskutiert wird ein Windenergieprojekt in Oberegg: Dort plant die Appenzeller Wind AG zwei Windräder mit einer Höhe von je 200 Metern, die zusammen 13,4 GWh elektrische Energie pro Jahr liefern sollen. Sowohl Gegner als auch Befürworter haben sich in Gruppen organisiert, zu letzteren gehört der Verein Jugend Pro Windrad. Derzeit befasst sich die Innerrhoder Standeskommission mit dem Projekt. «Wir erwarten demnächst ein erstes Feedback», sagt Valentin Gerig, Mitglied des Verwaltungsrats der Appenzeller Wind AG. Ins Verfahren wolle man alle Interessengruppen früh einbeziehen. Wann die Anlage dereinst in Betrieb gehen könnte, lasse sich noch nicht abschätzen. «Wir müssen damit rechnen, dass schlussendlich die Gerichte darüber entscheiden, ob wir das Projekt realisieren können oder nicht.»

Förderung ab 2022 noch unsicher

Erschwerend kommt hinzu, dass das Fördersystem des Bundes ein Ablaufdatum hat: Die Kostendeckende Einspeisevergütung wird nur noch bis 2022 fortgeführt. «Wenn unsere Anlage bis dahin nicht in Betrieb ist, wird es schwierig», sagt Gerig. Denn es sei noch völlig offen, wie das System ab 2022 aussehe, und ob es überhaupt noch eine Förderung für Windstrom gebe – «dementsprechend können wir für die Zeit nach 2022 noch keine Kalkulationen machen».

Im Kanton Thurgau sind zwei Windenergieprojekte im Gespräch: Eines in Braunau/Wuppenau – wogegen sich rasch Widerstand formierte – und eines in Thundorf. Die Regierung beabsichtigte, im Richtplan konkrete Gebiete mit Windenergiepotenzial festzulegen. Doch sie verzichtete dann darauf. Zu heftig war die Kritik in der Vernehmlassung.

Fotovoltaik ist besser akzeptiert

Der Kanton St. Gallen hat noch nicht entschieden, ob er mögliche Windenergiezonen definieren will. Man habe eine solche Positivplanung im Jahr 2014 «als Fernziel» in Aussicht gestellt, schreibt die Regierung. Die Frage soll bei der Überarbeitung des Richtplans, die derzeit läuft, geklärt werden.

Betrachtet man die erneuerbaren Energien generell, so hat sich im Kanton St. Gallen in den vergangenen Jahren insbesondere die Solarstromproduktion mit hoher Dynamik entwickelt. «Die Fotovoltaik geniesst in der Bevölkerung inzwischen eine hohe Akzeptanz, sie ist deutlich höher als etwa jene für die Windenergie», sagt Michael Eugster, Leiter des kantonalen Amtes Wasser und Energie. Das gelte auch für grössere Fotovoltaikanlagen. Allerdings liefern Solarpanels im Winter wenig Strom – und gerade in Wintermonaten ist die Schweiz heute auf Stromimporte angewiesen. «Windkraft kann dazu beitragen, dieses Problem zu lösen», sagt Eugster. «Darum sind wir bestrebt, dass auch Windenergieprojekte realisiert werden.»

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