Der Dorfpolizist verschwindet aus Ostschweizer Gemeinden

In zahlreichen Ostschweizer Dörfern werden Polizeistellen geschlossen. Mit mobilen Einheiten will die Polizei ihre Präsenz auf Strassen und in Quartieren erhöhen. Doch Politiker fürchten um die Bürgernähe der Gesetzeshüter.

Michael Genova
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Bis Ende 2019 werden in der Ostschweiz über 20 Prozent aller Polizeiposten abgebaut. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone)

Bis Ende 2019 werden in der Ostschweiz über 20 Prozent aller Polizeiposten abgebaut. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Nach Poststellen, Bäckereien und Quartierläden trifft es nun auch die Dorfpolizei. In der Ostschweiz wird das Netz der Polizeistellen zurzeit massiv ausgedünnt. Zum grössten Abbau kommt es im Thurgau. Dort will die Kantonspolizei bis Ende 2019 elf Dienststellen schliessen. Gab es Ende 2017 in den Ostschweizer Kantonen noch 61 Polizeiposten, werden es Ende 2019 noch 48 sein. Das entspricht einer Reduktion von über 20 Prozent.

Auch im Kanton St. Gallen wurden in den vergangenen zehn Jahren vier Polizeistellen geschlossen. Zuletzt traf es den Posten in Abtwil, der seit gestern offiziell Geschichte ist. Zwar sind im Kanton St. Gallen zurzeit keine weiteren Schliessungen geplant. Doch das könnte sich ändern. «Wir müssen uns aufgrund der Sparmassnahmen tatsächlich überlegen, ob wir noch weitere Polizeistationen schliessen müssen», sagt Hanspeter Krüsi, Mediensprecher der St. Galler Kantonspolizei. In Appenzell Ausserrhoden wurde Anfang 2017 der Polizeiposten in Walzenhausen aufgehoben.

Polizeiposten werden kaum mehr frequentiert

Der Hauptgrund für die Schliessung kleiner Posten ist simpel: Sie werden immer seltener besucht. Manchmal vergehen gemäss Thurgauer Kantonspolizei Tage, ohne dass ein einziger Telefonanruf eingeht. Für Anzeigen und Auskünfte können sich Bürgerinnen und Bürger schon heute an einen beliebigen Posten wenden, zum Beispiel am Arbeits- oder Einkaufsort. Oder sie melden einen Diebstahl im Internet beim virtuellen Polizeiposten Suisse ePolice. Die Ostschweizer Polizeikorps setzen deshalb schön länger auf das Konzept von grösseren mobilen Polizeieinheiten. Dadurch wollen sie ihre Mitarbeiter flexibler einsetzen können. Die Logik dahinter: Die Polizisten sollen raus aus den Büros, damit sie auf Strassen und in Quartieren Präsenz markieren können. Andy Theler, Mediensprecher der Thurgauer Kantonspolizei, sagt:

«Ein mit ‹Polizei› angeschriebenes, oft nicht besetztes Haus bringt keine Sicherheit»

Die Digitalisierung beschleunigt diese Konzentration zusätzlich: Polizisten sind heutzutage dank Smartphone und Laptop nicht mehr an ein Büro gebunden. So stellt die Kantonspolizei St. Gallen im eigenen App-Store mehrere polizeiliche Apps zur Verfügung. Polizisten können zum Beispiel in einer Journal-App unterwegs Tatbestände aufnehmen, und in einem Live-Ticker verfolgen sie aktuelle Meldungen zu Fahndungen und anderen Ereignissen.

Politiker kritisieren Verlust an Bürgernähe

Der Thurgauer CVP-Kantonsrat Josef Gemperle sieht den Abbau von Polizeiposten allerdings kritisch. Er befürchtet, dass dadurch der direkte Austausch mit der Bevölkerung verloren geht. «Es ist wichtig, dass Polizisten zum Beispiel am örtlichen Jahrmarkt präsent sind», sagt er. So hätten sie den Finger am Puls der Bevölkerung und könnten auch mal unbürokratisch einen Hinweis entgegennehmen. Gemperle bestreitet nicht, dass die Polizeiposten in kleinen Dörfern ­immer seltener frequentiert werden. Er würde sich deshalb auch nicht gegen eine Einschränkung der Öffnungszeiten wehren. «Die Polizisten muss man im Dorf und in der Region kennen, und die Statistiken belegen ja gerade den Erfolg der dezentralen Strategie.» Die Zentralisierung der Polizeiposten sei der falsche Weg, Patrouillenfahrzeuge seien anonym und schüfen weder Vertrauen noch Sicherheit.

Besonders sauer stösst Gemperle auf, dass die Thurgauer Sicherheitsdirektorin Cornelia Komposch mit dem Schliessungsentscheid Fakten geschaffen habe, ohne den Grossen Rat einzubeziehen. «Das ist ein Affront gegenüber dem Parlament», sagt er. Seit Januar ist eine Motion hängig. Darin fordern Gemperle und Vertreter weiterer Parteien ein Mitspracherecht bei der Zahl der Polizeiposten. Die Frist zur Beantwortung läuft demnächst ab.

Polizei reagiert auf veränderte Lebensgewohnheiten

Christoph Niederberger, Direktor des Schweizerischen Gemeindeverbands, will die Schliessung der Polizeistellen weder als gut noch als schlecht bezeichnen. Mit der Gemeindelandschaft verändere sich auch die Grundinfrastruktur. «Das sehen wir bei den Poststellen, aber auch im Zusammenhang mit den Polizeiposten», so Niederberger. Wichtig sei, dass solche Veränderungsprozesse zusammen mit den Gemeindebehörden vonstattengingen. «So werden vor Ort die richtigen Lösungen gefunden und nicht einfach zentralistisch verfügt.»

Auch Christian Reutlinger, Leiter des Instituts für Soziale Arbeit an der FHS St. Gallen, sieht die Schliessung der Polizeiposten auf dem Land in einem nüchternen Licht. «Es ist eine längst über­fällige Reaktion der Polizei auf eine gesellschaftliche Veränderung», sagt er. Heutzutage arbeiteten viele Menschen in der nächst gelegenen Stadt und kämen nur noch zum Schlafen ins Dorf. Informationen hole man sich im Internet oder mit einem Telefonanruf.

Dorfpolizisten sind wie Gassenarbeiter

Früher waren Dorfpolizist, Arzt, Pfarrer, Lehrer und Gemeindepräsident die zentralen Autoritäten in einer Gemeinde. Doch diese starren Rollen hätten sich aufgelöst, sagt Reutlinger. «Wir müssen aufpassen, dass wir nicht am Bild einer heilen Dorfwelt festhalten, die es längst nicht mehr gibt.» Nur weil ein Polizeiposten schliesse, bedeute dies nicht das Ende einer Gemeinde. Gleichzeitig betont auch Reutlinger, wie wichtig die Nähe zu den Bürgerinnen und Bürgern sei. «Die Polizisten müssen sich zu den Menschen aufmachen», fordert er.

In der sozialen Arbeit sei dieser Trend schon länger zu beobachten. Die Spitex-Pflegerinnen gingen zu alten Menschen, damit diese möglichst lange bei sich zu Hause wohnen bleiben können. Und das Konzept der mobilen Jugendarbeit sei eine Reaktion auf die leer bleibenden ­Jugendhäuser auf dem Land. Reutlinger vergleicht den modernen Dorfpolizisten mit Jugend- oder Gassenarbeitern. «Polizisten müssen aus ihrem Streifenwagen aussteigen, mit den Leuten ins Gespräch kommen und so Vertrauen aufbauen.»

Tiefste Polizeidichte der Schweiz

Zwar versprechen die Thurgauer und St. Galler Polizeikorps, dass auch mit weniger Polizeiposten die Patrouillentätigkeit auf dem Land nicht abnehmen ­werde. Klar ist aber auch: Für eine sichtbare Polizeipräsenz braucht es ausreichend Personal. Wie angespannt die personelle Situation ist, wurde zuletzt diese Woche deutlich. Gleich zwei Häftlingen gelang im Thurgau und im Kanton St. Gallen bei einem Arztbesuch die Flucht. Einen Grund für den Vorfall sieht die Thurgauer Kantonspolizei im Personalmangel: «Wir haben leider nicht die Kapazitäten, jeden Gefangenentransport mit mehreren Polizisten zu begleiten.»

Dies lässt sich auch an der unterdurschnittlichen Polizeidichte der Ostschweizer Kantone ablesen. Im Thurgau ist sie sogar schweizweit am tiefsten: Auf 710 Einwohner kommt ein Polizist. Trotzdem ist ein Ausbau des Polizeikorps auf politischer Ebene umstritten. Dies wurde ebenfalls diese Woche in der Budgetdebatte im St. Galler Kantonsrat deutlich. Sicherheitsdirektor Fredy Fässler forderte 15 zusätzliche Stellen für die Kantonspolizei, erhielt aber nur die finanziellen Mittel für zehn neue Stellen.