«Der Entscheid ist verständlich und mutig»: Das sagen Alpstein-Wirte zum Aescher-Aus

Dass die Familie Knechtle das beliebte Berggasthaus Aescher aufgibt, löst Diskussionen aus. Die Infrastruktur könne nicht mehr mit der steigenden Gästezahl mithalten, so die Begründung. Nicht nur im Aescher sind die Tische meist besetzt. Auch anderen Alpstein-Wirten läuft das Geschäft.

Linda Müntener
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Es wurde ihnen zu viel. Nicole und Bernhard Knechtle-Fritsche haben die Pacht des Berggasthauses Aescher auf Ende Saison 2018 gekündigt. Zu viele Gäste, zu wenig Platz. Wandern ist wieder in, der Alpstein ist ein beliebtes Ausflugsziel. Knechtles sind nicht die einzigen, die dort wirten. Wie geht es anderen Berggastwirten in dieser Region?

Beim Berggasthaus Schäfler geniessen Wanderer eine Aussicht auf die höchsten Berge des Alpsteins. (Bild: Archiv)

Beim Berggasthaus Schäfler geniessen Wanderer eine Aussicht auf die höchsten Berge des Alpsteins. (Bild: Archiv)

Daniel Dobler ist seit zwei Jahren Bergwirt. Er arbeitet im Familienbetrieb, sein Vater führt das Berggasthaus Schäfler auf 1924 Metern über Meer. Wer hierher kommt, geniesst eine Rundsicht auf die höchsten Berge des Alpsteins, vom Pilatus über Napf und Feldberg bis zur Zugspitze und über den Bodensee. Berg-Gastronomie sei anstrengend, aber eine Einstellungssache. Während der Saison ist die Arbeit intensiv, vor allem wenn das Wetter so gut ist wie in diesem Jahr. «Lange Arbeitstage sind im Sommer normal», sagt Dobler. Dafür habe er nach der Saison Zeit zum Durchatmen und Aufarbeiten. «Letztlich ist alles eine Frage der Organisation», sagt er.

Einen solch grossen Andrang wie Familie Knechtle spüren die Doblers nicht. Aber auch sie verzeichnen in den vergangenen Jahren steigende Gästezahlen. «Wir sehen es sehr positiv, auch vermehrt junge Leute und Gäste aus dem Ausland, etwa den USA oder Asien, bedienen zu dürfen.» Mit dem Aescher sei das Berggasthaus Schäfler aber nicht vergleichbar – alleine der Lage wegen. «Zu uns kommen Gäste, die bereit sind, eine Stunde zu wandern», sagt Dobler. «Da trennt sich die Spreu vom Weizen.» Vor dem, was die Familie Knechtle leistet und geleistet hat, zeigt Dobler grossen Respekt.

Gäste wollen kleinere Räume statt Massenschläge

«Mutig und verständlich», findet Sepp Manser-Neff den Entscheid der Familie Knechtle. Seit 1983 steht Manser auf der Meglisalp am Herd, seit 1989 führt er das Berggasthaus – in fünfter Generation. Vom «Massentourismus» sei der Alpstein weit entfernt, sagt er. An manchen Tage habe es aber unter der Woche mehr Leute als früher, sagt er. Das Freizeitverhalten der Gäste ist nicht mehr dasselbe wie vor 35 Jahren. «Heute hat man auch ausserhalb der Ferien viele Gäste», sagt Manser. Die Leute suchen in den Bergen Entspannung, Abstand vom hektischen Alltag. Manchmal müsse er die letzte Runde nicht einmal ankünden – die Gäste gehen von selbst ins Bett, sagt Manser.

Das Berggasthaus Meglisalp wird in fünfter Generation von der Familie Manser geführt. (Bild: Paul Broger)

Das Berggasthaus Meglisalp wird in fünfter Generation von der Familie Manser geführt. (Bild: Paul Broger)

Die Bedürfnisse hätten sich verändert: Kleinere Räume statt Massenschläge, Ruhe statt Trubel. Diesen Bedürfnissen sei man im Aescher nicht mehr nachgekommen – weder bei den Übernachtungen noch im Restaurant. Und das liege an der Infrastruktur des Aeschers, nicht an der Anzahl Sitzplätze. «Knechtles haben resigniert, denn wenn die Qualität nicht mehr wie gewohnt aufrecht erhalten werden kann, ist dies frustrierend», sagt Manser-Neff. «Es ist mir nicht bekannt, wieso sich die Denkmalpflege derart gegen bauliche Veränderungen sträubt.» Er selbst steckt mitten in der Planungsphase für einen Um- und Anbau seines Gasthauses. Die Denkmalpflege habe ihm dies nicht leicht gemacht. Mittlerweile ist schon das dritte Projekt in Planung. Sepp Manser-Neff ist sich sicher: Ändert sich an der Situation im Aescher nichts, folgen weitere Pächterwechsel.

Auch nachts wandern Leute im Alpstein

Seit zehn Jahren auf der Tierwis wirtet die Familie Schoop aus Urnäsch. Das Berggasthaus liegt 2085 Meter über Meer, wer auf dem Weg von der Schwägalp auf den Säntis wandert, kommt nach der Hälfte der Marschzeit daran vorbei. Das Berggasthaus ist nur zu Fuss erreichbar. Das sei auch der Grund, wieso es nicht so überrannt werde, wie der Aescher, sagt Brigitte Schoop. Den Entscheid der Familie Knechtle versteht sie gut. «Ich hätte an ihrer Stelle schon früher aufgehört.» Anders als im Aescher seien die Gästezahlen auf der Tierwis in den vergangenen zehn Jahren stabil geblieben. Bei schönen Wetter sind die Tische besetzt, bei schlechtem bleiben sie leer. Brigitte Schoops Tage starten um sechs Uhr und enden um 22 Uhr. Manchmal läuft der Betrieb auf der Tierwis auch die ganze Nacht. Denn während einer klaren Sommernacht seien Wanderer auf dem Bergweg unterwegs. «Es ist immer etwas los.»

Idylle am «Fjord der Alpen»: Das Berggasthaus Bollenwees liegt direkt am Fählensee. Hier wirtet die Familie Manser-Barmettler. (Bild: Simon Schönenberger)

Idylle am «Fjord der Alpen»: Das Berggasthaus Bollenwees liegt direkt am Fählensee. Hier wirtet die Familie Manser-Barmettler. (Bild: Simon Schönenberger)

Wie gut das Geschäft in den Berggasthäusern läuft, hängt vom Wetter ab. Das bestätigt Thomas Manser. Er und seine Frau Monika pachten das Berggasthaus Bollenwees am Fählensee. Manser ist seit 15 Jahren im Geschäft und Präsident des Bergwirtevereins. Die Situation des Aeschers hat er nur aus der Ferne beobachtet. «Der Run ist vor etwa fünf Jahren losgegangen, ausgelöst durch die Medien», sagt er. Einen solchen Andrang wie der Aescher spüre er nicht. Die diesjährige Saison läuft gut, sehr gut sogar – dank idealer Temperaturen, viel Sonne und dies bereits seit Mai. Abgerechnet wird aber erst im November. «Um ein Fazit zu ziehen, muss man als Bergwirt ohnehin immer einen Schnitt von etwa fünf Jahren nehmen», sagt er. Manser freut sich, wenn seine Tische und Betten besetzt sind. Schliesslich müssen die Berggastwirte während des Sommers auch den Verdienst für den Winter erwirtschaften. So «happig» die Saison manchmal auch sei – umso stolzer und zufriedener blickt der Manser am Ende des Jahres darauf zurück.