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«Ich sehe leere Hänge, die früher immer voll waren»: Festivalgründer sorgt sich um die Zeltstadt am Open Air St.Gallen

Die Zeltstadt ist das Herz des Open Air St.Gallen - das findet Freddy Geiger, Gründer des Festivals in St.Gallen. Wer den Geist der Gründerjahre suche, werde in der Zeltstadt immer noch fündig, sagt er. Doch er hat Angst, dass sich deren Rückgang fortsetzt.
Andri Rostetter
Freie Plätze an Hängen - das habe es früher kaum gegeben, sagt Festivalgründer Freddy Geiger. (Bild: Hanspeter Schiess)

Freie Plätze an Hängen - das habe es früher kaum gegeben, sagt Festivalgründer Freddy Geiger. (Bild: Hanspeter Schiess)

Sittertobel-Besucher unter dreissig erkennen ihn in der Regel nicht, obwohl er mit seinem wilden Bart und seiner angegrauten Mähne kaum zu übersehen ist. Erst recht nicht, seit er ­wegen eines Augenleidens mit einem Blindenstock bewehrt durchs Gelände marschiert. Freddy Geiger, genannt Gagi, legendärer Festivalgründer, stat­tete gestern «seinem» Open Air einen Besuch ab.

Freddy Geiger. (Archiv/Mareycke Frehner)

Freddy Geiger. (Archiv/Mareycke Frehner)

Alle paar Meter bleibt er stehen, diskutiert mit Besuchern, begrüsst alte Bekannte, gibt Interviews. Der 63-Jährige ist seit Jahren nicht mehr ­aktiv in der Geschäftsleitung. Die Entwicklung des Festivals liegt ihm aber nach wie vor am Herzen.

«Dieses Festival hat eine Grundidee: Gemeinschaft und gelebte Toleranz.» Dass Tausende Besucherinnen und Besucher nicht wegen der ­Musik ins Sittertobel kommen, sondern wegen der Atmosphäre, sieht er nicht als Nachteil, sondern als grossen Pluspunkt. Aus dem gleichen Grund beobachtet er eine Entwicklung mit Beunruhigung: der stete Rückgang der Zeltstadt. «Ich sehe hier leere Hänge, die früher immer voll ­waren. Das darf nicht sein.» Das Festival lebe von dieser Zeltstadt, das sei «das Herz des Open Air St. Gallen»: «Das Festival findet nicht nur vor der Bühne statt, sondern geht durch die Wiesen, den Wald, den Fluss. Das macht das Open Air St. Gallen aus.»

Wer den Geist der Gründerjahre des Festivals suche, werde in der Zeltstadt immer noch fündig. «Was passiert denn überhaupt in dieser Zeltstadt? Dort kommt es zu Begegnungen, zu Diskussionen, dort lernt man sich kennen. Dort wird Toleranz gelebt. Es braucht Musik bis in den Schlafsack. Das ist der Sinn der Zeltstadt.»

Pendeln zwischen Hotel und «Casa Baccardi»

Tatsächlich hat sich mit der Kommerzialisierung der Festivallandschaft auch der Druck auf das Open Air St. Gallen erhöht. Sponsoren wollen nicht nur auf Plakatwänden präsent sein, sie wollen ihre eigene Stände, ihre eigenen Häuser, ihre eigenen kleinen Konzertarenen. Bekanntestes Beispiel ist das mehrere hundert Personen fassende «Casa Baccardi». Die Geschichte jenes Festivalbesuchers, der vier Tage lang zwischen dem Hotel im Stadtzentrum und dem «Casa Baccardi» pendelt, mag erfunden sein – komplett abwegig ist sie nicht: Das Partyvolk, das sich vor allem zwischen DJ-Pult und Bar amüsieren will, macht heute an den Festivals einen grossen Teil des Publikums aus. Der massive Platzbedarf dieser Sponsorenbauten nimmt mittlerweile das komplette Zentrum des Sittertobels in Anspruch; wer in die Zeltstadt will, muss zuerst durch Reihen von Verkaufsständen, Sponsorenzelten und anderen Werbeträgern kämpfen. Das Festival ist dieser Entwicklung ein Stück weit ausgeliefert. Das Geld fliesst nur, wenn die Bedingungen der Sponsoren erfüllt sind.

Der Schlafplatz-Aufruf von 1977

Geiger sieht allerdings nicht allein in den Partyzelten eine Gefahr für das Festival, sondern auch im fehlenden Konzept für eine Sicherung und Weiterentwicklung der Zeltstadt. «Man muss die Leute animieren, ein Zelt aufzustellen, im Tobel zu übernachten.» Ideen dafür gebe es ­genug – vom Wettbewerb für den schönsten Zeltvorgarten bis zur Vermittlung von Schlafplätzen. Genau so hat es Gagi beim ersten Open Air 1977 in Abtwil gemacht: Als er sah, dass viele von den 2000 Besuchern keine Schlafgelegenheit hatten, trat er auf die Bühne und forderte das Publikum auf, sich in zwei ­Lager zu teilen: jene mit Zelt und jene ohne Zelt. «Nach 20 Minuten hatte jede und jeder einen Schlafplatz.»

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