Freie Fahrt für die Appenzeller Bahnen durch den Ruckhalde-Tunnel: Den ersten «Tango» tanzt eine Frau

Ab Sonntag verkehren fünf «Tango»-Züge zwischen St. Gallen und Appenzell durch den neuen Ruckhalde-Tunnel. Er ist das Herzstück der Modernisierung der Appenzeller Bahnen. Ende 2021/2022 soll die Fahrt nur noch 30 Minuten dauern.

Christoph Zweili
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Jetzt ist es öffentlich: Bischof Markus steht auf Lokführerinnen! Gerade noch hat das Oberhaupt des Bistums St.Gallen auf dem Riethüsli-Perron den neuen Tangozug «Solitüde» gesegnet, als er Lokführerin Anja Gröbli bittet, doch näher ans Cockpitfenster des 59 Meter langen ABe-4/12-Zugs zu kommen, um ein Handybild zu schiessen. «Für mich ist das Bild ganz wichtig», sagt er zu der langjährigen Mitarbeiterin der Appenzeller Bahnen (AB), eine von zehn Lokführerinnen bei den AB. Ursprünglich in der Abteilung Rollmaterial und Werkstatt eingesetzt, hat sich die ehemalige Lokführerin der Trogenerbahn für die erweiterte Fahrt auf der Strecke St.Gallen–Teufen–Appenzell qualifiziert und eine Prüfung abgelegt. In einem 20-Prozent-Pensum wird die junge Mutter nun künftig auf der neuen Durchmesserlinie ­Appenzell–St.Gallen–Trogen unterwegs sein.

Anja Gröbli. (Bild: Hanspeter Schiess)

Anja Gröbli. (Bild: Hanspeter Schiess)

Gröbli ist auch die Tunnelpatin – «Anja» hiess der Tunnel beim Durchstich 2017. Ihre erweiterte Ausbildung wurde zeitlich so geplant, dass sie auch die erste sein wird, die mit dem modernen Stadlerzug durch den 700 Meter langen Tunnel zwischen dem St. Galler Güterbahnhof und dem Riethüsli-Quartier fährt. Der Bischof will abschliessend wissen:

«Darf ich Sie auf Facebook stellen?»

Er darf. Mit Schall und Rauch wurde der Pendlerzug «Solitüde» an der neuen Haltestelle Riethüsli am Freitagabend von den geladenen Gästen aus Wirtschaft und Politik empfangen.

Ab Sonntag werden fünf «Tangos» zwischen St. Gallen und Appenzell im Einsatz sein. Der 63-Millionen-Tunnel ist das Herzstück der AB-Modernisierung. Die frühere Zahnradstrecke mit der extrem engen Kurve gehört der Vergangenheit an, die Fahrzeit zwischen St. Gallen und Teufen verkürzt sich um zwei Minuten (siehe Text unten).

40 Jahre hatten die AB nur in die Substanzerhaltung des Streckennetzes investiert, alle früheren Tunnelpläne waren aus geologischen Gründen, wegen Meinungsverschiedenheiten über die Einbindung ins Quartier oder aus Kostengründen abgelehnt worden. AB-Direktor Thomas Baumgartner gibt offen zu:

«Man hat die Modernisierung in den letzten Jahren etwas zu wenig forciert. Entsprechend gross war daher der Nachholbedarf.»

2014 wurden mit der klaren Annahme der eidgenössischen Vorlage über die Finanzierung und den Ausbau der Eisenbahninfrastruktur die Weichen neu gestellt. «Diese Gelegenheit haben wir beim Schopf gepackt.» So sei möglich geworden, was zuvor so lange als schwierig galt: Die Finanzierung der umfassenden Modernisierung der AB mit einem Gesamtbudget von 230 Millionen Franken für den Ausbau der Infrastruktur, den Stellwerkersatz und das neue Rollmaterial.

«Wir haben ein Jahrhundertprojekt umgesetzt und sind nun bereit für die nächsten 40 Jahre», sagt Baumgartner. Der AB-Direktor hofft, dass die neuen Züge auch mehr Nachfrage auslösen werden: «1,6 Millionen Fahrgäste sind heute auf der Strecke Teufen–St.Gallen unterwegs», sagt er. «Da ist noch Luft nach oben. Unser Fernziel sind zwei Millionen Passagiere jährlich auf dieser Strecke.»

Ab 2022 in 30 Minuten von Appenzell nach St.Gallen

Nach der festlichen Eröffnung fahren die Züge vorerst wie bisher im Halbstundentakt. Wer von Teufen kommt und in St.Gallen Richtung Trogen weiterfahren will, muss vorläufig noch umsteigen. Erst mit dem Fahrplanwechsel am 9. Dezember geht die Durchmesserlinie ohne Umsteigen in Betrieb. Im März 2019 wird der Takt während der Hauptverkehrszeiten auf 15 Minuten verdichtet.

Nach weiteren Ausbauten soll Ende 2021/2022 die Fahrt von Appenzell nach St.Gallen nur noch 30 Minuten dauern. Dieser Vision fühlt sich der regierende Landammann von Appenzell Innerrhoden, Daniel Fässler, «nun einen grossen Schritt näher». Und der Ausserrhoder Bau- und Volkswirtschaftsdirektor Dölf Biasotto wünscht sich, «dass möglichst viele Autofahrer auf den Zug umsteigen».